Corona: was jetzt?

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Stand: 25.03.2020 – 17 Uhr | Dieser Artikel dient nicht der Information über aktuelle Werte, Zahlen oder Forschungsergebnisse. Für tagesaktuelle Daten, besucht bitte das RKI, das BMG oder das JHCRC.

Geschlossene Geschäfte, ein vorerst verschobener Semesterstart, strikte Ausgangsbeschränkungen und tägliche Sondersendungen: Der Coronavirus hat Deutschland, Europa und die Welt eng im Griff. Ob Deutschland auf diese Krise vorbereitet ist, ist streitbar. Die jahrzehntelange Privatisierung des Gesundheitssystems, sorgt bereits jetzt, am Anfang der Pandemie, mancherorts für einen Mangel an medizinischem Gerät und Personal. Dennoch wirkt der Umgang mit der aktuellen Ausnahmesituation von Seiten der Bundesregierung vor allem professionell und strukturiert, insbesondere im Vergleich zu den USA, wo Präsident Trump bereits mehrfach Falschmeldungen verbreitete. Dies könnte auch an Drucksache 17/12051 des Deutschen Bundestags liegen.

In einem „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ unterrichtet die Bundesregierung den Bundestag über Maßnahmen, die in Katastrophensituationen zum Einsatz kämen. Zwei beispielhafte Szenarien werden in diesem Bericht detailliert geschildert: Ein „extremes Schmelzhochwasser aus den Mittelgebieten“ und eine „Pandemie durch Virus Modi-SARS“. „Modi-SARS“ ist dabei ein Platzhaltername. Nach der SARS Epidemie 2003 sollte neun Jahre später vermutlich der erneute Ausbruch eines veränderten SARS Virus durchgespielt werden. Dabei wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dies auch ein neuartiger SARS-Coronavirus sein könnte. Erstellt wurde das Szenario durch das Robert-Koch-Institut, das derzeit eng an den Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus beteiligt ist. Die Zeilen der Szenariobeschreibung lesen sich wie eine Nachrichtenübersicht der letzten Monate: Ein neuartiger Virus wird im Februar in einem asiatischen Land von symptomfreien Tieren auf Besucher von Wochenmärkten übertragen. Von dort aus überträgt sich der Virus weltweit. In diesem konkreten Beispiel reisen zwei infizierte Deutsche von Asien nach Deutschland und bilden so die ersten Ansteckungspunkte innerhalb des Landes.

Um nachvollziehen zu können, inwieweit das Beispielszenario vergleichbar mit der aktuellen Krise ist, ist es wichtig, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Beispielerregers und des Covid-19 Erregers aufzuzeigen.

Modi-SARS (hypothetisch)

Covid-19 (erste wissenschaftlich geschätzte Daten)

  • Familie:
  • Inkubationszeit:
  • Infektiosität:
    .
  • Symptome:
    .
  • Übertragung:
  • Sterberate:
  • Coronavirus
  • Ø 3 Tage
  • Tag 1-16 nach Symptombeginn
  • Fieber, trockener Husten, Atemnot
  • Tröpchen aus Atemwegen
  • 10%
  • Coronavirus
  • Ø 6 Tage
  • Tag 1-6 nach Symptombeginn
  • Fieber, trockener Husten, Atemnot
  • Tröpfchen aus Atemwegen
  • 4,7% (weltweit/frühe Daten)

Die beiden Erreger sind also nur bedingt miteinander vergleichbar. Art und Weise der Erkrankungen stimmen zwar überein, insbesondere Sterberate und Infektiosität sind allerdings im hypothetischen Szenario wesentlich höher. Entsprechend sind alle Zahlen im Bericht in einem anderen Maßstab zu sehen. Beispielsweise gehen die Rechnungen im Szenario von etwa 7,5 Millionen Toten über einen Zeitraum von drei Jahren aus, trotz epidemologischen Maßnahmen. Hinzu käme eine höhere allgemeine Sterblichkeit aufgrund von ausgelasteten Pflege- und Gesundheitssystemen. Da für eine ähnliche Berechnung für den aktuellen Covid-19 Virus ausreichende Daten fehlen, kann eine wissenschaftliche Prognose über die Sterberate in Deutschland im Verlauf der Ausbreitung noch nicht angefertigt werden. Virologen gehen aber davon aus, dass sie weit unter dem Wert im Beispielszenario liegt. Derzeit sterben in Deutschland rund 0,4 Prozent der Coronapatienten, in China starben etwa 7,7 Prozent, in Italien 8,3 Prozent der Patienten. Weltweit starben 4,7 Prozent der dokumentierten Infizierten.

