Die Macht der Social Bots

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Fast 10 Millionen Euro pro Jahr an Werbeerlösen verdient die Influencerin Lil Miquela mit sponsored Posts auf Instagram. 2,5 Millionen Menschen folgen ihr und ihrem Feed einer durchschnittlichen amerikanischen College Studentin. Auf ihrem Account finden sich Fotos mit Freunden im Park, mit ihrem Hund und der neusten Mode. Damit wirkt ihr Feed wie der jeder zweiten Influencerin, doch in Wirklichkeit ist sie alles andere als gewöhnlich. Lil Miquela ist kein Mensch. Sie ist eine computergenerierter Influencerin und verdiente im Jahr 2020 als erfolgreichster Bot auf Instagram 353mal so viel wie ein durchschnittlicher Mensch. KIs wie Lil Miquela sind noch eine eher neue Erscheinung, doch sie scheinen sich zu einem lukrativen Geschäftsmodell zu entwickeln. Nicht so ausgefeilt und intelligent wie Lil Miquela, dafür aber bereits seit vielen Jahren im Netz unterwegs, sind die sogenannten Social Bots. Hinter Social Bots befindet sich keine große KI, sondern lediglich ein Algorithmus, also eine Abfolge von „Wenn-Dann-Regeln“, doch die Bots können durch ihre schiere Masse großen Schaden anrichten. Fake News und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Falschinformation haben im letzten Jahr rasant an Geschwindigkeit aufgenommen. Social Bots machen sich die Falschmeldungen zu nutze und können so ein Meinungsbild kreieren, das mit der Wirklichkeit, kaum noch etwas zu tun hat.

Automatisierte Meinungsmache

Einen Social Bot zu programmieren, ist leicht. Man stößt bereits nach kurzem googlen auf kostenlose Bauanleitungen, die sich mit ein paar kleinen Eingriffen in den Code schnell einsetzen kann. Wem das zu kompliziert ist, der kann auch einen der zahlreichen Dienstleister im Internet beauftragen, das Programmieren zu übernehmen. Die Bots täuschen auf Social Media Plattformen echte Identitäten vor. Mittels einfacher Keyword-Suche scannen sie verschiedene Plattformen wie Twitter und Facebook nach gewünschten Hashtags und Wörtern. Werden sie fündig, kommentieren sie Beiträge mit vorgefertigten Antworten oder versuchen andere Nutzer in Streitgespräche zu verwickeln.

Es gibt drei Kategorien, in denen Social Bots hauptsächlich in Aktion treten

  • Die Überlaster überfluten Seiten oder Personen mit einer vielzahl von Anfragen oder Aussagen. Das kann entweder dazu führen, dass die Seite abstürzt und nicht mehr erreichbar ist, oder dass unter einem bestimmten Thema plötzlich tausende Kommentare mit der Gegenmeinung auftauchen. Da sich die Social Bots gegenseitig liken, verstärkt sich der Kreislauf von selbst.
  • Die Trendsetter posten fröhlich vor sich hin und verwenden immer wieder denselben Hashtag, sodass dieser auch bei anderen Nutzern als relevant angezeigt wird. So kann vor allem auf Twitter mit einem gezielten Einsatz einer Social Bots Armee, ein gewünschtes Thema auf die Agenda gesetzt und andere davon verdrängt werden.
  • Und dann gibt es noch die Auto-Trolle, die nichts anderes tun, als Nutzer in end- und sinnlose Diskussionen zu verwickeln, in dem sie immer wieder unpassende, extreme oder beleidigende Argumente einwerfen.

Social Bots können einen enormen Einfluss auf Soziale Netzwerke und damit auch die öffentliche Meinung nehmen. Durch ihre selbstverstärkenden Mechanismen gehen echte Kommentare unter und normale Diskussionen werden unmöglich. Jeder, der genug Geld hat, sich eine Bots Armee zu kaufen, kann Themen auf die Agenda setzen, die gerade nach seinem Belieben sind. Echte Nutzer schließen sich nicht selten diesen Bewegungen an, im Glauben, dass es sich um eine echte Mehrheit handelt. Zusätzlich sind die Bots je nach Programmierung sehr schwer von echten Nutzern zu unterscheiden, wodurch sie gezielt Falschinformationen in Umlauf bringen können. Besonders im Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl ist das Thema Soziale Netzwerke und Social Bots wieder in Deutschland stärker in den Vordergrund gerückt. Niemand möchte eine Affäre vom Ausmaß des Camebridge-Analytika-Skandals, bei dem bekannt wurde, dass die persönlichen Daten von Millionen von Facebooknutzern ohne ihr Wissen für politische Werbung genutzt worden waren. Bots werden aber nicht nur für politische Motive missbraucht. So könnten zum Beispiel auch Aktienkurse durch große Bot-Kampagnen manipuliert werden und Anleger in nicht existente Kapitalanlagen getrieben werden.

