Eine Welt ohne Geld – Realität oder Utopie?

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Das Geld – Grund allen Übels oder treibende Kraft der Zivilisation? Wir leben in einer Welt, in der (fast) alles einen Preis hat. Die Preise spannend sich von nachvollziehbaren Beträgen, wie ein paar Euro für Toilettenpapier über absurde Zahlen wie zweistellige Millionenbereiche für Fußballstars bis zu problematischen Strukturen wie zu günstige Kleidung in der Fast Fashion Industrie. Geld ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Wir bezahlen mit Münzen, Scheinen oder Kreditkarte und immer häufiger auch online. Das war aber nicht immer so. Und deshalb stellt sich zwangsweise die Frage, muss es für immer so bleiben? In Zeiten von Finanzkrisen und der immer stärkeren Spaltung von Arm und Reich, scheint die Erfindung des Geldes nicht wirklich das Non-Plus-Ultra gewesen zu sein. Aber ist das wirklich möglich, eine Gesellschaft ohne Geld?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zuerst einen kurzen Blick auf die Geschichte des Geldes werfen.

Vom Walzahn zum Bitcoin

Für unsere Vorfahren war der Bezahlvorgang deutlich komplizierter als für uns heute. Es war Gang und Gebe, dass man einfach Güter tauschte. Das funktioniert so lange, wie der Tauschpartner mein eigenes Produkt selbst benötigt. Was mache ich aber, wenn ich ein Schmied bin und Hufeisen herstelle, der Bäcker aber keine Hufeisen braucht? Dann habe ich ein Problem und muss unter Umständen weit reisen, bis ich einen Bäcker finde, der gerade Hufeisen gegen Brot tauscht. So konnte es nicht weitergehen.
Um den Prozess zu vereinfachen, griffen die Menschen schon bald auf Tauschmittel zurück, die von allen akzeptiert wurden. Das Geld war geboren. Bereits vor 20.000 Jahren wurde in Westeuropa mit kleinen Steinbeilen bezahlt. Die Bewohner der Fischi-Inseln nutzten Pottwahlzähne. Aber nicht alle Zahlungsmittel waren so handlich wie Steine oder Zähne. Die Menschen auf der Südsee-Insel Yap verwendeten meterhohe und tonnenschwere Steinscheiben als Geld.
Vor etwa 4.000 Jahren kamen in Afrika und Indien die Gehäuser von Kaurischnecken als Geldmittel auf und schließlich zahlten die Menschen in Europa und im Nahen Osten mit Gold und Silber. Das stellte sich als besonders praktisch heraus, weil es die Edelmetalle in verschiedenen Größen gab und man somit billige und teure Waren kaufen konnte. Vor 2.700 Jahren wurde dann in der heutigen Türkei die erste Münze geprägt.
Das Münzgeld hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil. Es war schwer. Niemand wollte gerne tonneschwere Geldsäcke durch die Gegend schleppen. Deshalb wurden ab dem 10. Jahrhundert in China die Quittungen für abgegebene Münzen ausgestellt: Die ersten Banknoten. 600 Jahre später kam das Papiergeld auch in Europa an.

Das interessante an Banknoten ist, dass sie selbst (anders als Münzen) keinen wirklichen Wert haben. Sie funktionieren also nur, weil Menschen sie als Tauschmittel akzeptieren. So kam es im Laufe der Geschichte zu Hyperinflationen, weil Staaten beliebig viele Schein druckten, um ihre Schulden abzubezahlen, und der Etablierung von Überwachungsorganen wie der Europäischen Zentralbank. Trotzdem ist und bleibt der Geldschein ein Gedankenkonstrukt. Dasselbe gilt für neuaufkommende Formen von Geld, den Kryptowährungen. Die bekannteste Kryptowährung ist der Bitcoin und er existiert nicht einmal mehr physisch, zumindest nicht im klassischen Sinne. Die Banknote konnte man noch sehen und in der Hand halten. Bitcoins hingegen sind nur Code, der auf einer Festplatte gespeichert ist. Dennoch glauben die Menschen an den Wert des Geldes. Nicht umsonst heißt es „Schuldner“ und „Gläubiger“.

Ohne Geld keine moderne Zivilisation

Geld ist ein eigentümlicher Stoff. Es fasziniert Menschen seit Anfang schriftlicher Überlieferungen. Selbst in der Bibel heißt es: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matthäus 6,24). Zur Erklärung: Der Mammon ist laut der Bibel eine Götze, der den Menschen einrede, Geld und Besitz könne sie versorgen, ohne dass sie Gott dafür benötigten. Geld ist der Auslöser von Familienstreits und des Klimawandels. Der Ethnologe David Graber sagt, Geld sei der Kern des Schuldwesens oder besser Unwesens, das die Menschen zugleich verbindet und trennt, weil es ihre gegenseitigen Beziehungen berechenbar macht und eine fatale, herrschaftsstrukturierte Abhängigkeit voneinander bringe. Nur mit einer Beseitigung der Schulden und damit auch des Geldes, könne die Menschheit in einen Zustand der Harmonie gebracht werden.

