Auf dem Weg zur Gleichberechtigung

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Am internationalen Frauentag 2019 ging ein Video durchs Internet, welches gespaltene Meinungen hervorrief. Zahlreiche Aktivistinnen gingen gemeinsam auf die Straße und sprachen in einem Sprechchor, gepaart mit einer Choreografie die Ungerechtigkeit gegenüber Frauen an. Der wohl bekannteste Teil: „Der Vergewaltiger bist du“. Gemeint ist die Performance einer feministischen Bewegung aus Chile, die sich mit ihrer Aktion auf die Straflosigkeit von Mördern und das Verschwindenlassen und Vergewaltigen von Frauen in ihrem Land aufmerksam machen wollten. Das Video ging um die Welt und wurde von zahlreichen Ländern adaptiert und übersetzt. Mittlerweile gibt es sogar eine Version für Gehörlose.

Den Feminismus gibt es schon lange, doch durch das Internet ist die Bewegung in den letzten Jahren besonders groß geworden und hat viel Aufmerksamkeit erhalten. Zahlreiche Seiten und Gruppen werben im Internet für Gleichberechtigung und das Ende des Patriarchats und rufen zu verschiedensten Aktionen auf. Ich selbst war vor einigen Wochen bei einem feministischen Poetry Abend, organisiert vom Queer-Referat der FH Münster und war begeistert von der Unterschiedlichkeit der Künstler und Teilnehmer. Doch der Feminismus steht immer wieder in Kritik, wird gar als überflüssig und anmaßend bezeichnet. Dabei ist die Bewegung viel komplexer, als man zunächst glauben mag.

Feminismus darf sich widersprechen

Es gibt nicht bloß einen Feminismus, auch wenn uns das Kritiker oft glauben machen wollen. Tatsächlich existieren verschiedene Strömungen, die sich teilweise in ihren Aussagen auch widersprechen. Und das ist gut so, denn es zeigt genau, wofür Feminismus eigentlich steht: Diversität und die Akzeptanz dieser. Generell setzt sich die feministische Bewegung für die Gleichstellung aller Menschen, gegen Sexismus und im Besonderen gegen die Diskriminierung von Frauen ein. Dabei geht es nicht nur darum, dass auch heute im Jahr 2020 die meiste Macht beim männlichen Geschlecht liegt, sondern auch, wer als kompetent angesehen wird und wer in Geschichtsbüchern auftaucht. Das Ziel der Feminismusbewegung ist es nicht, Frauen an die Macht zu bringen und Männer zu unterdrücken. Im Gegenteil, Feminismus stellt auch für Männer eine Möglichkeit der Entfaltung dar. Weinen dürfen, Gefühle zeigen, sich schminken oder einen Rock tragen, ohne abwertend angesehen oder als schwul bezeichnet zu werden, ist ebenfalls etwas, das unter Gleichstellung von Männern und Frauen fällt.

Eine der beiden größten Strömungen im Feminismus, ist der Differenzfeminismus. Die Anhänger vertreten die Ansicht, dass alle Menschen und alle Geschlechter verschieden sind. Ihnen geht es um die Akzeptanz dieser Diversität. Dem gegenüber steht die Strömung des Gleichheitsfeminismus. Hier geht es um die Überwindung des „Anderen“, denn in den Augen der Anhänger dieser Strömung, sind alle Menschen und Geschlechter gleich. Ob die eine, oder die andere Strömung plausibler ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Natürlich geht es heute nicht mehr wie vor 100 Jahren um das Wahlrecht für Frauen oder den Zugang zu Bildung und Arbeit. 2020 kämpfen Menschen jeder Kultur und Nationalität gegen Diskriminierung und Vorurteile. Das betrifft die Forderung nach mehr Frauen in Führungspositionen, die Frage, wer die Kinderbetreuung übernimmt und die Anerkennung anderer Lebensentwürfe, die nicht dem der typischen Familie entsprechen.

Das ist der Punkt, an dem sich manche Menschen fragen werden, brauchen wir das alles noch? Sind das nicht kleinkarierte Probleme der ersten Welt, die nichts Besseres zu tun hat, als sich über die Farbe von Strampelanzügen zu echauffieren? Immerhin befinden wir uns im Jahr 2020, in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt.

