Die neue Form der Ideologie

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Es ist gerade einmal 15 Uhr, als Edgar Welch die Pizzeria Comet Ping Pong in Washington D.C. betritt. Der 28-Jährige ist extra für dieses Lokal aus seiner Heimat North Carolina in die Haupstadt der Vereinigten Staaten gefahren, knapp fünf Stunden dauerte die Autofahrt. Das Geschäft ist, wie für einen Sonntag üblich, gut gefüllt. Familien essen an großen Tischen, für viele Bewohner Washingtons gibt es hier die beste Pizza der Stadt. An seinem Gürtel trägt Welch eine Pistole, in seiner Hand hält er ein Sturmgewehr. Edgar Welch ist nicht zum Pizzaessen gekommen. Er ist gekommen, um einen internationalen Ring Pädokrimineller auszuheben, der sich im Keller der Pizzaria befindet und um die Kinder zu befreien, die in ihm gefangehalten werden.

Kurz nachdem der erste Schuss fällt, wird Edgar Welch von der washingtoner Metropolitan Police festgenommen. Die meisten Gäste waren aus der Pizzeria geflohen nachdem Welch sie betreten hatte. Er schoss auf ein Türschloss und einen Computer, verlangte Zugang zum Keller und wurde schließlich von der Polizei gestellt. Verletzt wurde bei dem Vorfall niemand – einen Keller gibt es in der Pizzaria Comet Ping Pong nicht.

Dieser Vorfall vom Dezember 2016 zeigt, welches Sicherheitsrisiko fanatische Verschwörungstheoretiker bergen – sie können zu Terroristen werden. Welch ist nicht nur begeisterter Trump-Anhänger, er hat sich im Internet radikalisiert, auf den Plattformen Reddit und 4chan. Insbesondere 4chan wird nahezu gar nicht moderiert, alle Nutzer sind vollständig anonym. In den letzten Jahren mutierte das Forum so immer weiter zu einem Sammelbecken für Rechtsradikale, Chauvinisten und Verschwörungstheoretiker. Während des Präsidentschaftswahlkampfes 2016 veröffentlichte WikiLeaks vertrauliche e-Mails der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton, in denen ihr Team unter anderem mit dem Besitzer der Pizzaria Comet Ping Pong über eine mögliche Spendenveranstaltung in dem Restaurant verhandelte. Auf 4chan wurden die Inhalte dieser e-Mails anschließlich als Geheimsprache des Pädorings interpretiert, „Pizza“ bedeute beispielsweise „Mädchen“ und „Sauce“ meine eigentlich „Orgie“. Tatsächlich waren diese Anschuldigungen vermutlich frei erfunden. Dennoch lösten sie innerhalb und außerhalb des Internets ein so großes Echo hervor, dass immer mehr Menschen auf sie aufmerksam wurden und ihr Glauben schenkten. So weit, dass einer von ihnen bewaffnet in die Pizzeria eindrang.

Seit 2017 erfreut sich ein neuer Nutzer auf 4chan großer Beliebtheit. Er nennt sich QAnon. Wie die Person wirklich heißt, wie alt sie ist, wo sie lebt, all das ist unbekannt. Einige Anhänger des Nutzers behaupten, er sei Donald Trump pesönlich, zumindest aber ein hochrangiger Funktionär im Verteidigungsministerium oder ein enger Vertrauter des Präsidenten. In regelmäßigen Abständen veröffentlicht QAnon Hinweise auf Verschwörungen, meist äußerst kryptisch verfasst. Nach einem Posting entbrennt eine regelrechte Schnitzeljagd, dabei werden Fakten verdreht, Fantasien zur Wahrheit erklärt und über vermeintliche Feinde der Freiheit gehetzt. Die Verschlüsselung der Botschaften verhindert die einheitliche Interpretation der Erzählung, trotzdem verbindet alle Anhänger QAnons ein fundamentales Grundnarrativ.

Die Welt werde von einer satanistischen Schattenorganisation regiert, diese kontrolliere Staaten, Banken, Unternehmen und Medien. Die globale Elite entführe zudem Kinder, halte diese in unterirdischen Anlagen gefangen und foltere sie, um aus ihrem Blut eine Droge herzustellen, die die Mächtigen jung halte. Häufig spielen dabei auch antisemitische Falschbeschuldigungen eine Rolle. Donald Trump sei die einzige Hoffnung gegen die Verschwörer, er kämpfe gegen die Organisation, nur mit ihm als Präsident habe man eine Chance gegen sie.