Ganz anders sieht das der amerikanische Ökonom William Goetzman. Er hat ein Buch mit dem Titel „Money changes everything: How Finance Made Civilization possible“ verfasst und erklärt: Ohne Geld, genauer ohne Finanzierungsstrukturen, seien keine Zivilisation, keine Verstädterung und Urbanisierung und kein nennenswertes Wachstum der Bevölkerung möglich gewesen. Er sieht darin die eigentliche Ursache des westeuropäisch-amerikanisch wirtschaftlichen Sonderwegs und den Grund warum ein eigentlich reiches und keineswegs rückständiges China seit dem 17. und 18. Jahrhundert langsam den Anschluss verlor und im 19. Jahrhundert noch weiter zurückfiel.
Geld ermöglicht nicht nur Arbeitsteilung, Spezialisierung und Kombination ökonomischen Handelns und damit der Steigerung der Produktivität der menschlichen Arbeit, sondern auch einen neuen Umgang mit Zeit. Heute kann man Dinge tun, die erst morgen einen Ertrag haben werden. Es eröffnet Handlungsmöglichkeiten, die unsere Zukunft beeinflussen. Sparen bedeutet in diesem Sinne also keine Handlungseinschränkung in der Gegenwart, sondern eine Handlungsfreiheit in der Zukunft.

Geld kann man nie genug haben

Geld ist keinesfalls per se harmlos. Es hat eine Eigenschaft, die es von anderen Gütern unterscheidet und die es dadurch „teuflisch“ erscheinen lassen. Geld hat keinen abnehmenden Nutzen. Oder mit anderen Worten: Geld kann man nie genug haben. Es gibt keine natürliche Grenze, nach deren Überschreitung die weitere Vermehrung des Geldes einen Nachteil hätte. Das Resultat daraus sind Multimillardäre wie Jeff Bezos, der kurz davor ist der erste Billiardär der Geschichte zu werden. Interessanterweise sind menschliche Gehirne gar nicht dazu entwickelt Zahlen in Größendimensionen wie denen des Vermögens von Bezos zu verstehen. Wir tendieren dazu zu unterschätzen, wie groß eine Milliarde wirklich ist. Ein Beispiel: Eine Million Sekunden entsprechen etwa 11 Tagen, eine Milliarde Sekunde hingegen ganzen 32 Jahren. Wer Geld in Dimensionen wie Bezos besitzt, dem ist es schlichtweg nicht mehr möglich dieses Geld auszugeben.

Der Traum von einer Welt ohne Geld

Wie sähe also eine Welt ohne Geld aus? Zum einen würde eine Umverteilung der Produktion stattfinden hin zur bedürfnisorientierten Produktion. Auch in unserem heutigen System spielen Bedürfnisse eine Rolle, denn niemand kann ein Produkt verkaufen, das keiner haben will. Da diese Bedürfnisse aber nur Mittel zum Zweck der Geldvermehrung sind, müssen Produzente das Bedürfnis erst schaffen, zum Beispiel durch Werbung. Fällt das Streben der Geldvermehrung weg, würde sich die Produktion dahingehend ausrichten, was die meisten Menschen brauchen und was ihnen am Herzen liegt. Diese Aufgaben werden dann deutlich schneller erledigt als andere.
Dabei darf bedürfnisorientierte Produktion nicht so verstanden werden, dass jeder nur für sich selbst produziert. Damit kommt man bekanntlicher Weise nicht sehr weit. Vielmehr soll diese Art der Produktion das menschliche Produktionsbedürfnis anregen, sie kreativer und innovativer machen. Die Menschen machen etwas, weil sie es gerne machen, weil sie etwas lernen oder weil ihnen die Menschen wichtig sind, für die sie es machen.
Und was machen wir mit den unbeliebten Aufgaben? Bleiben diese Aufgaben unerledigt? In einem geldbasierten System bleiben Aufgaben, die niemand machen will, bekannterweise an den Schwächsten der Gesellschaft hängen. Wie löst man dieses Problem? Dafür haben Befürworter der bedürfnisorientierten Produktion mehrere Antworten. Manche dieser Aufgaben würden sich in einem solchen System als verzichtbar herausstellen und die, die es nicht sind, für die würde sich der Wunsch nach Automatisierung steigern. Nach dem Prinzip der Bedürfnisorientierung wird also in die Entwicklung der Automatisierung der unliebsamen Aufgaben dadurch viel Energie und Arbeit gesteckt. Und wo auch das nicht geht, sei eine gemeinschaftliche Organisation denkbar.

Ohne Geld wäre also vieles gemeinschaftlicher, freundlicher und innovativer. Die Frage bleibt, ob diese Welt wirklich harmonischer wäre. Am Ende muss man danach fragen, wie Güter und Dienstleistungen verteilt werden sollen, wenn es nicht mehr um Zahlungsfähigkeit oder Zahlungsbereitschaft geht. Sofern diese überhaupt noch ohne Geld hergestellt werden können. In gewissen Aspekten ist ein objektives Zahlungssystem wie Geld also (auch in sozialer Hinsicht) gerechter als eine Verteilung, die über Beziehungen organisiert wird, wie die Vetternwirtschaft, in der es letztendlich darum geht, wer die meisten Freunde hat.

In einer Welt des materiellen Überflusses mag Geld keine Rolle mehr spielen, doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Eine Welt ohne Geld ist durchaus eine romantische Vorstellung einer Utopie. Erreicht werden kann diese Utopie aber in vielen Fällen nur durch eine zivilisationsfördernde (und damit auch geldgesteuerte) Wirtschaft. Dieser nüchternen Perspektive fehlt der utopische Charme, aber sie ist plausibel und wird unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten begleiten. Also heißt es sich zu fragen, welche Zukunft wir ansteuern wollen und wie wir sie mit unserem Wertsystem erreichen können.

2 Kommentare

    1. Hey Luisa, danke für deine Meinung 🙂 Du hast vollkommen Recht. Viel nachdenken ist anstrengend. Mit einer der Gründe, warum es oft zu Missverständnissen kommt und komplexe Themen vereinfacht werden. Aber wenn man dann eine Lösung gefunden hat, mit der alle zufrieden sind, ist es umso schöner. LG Franzi

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