Wie verläuft eine Corona-Pandemie?

Im vom Robert-Koch-Institut ausgearbeiteten Szenario der Bundesregierung, sind 100 Prozent der Bevölkerung empfänglich für das Virus, alte und vorerkrankte Patienten haben jedoch eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen kritischen und letztendlich fatalen Krankheitsverlauf. Patienten, die gesund überleben, sind anschließend immun. Ähnlich scheint es sich auch mit dem Covid-19 Erregerstamm zu verhalten. Allerdings geht das RKI in den Szenarioberechnungen von einer regelmäßigen Mutation des Virus aus, wodurch dieser bereits gesundete Personen erneut infizieren könnte. Dadurch bricht der Modi-SARS Erreger über einen Zeitraum von 1080 Tagen in drei Wellen aus. Auch dieses Mutationsverhalten lässt sich laut ersten Erkenntnissen aus China auf den Covid-19 Virus übertragen. Ein Impfstoff gegen Modi-SARS ist im Szenario nach zwei Jahren entdeckt und nach insgesamt drei Jahren großflächig in der Bevölkerung verteilt, sodass die Krise als beendet angesehen werden kann. Auch in der aktuellen Situation rechnen Forscher mit einem Impfstoff in etwa eineinhalb bis zwei Jahren. Es könnte also auch nun drei Jahre und mehrere Ausbruchswellen dauern, bis der Covid-19 Erreger endgültig bekämpft ist.

Welche Maßnahmen werden während einer Pandemie eingeleitet?

Im Szenario dauert es 48 Tage ab dem ersten Coronainfizierten in Deutschland, bis eindämmende Maßnahmen ergriffen werden. Dazu gehören ein Verbot von Veranstaltungen und Versammlungen, Schulschließungen, Aufklärung über erweiterte Hygieneregeln sowie Ausgangsbeschränkungen. In der aktuellen Krise hat es 42 Tage gedauert, bis erste Veranstaltungsverbote ausgesprochen, und 52 Tage, bis Ausgangsbeschränkungen erlassen wurden. Die Bundesregierung scheint sich derzeit also stark an den Szenarioplänen zu orientieren. Weiter wird im Bericht gewarnt, es sei „ein (mehr oder minder qualifizierter) Austausch über neue Medien (z.B. Facebook, Twitter) zu erwarten.“ Um dem entgegenzusteuern, müsse laufend neues Informationsmaterial über sämtliche Kanäle an die Bevölkerung weitergegeben werden. Auch dieser Forderung scheint die Bundesregierung nachzugehen, täglich gibt es jeweils eine Pressekonferenz vom Robert-Koch-Institut und vom Bundesgesundheitsministerium, zusätzlich lässt sich über Twitter ein Eilmelder des BMG aktivieren.

Außerdem soll laut Szenario eine Quarantäne empfohlen werden, um Ansteckungen zu vermeiden, Kontaktpersonen sollen identifiziert und isoliert werden. Mithilfe dieser Maßnahmen kann im Beispiel die Infektionsrate von 3 Infizierungen innerhalb von drei Tagen pro Patient auf 1,6 Infizierungen gesenkt werden. Nach 408 Tagen sollen eindämmende Maßnahmen wieder aufgehoben werden, dann ist die erste Krankheitswelle vorrüber. Da nachfolgende Wellen als deutlich schwächer angenommen werden, sollen anschließend keine besonderen epidemologischen Sonderregelungen mehr stattfinden. Überträgt man das RKI-Szenario direkt auf die aktuelle Krise, würden Kontakt- und Versammlungsverbote also erst im März 2021 aufgehoben. Dann hätte Deutschland noch zwei weitere Krankheitswellen vor sich.

Welche Auswirkungen hat eine Pandemie auf kritische Infrastrukturen und die Versorgung?

Der Szenariobericht des Robert-Koch-Instituts geht detailliert auf Auswirkungen des hypothetischen Modi-SARS Virus auf diverse Bereiche der Wirtschaft, Gesellschaft und der Politik ein. Die Angaben beziehen sich dabei jeweils auf die erste Erkrankungswelle, da von dieser, aufgrund der hohen Anzahl an Infizierten, die größten Folgen zu erwarten sind.