Die Antwort ist einfach und sie lautet ja. Wir brauchen den Feminismus und das mehr als je zuvor. Vor einiger Zeit bekam ich ein Video zugeschickt, welches einen Ausschnitt aus einem Interview des Psychologen Jordan Peterson, Professor an der University of Toronto zeigt. Darin sagt er wörtlich: „Western Societies are male-dominated patriarchy […] that’s not true and even if it has a patriarchal structure to some degree the fundamental basis of that structure is not power it’s competence.“ Richtig gehört, ein renommierter Universitätsprofessor behauptet, es gäbe kein Patriarchat in Europa und wenn solche Strukturen aufzufinden wären, dann würden sie nicht auf Macht, sondern Kompetenz basieren. Danach führt er das noch viel erschreckendere Beispiel eines Klempners auf. Er erklärt, niemand würde eine weibliche Klempnerin beauftragen, doch das läge alleine daran, dass Männer den besseren Service anbieten würden. Aber genau hier liegt das Problem, denn natürlich beauftragt niemand eine weibliche Klempnerin, wenn in der Gesellschaft das Bild einer Frau verankert ist, die es nicht einmal schafft, alleine eine Wasserflasche zu öffnen. Dieser Klempnerin wird keine Chance gegeben und deshalb brauchen wir Feminismus, auch im Jahr 2020, auch in Deutschland.

„Boys will be Boys“

Es beginnt schon im frühen Kindesalter bei den Geschlechterrollen. Geschlechterspezifische Verhaltensweisen entwickeln sich erst im Laufe des Kindes- und Jugendalters und sind durch die Kultur geprägt. Durch bestimmte Erwartungen der Gesellschaft den Anforderungen an die Rollen zu entsprechen, passen sich Kinder und Jugendliche schon früh an, weil ihnen sonst oftmals Ausgrenzung und Mobbing droht. Für manche passen diese Rollen und es ist überhaupt nicht falsch als Frau die Farbe Rosa zu mögen oder gerne reiten zu gehen, für manche passt es allerdings nicht. In den letzten Jahren ist die Debatte um das nicht-binäre Gendersystem besonders stark geworden und die Bewegung konnte bereits große Erfolge erzielen. Die Bezeichnung „divers“ wurde offiziell anerkannt und stellt einen wichtigen Schritt in Richtung der Gleichberechtigung für alle Menschen dar. Denn es gibt eben Menschen, die sich weder weiblich, noch männlich fühlen und auch wenn das für viele nicht verständlich ist, ist es wichtig auch diese Menschen zu akzeptieren.

Die Geschlechterrollen sind im Wandel und auch in der Erziehung bemühen sich immer mehr Eltern und Erziehende auf eine geschlechtsunspezifische Erziehung zu achten. Kleinkinder nehmen noch keine Rollen war, ab dem 3. Lebensjahr werden diese jedoch unreflektiert von den Bezugspersonen übernommen. Daher haben Eltern und Erziehende besonders bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren eine große Verantwortung. Der Wille ist da, die Umsetzung zeigt sich jedoch als schwierig. In vielen Kitas gibt es Ecken mit geschlechtsspezifischem Spielzeug, wie etwa den Baukasten und die Puppenecke, in Bilderbüchern und anderen Geschichten werden Rollenbilder plakativ dargestellt. Hier gilt es für Eltern und Erziehende, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Gibt es Situationen, in denen ich mich typisch weiblich/männlich verhalte? Erwarte ich bei Mädchen und Jungen Unterschiede im Sozialverhalten? Mädchen reifen nicht früher, weil ihnen das ihr genetischer Code so vorgibt. Tatsächlich wird gleichaltrigen Jungen kindliches und unreflektiertes Verhalten viel öfter durchgehen gelassen, als dies bei Mädchen der Fall ist.

