Der Traum vom schnellen Geld

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„I landed in this country with $2.50 in cash and $1 million in hopes, and those hopes never left me“

Charles Ponzi

Einmal im Jahr kostenlos in den Urlaub. Einen Firmenwagen gestellt bekommen. Ein risikofreies Nebeneinkommen, vierstellig oder mehr. Sich nie wieder Sorgen machen müssen, schöne Haut haben und für immer gesund sein. Es klingt absurd, doch nichts geringeres versprechen Vertriebspartner verschiedener Multi-Level-Marketing Konzerne auf Instagram, Facebook und Co. Es klingt verlockend, doch ist in Wahrheit ein gefährliches Spiel mit den Träumen vieler junger Menschen. Dem Traum vom schnellen Geld.

Hinter dem Begriff Multi-Level-Marketing oder auch Network-Marketing, Empfehlungsmarketing oder Strukturvertrieb steckt ein System aus Vertriebspartnern. Geld kann man über zwei Wege machen: der erste über den Verkauf von Produkten, wie zum Beispiel Fitness Supplies oder Computerprogramme. Hierbei handelt es sich um das sogenannte aktive Einkommen, bei dem der Verkäufer also selbst arbeiten muss. Über diese Schiene lässt sich allerdings kein großer Gewinn erwirtschaften, da man als Verkäufer die Produkte selbst erst in größeren Mengen einkaufen muss. Das wahre Geld wird anders gemacht.

Das sogenannte passive Einkommen ist der Teil, der das Multi-Level-Marketing für viele so attraktiv macht. Als Vertriebspartner des Produkts kannst du weitere Vertriebspartner werben. Diese kaufen zum einen von dir ihre Produkte, zum anderen erhältst du einen Prozentsatz ihres Gewinns. So entsteht eine Down-Line oder Matrix. Je weiter oben man in dieser Matrix steht, desto höher wird das passive Einkommen, da neu rekrutierte Vertriebspartner wiederrum neue Verkäufer rekrutieren und so geht es immer weiter. Das Beste daran: für dieses passive Einkommen muss man selbst nicht einmal arbeiten, schließlich tut deine Down-Line die Arbeit. Geld verdienen, ohne etwas dafür zu tun? Klingt perfekt, ganz so einfach ist es dann aber doch nicht.

Die Produkte stapeln sich in leeren Garagen

Das Phänomen MLM gibt es seit Jahren und seit Jahren werden damit Menschen in den finanziellen Ruin getrieben.
Um in den Vertriebspartnerstatus zu wechseln, muss man zunächst eine große Menge des Produktes abkaufen. Diese Menge wird man jedoch in den seltensten Fällen wieder los. Ganze Garagen stehen dann voll mit Proteinpulver und Nahrungsergänzungsmitteln, die schöne Haut und ein unschlagbares Immunsystem versprechen und die niemand kaufen will. Denn was schnell vergessen wird: je mehr Menschen in den Vertriebspartnerstatus wechseln, desto mehr Neukunden müssen gefunden werden. Um diesen Bedarf an Neukunden zu decken, müsste die Anzahl dieser exponentiell wachsen. Dass das nicht möglich ist, ist jedem mit gesundem Menschenverstand klar, doch wenn die Aussicht auf Reichtum winkt, dann setzt so manches Gehirn aus. Der Markt für das Produkt ist unglaublich schnell gesättigt und Vertriebspartner bleiben auf ihren zwangsweise gekauften Produkten sitzen.

Nur 0,57% erreichen ein vierstelliges Einkommen

Zusätzlich ist es tatsächlich nicht einmal halb so einfach ein vier- oder fünfstelliges passives Einkommen zu erreichen, wie die wenigen erfolgreichen Vertriebler einen gerne Glauben machen. Eine Beispielrechnung macht es deutlich. Um die Ebene zu erreichen, in der man 2000-3000€ pro Monat verdient, muss man selbst 176 Mitglieder gewonnen haben. Pro Monat kann davon nur einer in diese Ebene aufsteigen, das entspricht 0,57%. Eine Ebene höher sieht es noch schlechter aus. In die Ebene mit einem Einkommen von 16.000-17.000€ kommen nur noch ganze 0,02%. Die Möglichkeit zu verdienen besteht also, die Wahrscheinlichkeit ist allerdings sehr gering.
Es wird von großen Zahlen gesprochen, gemeint ist damit aber nicht das tasächliche Einkommen, sondern das Einkommenspotential. Bei einem MLM mitzumachen, bedeutet eine große Zeitinvestition. Zwar ist es möglich das passive Einkommen nebenberuflich aufzubauen, jedoch wird man so niemals viel Geld machen, dafür ist eine 40std. Woche nötig. Zusätzlich scheitern viele Vertriebler an mangelnden Fachkenntnissne und undurchsichtigen Strukturaufbaus. Das tolle Argument „von überall arbeiten zu können“, bedeutet eigentlich nur, dass es keine klare Jobbeschreibung gibt, keine festen Tarife, kein Absicherungen, gar nichts. Risikofrei ist da wirklich nichts.
Wagt man es auch nur das Wort gegen ein MLM zu erheben, dann wird einem vorgeworfen, man urteile vorschnell, man habe keine Vorstellungskraft und schließlich sei alles möglich.

