Im falschen Körper geboren

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Alina, 12 Jahre, wurde bei der Geburt als Junge zugeordnet, doch schon im Alter von drei Jahren begann sie vehement zu vertreten, ein Mädchen zu sein. Ein Jahr später erklärte sie, dass sie Alina heiße und alle sie von nun an so nennen müssen. Sie wollte mit Puppen spielen und Kleider tragen. Die Puppen waren für die Eltern kein Thema, die Kleidung sollte Alina sich aber weiterhin in der Jungenabteilung aussuchen. Im Kindergarten war Alina beliebt, sie spielte vor allem mit den anderen Mädchen und wurde so akzeptiert wie sie war. Doch zu Hause gab es immer wieder Tränen. Alina wünschte sich, einen Rock zu tragen und so zu sein wie all die anderen Mädchen. Die Eltern kauften ihr schließlich einen Rock, erlaubten ihr jedoch lediglich ihn zu Hause zu tragen. Irgendwann wurde aus der fröhlichen Alina ein trauriges und wütendes Kind. Die Eltern wussten nicht mehr weiter und suchten Hilfe beim Hausarzt. Dieser riet ihnen Alinas Wünsche zu akzeptieren und von da an durfte Alina auch im Kindergarten Kleider tragen und hieß bei allen Alina.

Die Geschichte ist ein Beispiel für einen Trans*Gender Fall in einem toleranten Umfeld. Alinas Eltern unterstützten ihr Kind in ihren Wünschen und ihrer Identität. Das ist leider nicht immer der Fall. Tatsächlich überwiegen die Fälle, in denen die Familie die neue Identität ihres Kindes nicht akzeptieren kann. Das kann schwere Folgen für die psychische Gesundheit aller Beteiligten haben.

Was ist Trans*Gender überhaupt?

Trans*Personen sind Menschen, die sich nicht entsprechend ihres bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts fühlen, also einen Zustand der Inkongruenz verspüren. Da dieses Phänomen nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun hat, gilt der Begriff „Transsexuell“ als veraltet. Im DSM-IV, einem Klassifikationssystem aller psychischen Krankheiten, wird das Phänomen Trans* unter dem Begriff Gender Identity Disorder (zu deutsch: Geschlechtsidentitätsstörung), kurz GID gefasst.
Wann die Gefühle des Trans*-seins zum ersten Mal auftreten, kann ganz verschieden sein. Bereits Kinder können diese Gefühle ausdrücken und erleben großes Leid, wenn ihren Wünschen nicht nachgegeben wird. Meistens entwickelt sich die Trans*Identität jedoch während und nach der Pubertät.

Kaum eine Thematik wird sowohl in der Gesellschaft als auch in der Wissenschaft so heiß diskutiert. Es gibt gewaltige Lücken, was Studien und evidenzbasiertes Wissen angeht und der Umgang mit Trans*Personen ist vielen Menschen unklar und so distanzieren sie sich. Doch in den letzten Jahren ist ein gewaltiger Ansteig der Menschen zu verzeichnen, die sich in genderspezialisierten Kliniken vorstellen. Damit rückt auch das Thema Trans* mehr in die Mitte der Gesellschaft und das ist wichtig.

Mann oder Frau, aber nichts dazwischen – das binäre Geschlechtssystem

In Deutschland und vielen anderen Ländern dieser Welt gab es bis vor kurzem nur zwei Geschlechter: männlich und weiblich. Im Dezember 2018 wurde das dritte Geschlecht „divers“ in unserem Grundgesetz verankert. Ein wichtiger Schritt für die Mitglieder der LGBTQ+ Community. Wer sich heute weder männlich noch weiblich fühlt, kann in seinen Pass die dritte Geschlechtskategorie eintragen lassen. Tatsächlich ist das binäre Geschlechtssystem aber gar nicht in allen Ländern der Standard. Bei den Navajo-Indianern hatten die Menschen zwischen mehreren verschiedenen Geschlechtern die Auswahl. Besonders die Kategorien „männlich in Erscheinungsbild und Verhalten mit weiblichem Körper“ und „weiblich in Erscheinungsbild und Verhalten mit männlichem Körper“ galten als hoch angesehen.

Obwohl heute die dritte Geschlechtskategorie zur Verfügung steht, sind vor allem Trans*Personen ständig Feindlichkeiten ausgesetzt. Eine Studie aus den Niederlanden zeigte, dass in allen Ländern Europas die Vorbehalte gegenüber Trans*Personen größer sind als die gegenüber anderen LGB-Personen (Lesbisch, Schwul, Bisexuell). Neben Transfeindlichkeit müssen sie sich dann auch noch mit vielen anderen Problemen des Alltags herumschlagen. Die Probleme beginnen in öffentlichen Toiletten und enden beim Gynäkologen. Leider scheint es in Deutschland ein großes Problem zu sein, Toiletten für alle bereitzustellen. Man mag sich nicht ausmalen, mit welchen schrecklichen Gefühlen eine Trans*Person vor der Toilettenwahl steht. Einige Gynäkologie-Praxen nehmen keine Transmänner auf, obwohl auch einige von ihnen weibliche Sexualorgane haben, allein aus dem Grund, dass das Comupterprogramm keine Männer vorsieht und sie dementsprechend den Patienten nicht ins System eintragen können.

