Jetzt werd‘ mal nicht politisch

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Die Gespräche der letzten Tage drehten sich auch in meinem privaten Kreis viel um die Geschehnisse in den USA und die Black Lives Matter Bewegung. Da wurde diskutiert, ob das jetzt in Deutschland auch ein Problem sei, oder ob da jetzt nicht ein bisschen ne große Welle geschoben wird. Immerhin wüte ja immer noch eine Pandemie.
Sicher, man kann über die Tatsache, dass sich am Wochenende allein in Hamburg mehr als 14.000 Menschen im Innenstadtbereich versammelten, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren, wo wir doch immer noch Atemschutzmasken beim Einkaufen tragen müssen, diskutieren. Worüber man aber nicht diskutieren kann, ist die Frage, ob man sich für die Black Lives Matter Bewegung einsetzen sollte oder nicht.

Letztens habe ich mich mit einem Studenten unterhalten, der meinte, er fände das ja gut, dass sich so viele politisch engagieren, er habe aber einfach noch kein Thema gefunden, was ihn dazu gebracht hätte, selbst auch aktiv zu werden. Käme ja vielleicht noch. Das ist die höchste Form des sogenannten „White Privilege“, der Begriff, der derzeit durch die sozialen Medien geschrien wird.
Weiße Privilegien, da fragt man sich, was soll das sein? Ist die Tatsache, sein Shampoo direkt ganz vorne unter „Haarpflege“ und nicht unter „Ethnische Haarprodukte“ in der hintersten Ecke zu finden ein Privileg? Sollte es eigentlich nicht sein. Menschen gefällt es nicht, wenn man sie als privilegiert bezeichnet und sie nicht gerade mit einem Glas Champagner in der Hand in einem Privatflugzeug chillen. Dann heißt es plötzlich: Was, ich? Und dann muss man sich auch noch damit auseinandersetzen.

Was für viele als rein kosmetisches Problem gilt, ist in Wirklichkeit die Wurzel, an der wir ansetzen müssen, wenn es darum geht, Rassismus zu bekämpfen. Also, was bedeutet „White Privilege“ nun wirklich? Zuerst einmal bedeutet weiß in diesem Fall nicht direkt eine Hautfarbe (zumal wirklich wenige Menschen tatsächlich wirklich weiß im engsten Sinne sind), sondern eine Gruppe von Menschen, die nicht nach ihrem Aussehen oder ihrer Herkunft definiert oder beurteilt wird. Das Wort Privileg ist da schon schwieriger zu definieren. Besonders für arme weiße Menschen, klingt das wie ein Wort, das nicht zu ihnen gehört, weil es ihnen unterstellt, sie hätten niemals Probleme im Leben gehabt. Aus diesem Grund geht es vielmehr darum, was „White Privilege“ nicht ist: Nämlich die Unterstellung, das alles, was eine weiße Person genießt, ohne Arbeit gekommen wäre. Stattdessen sollte es wie eine Art eingebaute Sprunghilfe gesehen werden, etwas, das schon da ist, das vollkommen normal ist und das denjenigen, die es erfahren dürfen, einen Vorteil schafft. In etwa wie ein Auto mit Berganfahrassistent. Man könnte auch ohne, aber das wäre schon bedeutend schwieriger.

Die besten Beispiele, um „White Privilege“ sichtbar zu machen, sind oft auch diejenigen, die objektiv eher weniger Schaden anrichten. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Schaden nicht bedeutsam wäre. Es sind Alltagsdinge, die für uns so normal sind, dass wir überhaupt nicht mehr daran denken. Dazu gehören ein „hautfarbenes“ Pflaster im erste Hilfekasten, genauso wie die Zuordnung von Haarpflegeprodukten im Drogeriemarkt. Diese Privilegien sorgen dafür, dass weiße Menschen viel wahrscheinlicher durch eine Welt gehen, die ihre Erwartung erfüllt, als Schwarze oder andere People of Color.

Der Schaden wird größer, wenn es um den Spruch „Im Zweifel für den Angeklagten“ geht. Auch hier greift das Privileg, weiß zu sein. Weiße Menschen werden seltener verfolgt, befragt oder gesucht, weil sie „verdächtig“ wirken. Sie werden seltener beschuldigt ein Verbrechen begangen zu haben und wenn ihnen ein Versehen unterläuft, wird darüber öfter einfach hinweggesehen. Diese Privilegien sind für Weiße so schwer zu begreifen, weil es einfach komisch erscheint, dass jemand anderes so nicht behandelt wird. Ist ja auch logisch, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Eigentlich.

Die Liste an Privilegien geht weiter und sie ist lang. Und es ist wichtig, dass wir darüber reden. Dass wir uns dafür einsetzen, auch wenn wir selbst unser Shampoo sofort im Regal finden. Denn die Botschaft darf nicht sein: Bei mir ist doch alles okay, was soll sich denn ändern?
Welcher Logik folgen Menschen, die diese Botschaft vertreten? Wollen diese Menschen dann auch, dass man Allergiehinweise nicht mehr auf Lebensmittel druckt, weil sie haben ja keine Allergie? Oder dass alle Biersorten, die sie nicht mögen, aus dem Sortiment genommen werden, weil sie brauchen die ja nicht?
Nur weil wir selbst diese Rassismen, die auf unseren Privilegien basieren, nicht immer sehen, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Manchmal muss man seine Hippie-Bioladen-Bubble verlassen, um zu sehen, dass es hinter seiner „multi-kulti“ Nachbarschaft doch tatsächlich echte Probleme gibt. Wer immer wieder betonen muss, wie multikulturell er doch lebe, der lügt, wenn er sagt, er sehe „keine Farbe“.
Wir müssen uns bewusstwerden, woher „White Privilege“ kommt und wie es aufrechterhalten wird. Wir müssen verstehen, dass dieses Privileg weit über Bequemlichkeiten hinausgehen. Darüber, dass man halt die Welt, die einem dient, als normal empfindet

„White Privilege“ ist die Möglichkeit, still zu bleiben. Es ist die Macht, zu entscheiden, ob man das bequeme Sofa aufgibt und stattdessen auf die Straße geht und laut wird. Es ist die Macht, sich auszusuchen, wofür man Haltung einnehmen möchte und wofür nicht. Es ist, zu wissen, dass man selbst sicher ist. Man selbst und seine Würde.
Es ist hart, über Unterdrückung und Gewalt zu reden und es lässt sich viel leichter sagen „Ich rede nicht so gerne über Politik“. Kämpfen ist verdammt anstrengend. Aber wer „über Politik reden“ anstrengend findet und will, dass „einfach mal alle nett zueinander sind“, der sollte daran denken, dass es Menschen gibt, die nicht die Möglichkeit haben, „nicht politisch zu werden“.
Also, lieber weißer hetero Student, vielleicht nimmst du dir einen kurzen Moment, und überlegst, ob es nicht vielleicht doch etwas gibt, für das du dich engagieren kannst. Ich bin mir sicher, da gibt es eine Menge. (Im Übrigen gilt das genauso für Frauen).

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