Nun sei es jedem selbst überlassen sich einem MLM anzuschließen, oder es sein zu lassen, und es gibt viele bekannte MLMs, wie zum Beispiel Tupperware. Was jedoch illegal ist und sich trotzdem nicht viel von einem MLM unterscheidet sind Pyramid Schemes oder Schneeballsysteme. Diese fallen unter „unlauteren Wettbewerb“ und schon der Versuch strafbar.

Ein Schneeballsystem funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie ein MLM, mit einer Matrix aus „Investoren“ mit dem einzigen Unterschied, dass das Produkt stark überteuert ist oder dass es gar nicht erst existiert. Die versprochene Rendite wird allein darüber finanziert, dass neue Mitglieder sich zu einem hohen Preis einkaufen müssen.

Charles Ponzi und die Briefmarken

Die Geschichte der Schneeballsysteme begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit Charles Ponzi, einem Italiener, der seine Heimat gescheitert verlassen musste und in die USA zog. Dort stieg er rasant zu einem der reichsten Männer Amerikas auf. Am 12. August 1920 wurde er verhaftet und hinterließ 20.000 geschädigte Anleger. Wie hatte Charles Ponzi das gemacht? Der Italiener, der als Finanzgenie bekannt war, hatte entdeckt, dass man mit dem Tausch von Antwortscheinen in Briefmarken eine Rendite von damals 230% erhielt und das ganze ohne Kosten. Schon bald stiegen immer mehr Leute ein, denen er sensationalle Renditen versprach. Tatsächlich zahlte er diese Zinsen jedoch aus den nachströmenden Geldern der Anleger. Inzwischen hätte er eine ganze Flotte an Schiffen benötigt, um die Massen an Papier zu bewältigen. Schließlich brach das System zusammen und Charles Ponzi ging ins Gefängnis.

Das bisher größte System wurde im Dezember 2008 bekannt. Bernard Madogg hatte mit vermeintlichen Hedgefonds Investoren geködert und einen Schaden von 65 Mrd. Dollar hinterlassen. Er wurde zu 150 Jahren Haft verurteilt. Das gesamte System funktionierte über 15 Jahre lang, was für klassische Schneeballsysteme unwahrscheinlich ist, da diese sehr schnell in sich zusammenfallen.

Personenkulte und Selbstinszinierung

Die genannten Beispiele sind eindeutig für Schneeballsysteme, oft verschwimmen die Grenzen jedoch. Zum Beispiel bei iMarketsLive, ein Programm, das jedem ermöglichen soll in kürzester Zeit zu lernen wie ein Profi mit Aktien zu handeln. Dabei geht es vor allem um Währungsspekulationen. Als wäre es nicht fragwürdig genug sich an Spekulationen mit der Wirtschaft eines Landes und damit auch der Lebensgrundlage aller Menschen dort zu beteiligen, hat sich um den Gründer des Unternehmens zusätzlich noch ein extremer Personenkult aufgebaut. Richard Büttner, 25, lässt auf Instagramm Millionen von Followern an seinem Reichtum teilhaben. Er postet sein Leben auf Reisen, seine Autos, sein Privatjet. Er gibt Workshops für wenige ausgewählte Vertriebspartner, die sogar bereit sind ihre wertvollsten Gegenstände zu vernichten, nur weil Richard Büttner es sagt. Das Y-Kollektiv hat auf Youtube eine spannende Dokumentation über Büttner und iMarketsLive veröffentlicht, es lohnt sich dort einmal reinzuschauen.
iMarketsLive wird vorgeworfen ein Schneeballsystem zu sein, finanziert durch den Kaufpreis des tutoriellen Computerprogramms. Nachgewiesen werden konnten diese Vorwürfe jedoch bisher nicht.

Menschen wie Richard Büttner werden auf der ganzen Welt angehimmelt und bestaunt. Er wird zu Veranstaltungen eingeladen, bei dem tausende Menschen den zwanzig Erfolgreichen zuhören und sich Sätze wie „Frei werden, mehr Geld verdienen“ und „nichts ist unmöglich“ anhören. Berichte von eigenen Erfahrungen folgen und plötzlich scheint es so, als wäre der Traum von Tellerwäscher zum Millionär tatsächlich ganz einfach zu erreichen. Die Leute, die ganz oben stehen nennen sich „Selfmade Millionäre“, inszinieren sich auf Instagram und YouTube und ködern so besonders junge Menschen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich MLMs und Schneeballsysteme nicht.

Es gibt jedoch einige Warnhinweise, die auf ein Schneeballsystem hindeuten. Dazu gehören große Anfangsinvestitionen, wie etwa einen Kredit aufnehmen oder eine große Menge Ware im Voraus abnehmen zu müssen, die nicht zurückgegeben werden kann. Außerdem übermäßige versprochene Gewinne und Material und Unterlagen, die selbst bezahlt werden müssen.

Wir leben in einer gefährlichen Welt, in der viele Menschen alleine auf ihren Vorteil bedacht sind. Also passt auf euch auf und hinterfragt lieber zweimal, wenn euch Luxuwagen und kostenloser Urlaub angeboten werden. Wenn es zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es das in vielen Fällen auch.

Charles Ponzi hat aus seinem Leben gelernt, was wir alle im Kopf behalten sollten. „Damals – wie heute – scherte man sich einen Dreck um Ethik“, schreibt er 1937 in seinen Memoiren. „Der allmächtige Dollar war das einzige Ziel. Und sein Besitz erhob eine Person über alle Kritik […]“

Foto von Super Kuncheek von Pexels

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