Wir müssen reden

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„Der einzige Himmel, in den ich je gekommen sein werde“. Solche und andere Sprüche lese ich an den Innenwänden versiffter Clubtoiletten. Mit Edding wurden verzweifelte Botschaften an die Türen geschmiert, stille Hilferufe junger Menschen, die sich verloren fühlen. Und nicht nur Clubtoiletten, auch das Internet ist voll von Schreien nach Hilfe, getarnt als Witze und Memes. Wenn man früher Studenten zu Anfang des Studienbeginns nach ihren Gefühlen fragte, dann berichtete die Mehrheit von Vorfreude und positiven Erwartungen. Fragt man heute hingegen, ist das Bild ein anderes. Die jungen Menschen haben nicht nur weniger Freude, sie haben vor allem Angst. Angst davor, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, Angst davor, den sozialen Anschluss zu verpassen.

Dahinter steckt eine Erkrankung, die schon lange nicht mehr nur Randgruppen betrifft und die sich zu einem großen gesellschaftlichen Problem entwickelt hat. Die Rede ist von Depressionen, die lange als Tabuthema galten und auch heute oft ein schwieriges Thema sind und zum beschämten Senken zahlreicher Köpfe in Gesprächsrunden führt. In Deutschland wurde in den letzten Jahren ein erschreckender Trend auffällig: Immer mehr Menschen sind von dieser Krankheit betroffen. Woran liegt das?

Zuerst einmal: Was sind Depressionen überhaupt? Depressionen sind keine „traurigen Phasen“ und sie gehen auch nicht weg, wenn andere sagen: „Reiß dich mal zusammen, so schlecht geht es dir doch gar nicht.“ Stattdessen handelt es sich um eine psychische Erkrankung, die je nach Schweregrad die Betroffenen in ihrem Alltag einschränkt, bis hin zu dem Punkt, an dem sie das Bett für mehrere Tage nicht verlassen können, bis hin zu dem Punkt, an dem der Tod der einzige Ausweg zu sein scheint.

Es gibt mehrere Formen der Depression

In der klinischen Psychologie wird zwischen zwei Formen der Depression unterschieden. Während es bei der unipolaren Depression nur zu depressiven Phasen kommt, gehen die bipolaren Störung zusätzlich mit manischen Phasen einher, die das genaue Gegenteil zur Depression bilden. Hier fühlt sich der Betroffene unbesiegbar, kommt mit wenig Schlaf aus und sprudelt förmlich vor Energie. Die manischen Phasen werden jedoch oft von psychotischen Zuständen begleitet, die dann bis zu einer Einlieferung ins Krankenhaus führen können. Zum Glück sind bipolare Störungen eher selten, das gilt jedoch nicht für unipolare Depressionen. Hier wird noch einmal in die Major Depression und die Dysthymie unterschieden. Die Major Depression ist im Gegensatz zur Dysthymie nur etwa zwei Wochen anhaltend, jedoch von den gleichen Symptomen gekennzeichnet. Ist ein Betroffener an der Dysthymie erkrankt, die im Volksmund auch depressive Störung genannt wird, dann halten die Symptome hier bereits zwei Jahre an.

Wer an einer Form der Depression erkrankt ist, ist nicht einfach nur traurig. In Wirklichkeit gibt es ein breites Spektrum an Symptomen, von denen die Erkrankten unterschiedlich stark betroffen sein können. Dazu gehören die bekannte Niedergeschlagenheit, aber auch der Verlust der Freude an fast allen Aktivitäten, Interesselosigkeit und Energieverlust. Oft gehen Depressionen mit Schlafproblemen und einem Verlust des Selbstwertgefühls einher, bis hin zu suizidalen Gedanken.

5,3 Millionen Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Depression

In Deutschland ist jeder Fünfte einmal im Leben an Depressionen erkrankt. Frauen sind dabei fast doppelt so häufig betroffen, die Gründe dafür sind verschieden. Diskutierte werden verschiedene Ansätze, zum einen, dass es durch traditionelle Rollenbilder eine Tendenz von Männern gibt die Symptome zu verschweigen. Auch 2019 ist es nicht immer einfach für Männer Emotionen und Gefühle zu zeigen. Auf der anderen Seite stehen vor allem weibliche Sexualhormone in der Diskussion mit Depressionen in Verbindung zu stehen. Zusätzlich zeigen Daten, dass Mädchen doppelt so häufig Opfer von sexualisierter Gewalt in der Kindheit erfahren, als Jungen.

Doch nicht nur immer mehr Menschen erkranken an Depressionen, zusätzlich zeigen Studien, dass schwere Depressionen mit jeder Generation früher beginnen. Im Jahr 2013 lag der Anteil schwerer Depressionen bereits bei 20% unter den 20-30jährigen. Zusätzlich stieg die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen Depressionen in Behandlung sind, in den letzten zehn Jahren um 100%. Die erschreckenden Zahlen werfen vor allem die Frage nach dem Warum auf, jedoch auch, wie die Versorgung verbessert werden kann, denn nur die Minderheit aller Menschen, denen Depressionen diagnostiziert wurden, erhalten eine angemessene Behandlung.