Ein lange Weg zum richtigen Körper

Nach den Diagnosekriterien des ICD-10 (noch ein Klassifikationssystem für Krankheiten) heißt es, wer keine Frau ist, muss körperlich ein ganzer Mann sein und umgekehrt. Die Diagnose und der Wunsch nach Geschlechtsangleichung ist also verbindlich und erfordert daher bestimmte Schritte. Für viele Betroffene ist es ein mühsamer Weg, der sich für einige bis zur Höllenqual lang zieht. Es müssen psychologische Gutachten erstellt, eine endokrinologische Praxis aufgesucht und zum Leiden vieler Betroffenen vor der Einnahme geschlechtsangleichender Hormone, ein Jahr in der neuen Rolle gelebt werden. Ohne Hormone. Das bedeutet ein Jahr Hass auf den eigenen Körper, eine Periode, die man nicht will, Bartwuchs, Stimmbruch und Selbstzweifel. In den schlimmsten Fällen entwickeln sich diese Leiden zu einer Essstörung oder sogar zum Suizid. Für viele Betroffene ist zu dem die Diagnose „F 64-0 Transsexualismus“ gar nicht wirklich passend. Sie fühlen sich weder als Mann noch als Frau und möchten einfach irgendwas dazwischen sein.

Sind dann alle Gutachten geschrieben und alle Ärzte besucht, kann die Therapie beginnen. Ab dem 16. Lebensjahr, in Ausnahmefällen auch früher“ dürfen geschlechtsangleichende Hormone verschrieben werden. Tritt das Trans*-sein bereits im Kindesalter auf, werden sogenannte Pubertätsblocker verschrieben. Diese schieben die Entwicklung der Pubertät auf, damit die Kinder mehr Zeit haben, sich ihrer eigenen Geschlechtsidentität bewusst zu werden. Das wird gemacht, da eine Einnahme von geschlechtsangleichenden Hormonen vor der Pubertät zu einem besseren Outcome führt. Beispielsweise kann eine Stimme, die schon im Stimmbruch war, nicht mehr viel höher gemacht werden, eine Stimme vor dem Stimmbruch hingegen schon. Für viele Betroffene verringert sich ab da der Leidensdruck ungemein. Doch nicht alle Eltern unterstützen ihre Kinder auf diesem ohnehin schon schwierigen Weg. Trotzdem braucht es am Ende die Unterschrift der Erziehungsberechtigten. Bleibt diese aus, heißt es für die Jugendlichen warten. Warten auf das 18. Lebensjahr und bis dahin so gut es geht mit seinem Körper leben.
Ab dem 18. Lebensjahr können dann auch geschlechtsangleichende Operationen vorgenommen werden. Dabei werden beispielsweise die Brüste entfernt oder Penis und Vagina neu gebildet. Diese Operationen sind schwere Eingriffe und nicht jede Trans*Person geht den Weg bis dorthin. Deshalb ist es umso wichtiger zu verstehen, dass nicht jede Frau eine Vagina hat und nicht jeder Mann einen Penis. Gender hat erstmal nichts mit unseren sexuellen Organen zu tun.

Reuegefühle?

Hat man sich einmal für den neuen Körper entschieden, gibt es kein Zurück mehr. Trotzdem kommt es vor, dass Trans*Personen die Transition bereuen. Kein Testverfahren und kein:e Psycholog:in kann vollkommen sicher die Ausmaße des Trans*-seins bestimmen. Diese Menschen nennen sich „Detrans*“. Viele kehren in ihre alte Geschlechterrolle zurück, doch Merkmale wie eine tiefe Stimme oder eine abgenommene Brust kommen nicht mehr zurück.

Untersuchungen zeigen, dass nur eine Minderheit der in genderspezialisierten Kliniken vorgestellten Kindern und Jugendlichen später vollständig eine Trans*Identität entwickeln. Ein früher Beginn und eine hohe Intensität der Gender Dysphorie sind jedoch ein guter Prädiktor für das Beibehalten des neuen Geschlechts im Erwachsenenalter.

3 Kommentare

  1. Interessanter Artikel. Ich fände es aber interessanter, wwelche Strapazen die Menschen genau erleben müssen. Wie wird ein solches Gutachten erhoben? Welche Kosten kommen auf dich zu?

    Ich selbst falle auch immer wieder negativ auf, weil mein äußeres Erschinungsbild nicht zu der Rollenerwartung passt, die es in der Gesellschaft gibt. Ich würde mich aber nicht als trans bezechnen, sondern einfach als anders als die anderen.

    Für mich ist nicht nachvollziehbar, wieso ich eine Operation hinter mich bringen solle nur um wieder den Rollenerwartungen zu entsprechen. Zudem habe ich Angst, dass meine Genitalien kaputt gehen und der Spaß an Sex damit.

    Gefällt 1 Person

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