Der Vorstoß der Jugend – Was hinter #EndSARS steckt

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Es sind verstörende Bilder, die sich derzeit in Nigeria verbreiten. Ein junger Mann wird von schwer bewaffneten Elitepolizisten aus einem Hotel in Lagos, Afrikas bevölkerungsreichster Stadt, gezerrt und kurze Zeit später auf offener Straße erschossen. Anschließend fahren die Einsatzkräfte mit dem Fahrzeug des Getöteten davon. Wirklich überrascht hat das Video in dem westafrikanischen Land wohl niemanden, die Reaktion, die es verursacht hat, folgte jedoch so drastisch wie unerwartet.

EndSARS: Unter diesem Motto protestieren seit Anfang Oktober vor allem junge Nigerianer gegen ihre Regierung und die immer wieder ausufernde Polizeigewalt in ihrem Land. SARS steht dabei nicht für einen Virus, es ist die Abkürzung für das „Special-Anti-Robbery-Squad“, einer Spezialeinheit der Polizei, die 1992 gegründet wurde, um insbesondere gegen Verbrechen der organisierten Kriminalität vorzugehen. Seit dem hat sich das SARS-Kommando selbst in eine kriminelle Organisation verwandelt. Sie ist bekannt dafür, Wertgegenstände inoffiziell zu „konfiszieren“, um sie weiterzuverkaufen oder Bürger grundlos zu verhaften und dann gegen Lösegeld wieder freizulassen. Wer sich weigert oder sich anderweitig in den Weg stellt, wird häufig misshandelt, geschlagen oder sogar getötet. Mehr als 80 Menschen soll die Einheit allein seit 2017 so ermordet haben, sagt Amnesty International.

Korruption ist in Nigeria wie in vielen westafrikanischen Ländern äußerst verbreitet und gehört für viele Einwohner zum Alltag. Verkehrskontrollen führen für die Polizisten fast immer zu einem sogenannten Passiergeld, egal ob tatsächlich Mängel festgestellt wurden oder nicht. Logistikunternehmen kalkulieren diese Zahlungen bei der Planung ihrer Fahrten fest mit ein, überreicht werden sie häufig sogar ohne Aufforderung, um eine schnelle Kontrolle sicherzustellen. Vor allem in ländlichen Regionen herrscht bis heute eine Macht der Uniform. Ihre Träger gelten automatisch als Autorität, ihr Wort als das des Regimes. Wer Polizist wird, rechnet Bestechungsgelder in sein erwartetes Gehalt ein, häufig müssen rangniedere Polizisten Anteile ihrer Erlöse an Vorgesetzte abtreten. Mit einem Wert von 74 von 100 auf dem „Corruption Perceptions Index“ belegt Nigeria Platz 151 von 179, wobei Dänemark mit einem Wert 13 auf Platz 1 der korruptionsfreiesten Länder steht.

Besonders eine Gruppe der nigerianischen Bevölkerung scheint unter der Macht der SARS-Polizisten zu leiden. Seit einigen Jahren entwickelt sich Nigeria zum technologischen Powerhouse Afrikas. Rund die Hälfte der 186 Millionen Einwohner ist unter 30 Jahre alt und das Bildungsniveau ist in den letzten Jahren ähnlich gestiegen, wie die Investitionen aus dem Ausland. Weite Teile Afrikas entwickeln sich langsam aber sicher zu westlich anmutenden Nationen, Onlinebanking ist in Nigeria deutlich weiter verbreitet, als beispielsweise in Deutschland. All das macht Nigeria zum digitalen Eingangstor Afrikas. Dadurch ist eine ganz neue Bevölkerungsschicht entstanden. Yahoo-Boys werden die meist männlichen IT-Spezialisten genannt, seit Kurzem wächst aber auch die weibliche Techszene rasant. Zu erkennen sind die Yahoo-Boys oft schon aus der Ferne: Sie verdienen überdurchschnittlich gut, tragen westliche Markenkleidung, besitzen moderne Smartphones, fahren verhältnismäßig teure Autos und hängen sich Laptoptaschen über die Schulter. Sie sind zum beliebtesten Ziel der SARS-Willkür geworden, Diebstahl und Lösegeldforderungen lohnen sich bei ihnen schlicht am meisten.

Seit Anfang Oktober geht nun alles ganz schnell. Nachdem das Video der Hinrichtung eines dieser Yahoo-Boys im Internet verbreitet wurde, entstand wie aus dem Nichts eine massive Protestbewegung. Für die Machtelite Nigerias war die Welle nicht vorhersehbar, ähnlich schwierig dürfte sich ihre Bekämpfung gestalten. Die Protestierenden sind jung, häufig weiblich und dezentral organisiert. Konkrete Führungsfiguren sucht man vergeblich, das macht es der Regierung schwer, wichtige Mitglieder zu verhaften und die Initiative so im Keim zu ersticken. Anfangs gingen die Demonstranten vor allem für eine Auflösung der SARS-Einheiten auf die Straße, so lange, bis Präsident Muhammadu Buhari dem Druck nachgeben musste und die Polizisten entließ. Seit dem fühlt sich die Protestbewegung in ihrem Einfluss bestärkt, nun gehören auch Strafrechts- und Demokratiereformen zu ihren Forderungen. 2019 bewertete der demokratie- und bürgerrechtemessende Freedomhouse-Index Nigeria als teilweise frei und vergab jeweils rund die Hälfe der möglichen Punkte für die beiden Kriterien „politische Rechte“ und „bürgerliche Freiheiten“.

Nun scheint sich die Strategie der nigerianischen Regierung zu ändern, statt auf die Forderung der Demonstranten einzugehen, setzt sie nun vermehrt auf Gewalt. Zwölf Menschen sollen allein letzten Dienstag bei Protesten getötet worden sein, in den Tagen darauf sollen es noch einmal etwa 39 Protestler gewesen sein. Immer wieder werden zivil gekleidete Männer gesehen, die mit Macheten auf Demonstranten losgehen. Auch Teile der Bevölkerung reagieren infolgedessen zunehmend gewaltsam, elf Polizisten und sieben Soldaten sind laut Regierung bereits gestorben.

Mit BlackLivesMatter hat die nigerianische Protestwelle, anders als beispielsweise Andrea Böhm in der ZEIT schreibt, wenig zu tun. Dass das Leben von Menschen mit dunkler Hautfarbe die selbe Bedeutung hat, wie das Weißer, muss in dem afrikanischen Land wohl niemandem erklärt werden. Die Polizeigewalt, gegen die protestiert wird, ist in aller Regel nicht rassistisch motiviert, es geht ausschließlich um Macht und Profit.

Wie weit sich die Protestbewegung in den kommenden Wochen und Monaten durchsetzen wird, ist derzeit schwer absehbar. Deutlich wird jedoch, dass die Aufmerksamkeit auf die Proteste im siebtbevölkerungsreichsten Land der Erde immer größer wird. Neben Beyoncé und Hillary Clinton hat sich nun auch US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden mit den Demonstranten solidarisiert und ein Ende der Gewalt gefordert.

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