Das 21. Jahrhundert bringt neue gesellschaftliche Zwänge

Die Gründe für den starken Anstieg erkrankter Menschen sind genauso zahlreich, wie vage. Als Hauptfaktor unter jüngeren Kindern wird vor allem Mobbing gehandelt. Besonders durch das Internet hat sich die Anzahl der von Mobbing betroffenen Kindern stark erhöht. Doch nicht nur Gleichaltrige üben Druck auf ihre Mitschüler aus. Leistungsdruck, der durch Eltern, Lehrer und Medien geschaffen wird, bringt viele Schüler und Schülerinnen an ihre Grenzen. Dieser Leistungsdruck zieht sich durchs ganze Leben. Die Angst davor, im Job oder Studium zu versagen ist groß. Zu groß mögen einige sagen. Unsere vom Kapitalismus geprägte westliche Kultur hat einfach keinen Platz für diejenigen, die nicht ihren Ansprüchen gerecht werden, die nicht mithalten können im Wettrennen um das beste Abitur, den besten Studienabschluss, den besten Job und das teuerste Auto. Die Welt wird immer schneller und das wirkt sich auch auf die Arbeitswelt auf. In einer Gesellschaft in der ein einzelner Arbeitnehmender schneller ersetzt wird, als man Arbeitnehmerrechte sagen kann, gehen viele über ihre körperlichen Grenzen, bis es irgendwann einfach nicht mehr geht.

Ein weiterer Faktor stellt auch die zunehmende Auflösung familiärer Strukturen dar. Die erste eigene Wohnung bringt viel mehr Verantwortung mit sich, als man dachte. Und eben auch mehr Einsamkeit. Die Selbstfindungsphase ist mit Beginn der Adoleszenz in vollem Gange und Unsicherheit gehört zum Lebensalltag. Die Frage nach dem Selbst kann zwischen Stromrechnung und Hausarbeit ziemlich überfordernd sein. Wer bin ich? Eine Frage, auf die jede neue Antwort, noch mehr Fragen aufwirft.

Früher hatten die Menschen auch Probleme

Ob diese neuen gesellschaftlichen Zwänge wirklich mehr Druck auf Menschen auswirken, ist unter Soziologen umstritten. Früher hatten die Menschen auch Probleme, nur waren es andere. Mit der Modernisierung gibt es eben auch einen Wandel der Problemfelder. Andere Theorien besagen, dass es eigentlich nicht mehr Erkrankte gibt, sondern nur bessere Möglichkeiten der Diagnose. Und wieder andere vertreten die Meinung, dass die Messlatte einfach im Laufe der letzten Jahre nach unten verlegt wurde und Depressionen heute bereits viel früher diagnostiziert werden.

Doch die Fakten bleiben. In Deutschland gibt es jährlich mehr Suizidtote, als Verkehrsunfälle, Drogen und AIDS zusammen. Weltweit handelt es sich laut der WHO um 800.000 Suizide. Es muss also noch viel getan werden, denn die Stigmatisierung einer Krankheit, die manche Menschen bis in den Tod treibt, ist noch immer ein Teil unseres Alltags und Suizid noch immer ein Tabuthema. Dabei müssen wir reden. Wir müssen miteinander reden, wir müssen über diese Krankheit reden, immer und immer wieder. Depressionen und Suizid dürfen keine Themen mehr sein, die totgeschwiegen werden. Am 10. November 2009 nahm sich DFB-Torwart Robert Enke das Leben, weil er zu beschämt war über seine Krankheit zu sprechen. Daraufhin gründete seine Frau die Robert-Enke-Stiftung, die sich heute für die Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung über Depressionen einsetzt. Damit sich eine so tragische Geschichte, wie die des geliebten Fußballers Robert Enke, sich nicht wiederholen muss, damit niemand mehr beschämt sein muss, über seine Krankheit zu sprechen.

Jeder kann etwas tun

Wenn ein Mensch sich entscheidet sein Leben zu beenden, dann ist das unendlich traurig. Es gibt jedoch Alarmzeichen, die ernstgenommen werden sollten und bei denen Hilfe eingeholt werden darf und sollte. Das im Volksmund bekannte Vorurteil, wer davon spricht, sich das Leben zu nehmen, der tut es eh nicht, ist leider nicht wahr. Besonders Menschen, die bereits von einem ausgefeilten Plan berichten, sollten ernstgenommen werden. Berichten diese Menschen zusätzlich noch von großer Hoffnungslosigkeit und sind sozial isoliert, sollte professionelle Hilfe eingeschaltet werden. Jeder kann etwas tun. Das wichtigste ist, den Betroffenen zuzuhören. Es ist okay das Thema Suizid offen anzusprechen, die Betroffenen erzählen zu lassen und vor allem, sie und ihre Sorgen ernst zu nehmen. Außerdem ist es wichtig, sich um diese Menschen zu sorgen, ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass sie geliebt werden.

Die unbequemste Frage von allen bleibt am Ende übrig. Müssen wir uns als Gesellschaft ändern? Awareness ist ein tolles Wort und es ist sicherlich begrüßenswert, dass psychische Krankheiten im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen sind und sie immer weniger stigmatisiert werden. Trotzdem ist es bestürzend, wie viele junge Menschen über Burnouts klagen, wie viele Jugendliche so starke Angst vor Prüfungen haben, dass sie tagelang nichts essen können. Vielleicht müssen wir einmal einen Schritt zurücktreten und Abstand gewinnen. Einmal Distanz nehmen von der Leistungsgesellschaft die von CDU Politiker Yunus Emre auf Twitter als „Erfolgsmodell Deutschland“ bezeichnet wurde.

Vielleicht sollten wir uns alle einmal Zeit nehmen und darüber nachdenken, was die Ansprüche der westlichen Gesellschaft mit uns machen und wie lange wir das noch hinnehmen wollen. Wir müssen einander zuhören, und auf unsere eigenen und die Bedürfnisse anderer achten. Und irgendwann werden wieder weniger Kinder mit blutunterlaufenen Augen und vor Angst zitternden Händen in Therapie sitzen und die Wände der Clubtoilette werden sagen: „Das Leben, das ist bereits der Himmel.“

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mental-illness-overview.jpg (changes were made)

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