Aufgrund von Ausfällen von Personal, die sich in komplexen Lieferketten an einzelnen Punkten multiplizieren können, sollen bestimmte Waren wie auch Lebensmittel mit zusätzlichen Transportkapazitäten befördert werden. Welche Stellen dies übernehmen könnten, lässt der Bericht offen, denkbar wäre an dieser Stelle aber das Technische Hilfswerk oder auch die Bundeswehr.

In der medizinischen Versorgung geht das Szenario von einer starken Überbelastung der Krankenhauskapazitäten aus. Derzeit verfügt Deutschland über etwa 500.000 Krankenhausbetten, die allerdings zum Teil auch durch den regulären Bedarf belegt sind. Im Szenario stehen dem in der ersten Welle etwa 4 Millionen Erkrankte gegenüber, die nach medizinischen Maßstäben in einem Krankenhaus behandelt werden müssten. Aus diesem Grund müsse die Mehrzahl der Erkrankten zu Hause oder in Notlazaretten behandelt werden. Dies wird in der aktuellen Situation vermutlich nicht nötig sein.

Mit starken Einschnitten rechnet der Bericht in der Lebensmittelbranche. Da in der Lebensmittelproduktion heutzutage nur noch wenige Menschen arbeiten, könne der Aufall von einzelnen Betrieben bereits zu „deutlichen Verlusten in der landwirtschaftlichen Produktion“ führen. Im Lebensmittelhandel prognostiziert die Berechnung einzelne Ladenschließungen, diese fielen aber nicht flächendeckend aus. Die Versorgung mit Lebensmitteln sei jedoch „nicht in gewohnter Menge und Vielfalt möglich.“ Auch hier gilt zu beachten, dass der Covid-19 Erreger harmloser als der Beispielvirus scheint und Auswirkungen vermutlich weniger dramatisch sein werden.

Kapazitäten der öffentlichen Verwaltung sollen laut Katastrophenplan umgelegt werden, sodass insbesondere die Bereiche „öffentliche Sicherheit und Ordnung“ sowie „Soziales“ ausreichend Personal hätten. Zusätzlich“ weist der Bericht auf „erhebliche Probleme im Bereich der Entsorgung (z.B. Müllabfuhr)“ hin. Eine Lösung dazu nennt er nicht.

Die private Wirtschaft wird im Modi-SARS Szenario schwer beschädigt. Das Gutachten rechnet mit einem Versterben von etwa 10 Prozent der erwerbstätigen Menschen in Deutschland. Damit wäre die Wirtschaft nachhaltig stark geschwächt. Nicht nur ginge Arbeitskraft und Absatzmarkt verloren, auch komplexe Systeme innerhalb eines Unternehmens wären unterbrochen und gestört. Dies ist aktuell in kleinerem Umfang zu erwarten.

Sicherheitspolitisch geht das Gutachten zwar von einer angspannten Lage, nicht aber von allgemeinen Unruhen. Ereignisse in der Vergangenheit hätten gezeigt, dass ähnliche Katastrophen vielmehr ein Zusammenhaltsgefühl innerhalb der Bevölkerung hervorrufen könnte. Dennoch räumt der Bericht ein, die konkreten Auswirkungen einer Pandemie auf die Gesellschaft seien nur schwer abzuschätzen.

Der Bericht zur Risikoanalyse ist kein Fahrplan für die derzeitige Krise und sollte so auch nicht behandelt werden. Er ist vielmehr eine Übersicht über den potentiellen Verlauf einer Viruspandemie und über mögliche Probleme, die es in Zukunft zu lösen gelten könnte. Eins scheint jedoch klar: Ein Ende der Krise ist vorerst nocht abzusehen, erst recht nicht zum Ende der Osterferien. Bisherige Maßnahmen der Regierung ähneln den Handlungen der Risikoanalyse, könnten aber in ihrer Intensität schwächer ausfallen, als im Szenario. Dennoch gilt: Um den Virus effektiv zu bekämpfen, müssen wir den forschenden Instituten vor allem Zeit lassen. Deshalb ist es besonders wichtig, sich jetzt an die Anweisungen der Behörden zu halten. Natürlich sollte die Bevölkerung nicht blind der Regierung folgen, es ist insbesondere darauf zu achten, dass Einschnitte in die Grundrechte möglichst schnell nach der Krise abgebaut werden. Doch anhand der Analyse wird vor allem eines klar: Wir müssen handeln. Jetzt.

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