Die Gender Pay-Gap ist kein Mythos

Geschlechterspezifische Unterschiede ziehen sich weiter bis ins Erwachsenenalter. Eines der wohl bekanntesten Themen, bei dem diese Unterschiede zu Problemen führen, ist die Gender Pay-Gap. In Deutschland beträgt die Differenz zwischen dem Gehalt eines männlichen und einer weiblichen Angestellten ganze 21%. Rechnet man den Teil des Verdienstes heraus, der auf strukturellen Unterschieden, wie Berufswahl, Beschäftigungsumfang und Bildungsstand basiert, beträgt die Differenz zwar nur noch 6%, doch der wesentliche Punkt bleibt. Frauen verdienen weniger, und das aus verschiedenen Gründen. Während die meisten Männer einem Vollzeitjob nachgehen, arbeitet die Mehrheit der Frauen in Teilzeit. Warum? Weil Sorgearbeit noch immer eher von Frauen geleistet wird. Geht es um die Kindeserziehung oder die Pflege von kranken Angehörigen sind es meistens die Frauen, die ihre Stundenzahl reduzieren oder sogar ganz auf ihren Job verzichten. Zusätzlich arbeiten Frauen meist in Branchen mit niedrigerem Lohnniveau, kurz gesagt, Frauenarbeit wird schlechter bezahlt. Damit sich das ändert, brauchen wir Feminismus.

Mehr als 9.000 erfasste Fälle von sexuellen Übergriffen

Nicht nur die Arbeitswelt braucht Feminismus. Im Rahmen meines Studiums stellte uns eine Psychologin ihre Arbeit bei einer Frauenberatungsstelle vor. Sie erzählte, dass viele ihrer Klientinnen sich nicht trauen würde, Fälle von häuslicher Gewalt zur Anzeige zu bringen oder überhaupt den Schritt zu tun und die gewaltvolle Beziehung zu verlassen. So etwas macht mich als Frau gleichzeitig traurig und wütend. Es scheint unglaublich, doch Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 strafbar. Auch in meinem Freundeskreis kennt jede das Thema. So gut wie jede meiner weiblichen Bekannten wurde schon einmal gegen ihren Willen sexuell genötigt, ob verbal oder körperlich. Ich kann nicht zählen, wie oft mir hinterhergepfiffen wurde, wie oft ich berührt wurde, obwohl ich es nicht wollte. Trotzdem werden noch immer die Opfer als die Schuldigen hingestellt. Dann kommen Sätze wie: „Dann hätte sie sich nicht so anziehen sollen, dann wäre das nicht passiert“. Liebe Leute, ich frage euch, was soll diese Aussage? Jede Frau hat das Recht sich zu kleiden, wie sie es für richtig empfindet und ein kurzer Rock ist keine Einladung sie sexuell zu belästigen. Woher nehmen sich diese Menschen das Recht über den Körper einer Frau zu entscheiden? Diese systematische Ungerechtigkeit löst in mir und zahlreichen anderen Frauen eine unglaubliche Hilflosigkeit aus.

Aus der polizeilichen Kriminalstatistik des BKA geht hervor, dass die Zahl sexueller Übergriffe zwar rückläufig, jedoch immer noch erschreckend hoch ist. 2018 wurden mehr als 9.200 Fälle registriert, davon wurden etwa 7.700 aufgeklärt. 74,6% der Betroffene sind Erwachsene ab 21 Jahren, 13,4% Heranwachsende zwischen 18 und 21. Wenn man sich die Geschlechterverteilung ansieht, wird die Problematik deutlich. In 92% der Fälle wurde die Anzeige von einer Frau erstattet, und 98,77% der Tatverdächtigen unter den Erwachsenen ab 21 Jahren sind männlich. Das ist kein „Ungleichgewicht“, wie Jordan Peterson es im genannten Interview bezeichnet, das ist eine systematische Missachtung der Menschenwürde und des weiblichen Körpers. Und wenn ein US-Amerikanischer Politiker (Lawrence Lockman, Republikanische Partei) sagt, wenn eine Frau das Recht zur Abtreibung hat, dann sollte auch der Mann das Recht haben seine überlegene Stärke zu nutzen und sich einer Frau aufzuzwingen, dann regen sich Menschenrechtler zurecht darüber auf. Clayton Williams, ebenfalls Mitglied der Republikaner äußerte wörtlich: „Rape is kinda like the weather. If it’s inevitable, relax and enjoy it.“ Da möchte man an der Intelligenz der Rasse Mensch zweifeln.

