Der gläserne Arbeiter

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Preisdumping, verschwenderische Verpackungen und das Ende des Einzelhandels – Amazons Ruf ist in den letzten Jahren immer weiter gesunken. Auch der konzerninterne Umgang mit den eigenen Mitarbeiter:innen steht in der Kritik: Ständige Überwachung, Quotenentlassungen und Leiharbeit gehören bei dem Internetriesen nicht nur zur Tagesordnung, sie sind Geschäftsmodell. Doch während des Corona-bedingten Aufstiegs des Home-Office, steigt das Bedürfnis nach Kontrolle der Angestellten immer weiter. Könnte sich Amazons Praktik so immer weiter etablieren und unsere Arbeitswelt nachhaltig verändern?

Wer in einem Logistikzentrum vom Amazon arbeitet, hat Angst vor einem Computer. Die Aufgabe der meisten Logistikmitarbeiter:innen klingt zunächst simpel: Bestellt ein Kunde ein Produkt, wird einem Angestellten der Bestellauftrag auf ein Smartphone gesendet. Anhand des Auftrags kann der Mitarbeiter erkennen, in welchem Regal des Lagers sich welches Produkt befindet. Der Mitarbeiter sucht dann das Regal, scannt den Artikel, stellt so Stück für Stück den Auftrag zusammen und liefert das fertige Paket auf einem Förderband ab, das in die Versandabteilung führt. Im Hintergrund analysiert ein Computer jeden Schritt: Wann der Auftrag beim Mitarbeiter ankam, wann er die jeweiligen Produkte gescannt hat und wann er den Auftrag abschließen konnte. Entscheidend ist dabei insbesondere ein Wert: die TOT. TOT steht für „Time off Task“, also die Zeit zwischen Scanvorgängen. Alle Mitarbeiter:innen haben so einen TOT-Wert, die aus Amazons Sicht Unproduktivsten werden von einem Algorythmus automatisch entlassen. Entscheidend ist also nicht, ob ein Mitarbeiter langsam gearbeitet hat, sondern nur, ob er langsamer gearbeitet hat, als seine Kolleg:innen. So ensteht ein unerbittlicher Konkurrenzkampf, der dazu führt, dass Angestellte auf Toilettenpausen verzichten oder bis zur Erschöpfung arbeiten, um ihren TOT-Wert aufzubessern.

Nach Recherchern von The Verge entlässt Amazon so etwa die „unteren“ zehn Prozent seiner US-Logistikmitarbeiter:innen jährlich. So gelingt es Amazon, sich ständig zu optimieren. Unterdurchschnttlich Arbeitende werden ausgemistet und durch neue TOT-Wertbesitzer ersetzt. Die Kündigung erfolgt dabei vollautomatisch. Entscheidet der Algorythmus, dass ein Mitarbeiter das Unternehmen verlassen muss, erhält dieser die dafür erforderlichen Unterlagen direkt auf sein Smartphone – ein Gespräch mit einem Vorgesetzten findet nicht statt. In Deutschland sind die Hürden für Amazon Dank des ausgebauteren Kündigungsschutzes höher. Trotzdem gibt es auch hier einen TOT-Wert, die vermeindlich unproduktivsten Mitarbeiter:innen werden aber zentral an festgelegten Terminen entlassen. Seit Kurzem versucht der niedersächsische Landesbeauftragte für Datenschutz gegen Amazon vorzugehen. In Winsen in Niedersachsen befindet sich eines der modernsten Logistikzentren Amazons in Europa, auch hier wird mit dem TOT-Wert gearbeitet. Damit soll nun Schluss sein, aus Sicht des Datenschutzbeauftragten ist eine minuten- oder sogar sekundengenaue Aufzeichnung von Arbeitsprozessen nicht Gesetzeskonform. Er forderte Amazon deshalb auf, diese Praktik einzustellen. Amazon plant nun Klage gegen die Aufforderung einzureichen, bis dahin darf das Unternehmen aber weitermachen, wie bisher. In den USA plant Amazon aber bereits Größeres: Vor einiger Zeit meldete das Unternehmen ein Patent für ein Armband ein, welches Handbewegungen von Angestellten genau erfassen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes könnte so jeder Fehlgriff aufgezeichnet und für das interne Profil der Mitarbeiter:innen verarbeitet werden.

Doch Überwachungsmethoden wie bei Amazon könnten auch in üblichen Bürojobs zum Alltag werden. Ein Großteil dieser Jobs wurde während der Corona-Pandemie ins Home-Office verlegt und entzog sich so zumindest den direkten Blicken der Vorgesetzten. Da das Home-Office aber auch nach der aktuellen Krise einen größeren Stellenwert einnehmen wird, als vorher, sind viele Unternehmen an Methoden interessiert, die Leistung ihrer Mitarbeiter:innen trotzdem im Auge zu behalten. Der Softwaregigant Microsoft stellte dazu kürzlich eine Lösung vor. Firmenkunden der weitverbreitenden Office-Suite, also dem Softwarepaket, zu dem Word, Excel und PowerPoint gehören, haben künftig je nach Vertrag auch Zugriff auf eine Software, die nach Aussage von Microsoft selbst zur „Überwachung der Benutzeraktivität mit Produktivitätsbewertung“ dient. Diese berechnet für Benutzer:innen einen Produktivitäts-Score, kurz PS. Zwar behauptet Microsoft, man könne diese Scores anonym abspeichern und die Daten würden immer nach 28 Tagen automatisch gelöscht. Doch die Anonymisierung kann laut Datenschutzexperten einfach umgangen und die gesammelten Daten in einer anderen Datenbank abgespeichert werden, sie sich eben nicht automatisch lösche. Datenschutzaktivisten sehen in Microsofts Vorstoß einen Albtraum für die Privatsphäre von Angestellten und warnen entsprechend vor einer Verwendung.

Im Extremfall könnten diese Praktiken dafür sorgen, dass sich der Arbeitsmarkt grundlegend verändert. Mitarbeiter:innen würden dann regelmäßig entlassen und in anderen Betrieben neu eingestellt. Lange Beschäftigungsverhältnisse würden für einen Großteil der Arbeitnehmer der Vergangenheit angehören, bei einem kleinen Produktivitätsrückfall gegenüber den Kolleg:innen, vielleicht aus privaten Problemen oder Krankheit erfolgte dann die Entlassung. Insbesondere in Lebenskrisen stünde dann das Profitinteresse des Kapitalimus endgültig über der psychischen Gesundheit der Bevölkerung. Der Gesetzgeber muss deshalb das Arbeitsrecht ständig an neue Technologien und Entwicklungen anpassen und darf sich von Konzernen nicht von voreiligen Entscheidungen überzeugen lassen.

Ein erster Schritt wäre es beispielsweise, ein Ranking von Mitarbeiter:innen anhand von Softwareüberwachung strikt zu verbieten. Auch im Arbeitsalltag muss Arbeitnehmer:innen so viel Privatsphäre gewährleistet werden, dass er ohne Konsequenzen eine kurze Googlesuche oder ein Telefonat mit der Familie führen kann. Denn Arbeit sollte vor allem den Arbeitern nützen. Dabei spielt Überwachung eine entscheidende Rolle, wenn auch nicht die einzige. Doch je gläserner der Arbeiter wird, desto einfacher ist er zu zerbrechen.

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