Auch wenn die Geschichte klingt wie der massive Ausrutscher beim Versuch, eine große neue Netflixserie zu schreiben, findet sie weltweit immer mehr Anhänger. Der Datenanalyst Marc-André Argentino von der kanadischen Concordia University hat die Entwicklung der Beiträge mit QAnonbezug in sozialen Netzwerken untersucht. Allein im Zeitraum zwischen März und Juli 2020 ist laut ihm die Menge der monatlichen Facebookposts zum Thema um über 650 Prozent gestiegen. Mittlerweile seien mindestens 1,4 Millionen Facebookuser Teil einer QAnongruppe.

Gefährlich sind die Verschwörungsgläubigen aber nicht nur durch ihre schiere Masse, sondern vor allem durch ihren nahezu religiösen Fanatismus. Während Anhänger des Narrativs, die Gebäude des World-Trade-Centers seien am 11. September 2001 durch Sprengsätze von US-Behörden und nicht durch die Einschläge mehrerer Passagierflugzeuge zusammengestürzt, zumindest versuchten, ihre Anschuldigungen mithilfe fragwürdiger physikalischer Berechnungen zu beweisen, verzichten die QAnon-Anhänger vollständig auf Indizien oder Belege und stützen sich dafür ausschließlich auf die verschlüsselten Botschaften eines anonymen Forenbetreibers. Dieser richtet außerdem Appelle an seine Folgschaft, etwa klare Wahlempfehlungen, den Boykott bestimmter Produkte oder schlicht die „Vorbereitung auf den Ernstfall“. So schreibt sich QAnon Stück für Stück seine eigene Bibel zusammen, inklusive Feindbildern, Märchen, Helden, Verboten und Geboten. Ähnlich wie bei anderen Religionen ist die wissenschaftliche Überprüfbarkeit außer Kraft gesetzt, ein einziger Prophet entscheidet über Wahrheit und Unwahrheit.

Wie viele QAnon Anhänger es wirklich gibt, ist schwer zu schätzen. Auffallend ist jedoch ihre stetig wachsende Präsenz. Mehrere republikanische Kongresskandidaten verkündeten öffentlich, an die QAnonverschwörung zu glauben, immer mehr US-Polizisten werden mit Q-Batches gesichtet, dabei sind dienstfremde Patches eigentlich verboten. Auch popkulturelle Größen greifen das QAnon-Narrativ auf. Robbie Wiliams behauptete, man könne QAnons Thesen nicht widerlegen, in Deutschland gilt Soulsänger und Reichsbürger Xavier Naidoo als prominentister Anhänger der neuen Ideologie.

Auch in Deutschland wird die QAnongemeinde immer größer. Am 19. August diesen Jahres demonstrierten in Berlin knapp 40.000 Menschen gegen die Coronamaßnahmen der Bundesregierung. Unter ihnen befanden sich auch zahlreiche QAnon-Anhänger. Sie verbreiteten Gerüchte, Trump sei in Berlin gelandet um die angeblich Millionen Demonstranten dabei zu unterschützen, die Regierung zu stürzen. Kurze Zeit später versuchten Demonstranten unter anderem den Reichstag zu stürmen, aufgehalten wurden sie dabei letztendlich von drei Polizisten auf den letzten Stufen zum Gebäude.

Welchen Einfluss QAnon auf seine Anhänger hat, dürfte vor allem dann interessant werden, sollte Trump die Präsidentschaftswahl im November nicht gewinnen. Derzeit ist nicht abzuschätzen, in welchem Umfang die Gläubigen darauf reagieren würden, schließlich bedeute eine Abwahl Trumps in ihrem Narrativ das Ende des Kampfes gegen die Weltverschwörung. Eins ist jedoch deutlich: Neuartige Ideologien wie diese können zu einer Gefahr für Bürger und Demokratie und Wissenschaft werden.

Bildquelle: Marc Nozell from Merrimack, New Hampshire, USA / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

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