In Brasilien zeigte ein Experiment, wie die Situation abseits von Zahlen im realen Leben aussieht. Im Auftrag der Getränkefirma Schweppes wurde ein Kleid entwickelt, welches registriert, wenn die Trägerin berührt wird. In einer Nacht wurde das Kleid in einem Nachtclub von drei verschiedenen Frauen getragen. Die ganze Erhebung dauert 3 Stunden und 47 Minuten, in dieser Zeit wurden die Trägerinnen ganze 157 Mal berührt und angefasst. Das sind mehr als 40mal pro Stunde, und das obwohl die Trägerinnen mehrmals deutlich sagen „Sprich mit mir, ohne mich anzufassen.“ Viele Männer reagierten auf die Ergebnisse des Experiments schockiert, denn für viele stellen Übergriffe auf Frauen in Nachtclubs kein wirkliches Problem dar, wie sich in dem Video ebenfalls erkennen lässt. „Die heulen doch nur rum“, meint einer der befragten Männer vor dem Nachtclub.

Feminismus heißt bei sich selber anzufangen und sein eigenes Verhalten zu hinterfragen

Heute werben Modemarken mit Feminismus, jede große Kette führt mindestens ein Oberteil mit dem Schriftzug „Feminist“ in ihrem Sortiment. Es ist ein schönes Zeichen, denn es zeigt, wie wichtig es geworden ist, selbstbewusst, kritisch und reflektiert wahrgenommen zu werden. Doch ein T-Shirt anziehen reicht leider nicht aus, um zu einer Veränderung beizutragen.

Es gibt viele Wege sich für den Feminismus stark zu machen und fast alle fangen bei einem selbst an. Fragt euch doch selbst einmal, ob es eine Frau gibt, die euer Vorbild ist. Und wenn nicht, fragt euch, warum das so ist. Denn in der Geschichte hat es durchaus viele Frauen gegeben, die großartiges vollbracht haben. Da wäre Shirley Ann Jackson, eine Physikerin, deren Arbeit heute Solarzellen und Glasfaserkabel ermöglichen. Oder Marie Curie, bis heute die einzige Frau, die zweimal den Nobelpreis erhielt. Übrigens, wer sie nicht kennt, sie prägte den Begriff der Radioaktivität, es lohnt sich also dies Frau einmal zu googlen.

Hinterfragt eure eigenen Verhaltensweisen und Erwartungen, besonders Kindern gegenüber, denn Menschen verhalten sich immer entsprechend der Erwartungen, die wir an sie haben und entsprechend ihres Glaubens über unsere Erwartungen.

Auch Männer können Feministen sein

Zunächst einmal ist es erlaubt, dass jeder seine Meinung äußern darf und das zu jedem Thema, auch wenn der Spruch „no uterus, no opinion“, spätestens seit der Erwähnung in der Serie Friends an Prominenz dazugewonnen haben dürfte. Auch Männer können Feministen sein und damit schwächen sie nicht etwa ihre Männlichkeit. Das ZDF Neo Magazin veröffentlichte zum Weltfrauentag ein Video, in dem Männer versuchten zu erklären, was bei der Menstruation passiert. Bei den desaströsen Antworten ist man sich nicht sicher, ob man lachen oder weinen soll. Lasst Frauen ausreden und schenkt ihnen glauben, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten. Männern genauso. Jordan Peterson zeigt beispielhaft, wie man es nicht macht. Er unterbricht die Interviewerin mehrmals und lässt sie nur eine Frage überhaupt komplett zu Ende führen.

Es gibt so viele Punkte, an denen Deutschland den Feminismus braucht. Dass die Kleidung von Merkel kommentiert wird und die von ihrem Amtskollegen Macron nicht, ist nur eine Facette eines schwer aufzuhaltenden Systems. Dass Jungen sich schämen, auf dem Schulhof nicht raufen zu wollen, dass Mädchen sich erniedrigt fühlen, wenn sie ihre Periode bekommen und nach tausend Wegen suchen, unauffällig mit einem Tampon zur Schultoilette zu gehen, sind andere. Und dass ich mir bei meinem Nebenjob an der Garderobe eines Veranstaltungshauses beinahe jedes Mal sexistische Kommentare anhören muss, ist eine ganz persönliche.

Die Probleme patriarchaler Strukturen sind tief verwurzelt und sie aufzulösen ist schwierig, doch das darf kein Grund sein, sich nicht weiter dafür einzusetzen. Gemeinsam für die Gleichstellung aufstehen und am Ende sagen können, jetzt ist es geschafft, wir brauchen keinen Feminismus mehr, das ist ein Bild der Zukunft, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%22The_Future_is_Feminist%22_(31691386593).jpg

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