Auch Firmen werden immer häufiger durch Social Bots beeinflusst. Eine Studie der Academic Society for Management and Communication fand heraus, dass über 100.000 Social Bots auf Twitter über adidas posteten, gefolgt von Daimler mit knapp 48.000 Bots. Entweder nutzten die Firmen die Botarmeen, um ihre eigenen Produkte zu vermarkten, oder aber um anderen Marken und Firmen zu Schaden, wie das Beispiel vom Twitterbot „DesignationSix“ zeigt. Der Bot postete über 100.000 Retweets, gab sich als Mitglied der Rebublikanischen Partei aus, denunzierte Firmen, die nach seinen Behauptungen den Fernsehsender Fox News unterstützten, um diese dazuzubringen, den finanziellen Support einzustellen.

Vom Essen bestellen zum Psychotherapeuten

So viele Gefahren Bots für die Sozialen Medien auch bergen, so viele Chancen bieten sie auch. Immer mehr Firmen setzen vermehrt auf Social Bots, wenn es um die Kundenbetreuung geht. Die sogenannten Chatbots kommunizieren mit den Kunden in erster Instanz und versuchen Hilfe anzubieten, bevor man zu einem Menschen weitergeleitet wird. Das kann manchmal nervig sein, viele Probleme lassen sich jedoch meistens sehr einfach lösen und das Unternehmen spart eine Menge Geld. Auch Essensbestellungen und kulinarische Tips werden zum Teil nur noch von Bots entgegen genommen, so zum Beispiel bei der amerikanischen Fastfood-Kette Taco Bell. Selbst psychotherapeutische Angebote gibt es im Netz zu finden. Viele Betroffene müssen lange Wartezeiten aushalten, bevor sie einen Therapieplatz bekommen. Um diese Zeit zu überbrücken gibt es seit einigen Jahren Apps, in denen Betroffene mit trainierten Chatbots sprechen können. Gerade in der Coronakrise bekommt das Thema einen erneuten Aufschwung.

Doch wenn es immer schwieriger wird, betrügerische Social Bots zu erkennen, wie kann man sich dann vor ihnen schützen? Das wichtigste ist es, den kritischen Blick zu behalten. Im Internet gilt die generelle Regel, nicht alles zu glauben, was man liest. Bei jeder Information sollte man hinterfragen, welche Quellen herangezogen wurden und wie vertrauenswürdig diese sind. Das gilt vor allem im Hinblick auf die Verbreitung von Fake News durch Social Bots. Trotz der Schwierigkeit, die Bots zu erkennen, gibt es dennoch ein paar Daumenregeln, die vor allem auf Plattformen wie Instagram und Twitter helfen können.

  • eine unrealisitsch hohe Anzahl an Tweets pro Tag: Weil Bots automatisch posten, können sie eine deutlich größere Menge abliefern als Menschen
  • Profilbild: Bots haben häufiger Grafiken oder gar kein Profilbild eingestellt
  • Das Verhältnis aus Abonnenten und Abbonierten: Bots folgen meistens einer deutlich größeren Anzahl an Leuten als sie selbst Abonnenten haben
  • Qualität der Kommentare: die meisten Bots haben nur ein limitierte Anzahl an gelernten Wörtern, wodurch ihre Kommentare unpräzise und unpassend erscheinen
  • Diversität des Feeds: Viele und ähnliche Beiträge weisen meistens auf einen Bot hin. Je diverser der Feed des Nutzers ist, desto wahrschenlicher handelt es sich um einen Menschen. Doch Achtung: In den letzten Jahren sind Social Bots auf diesem Gebiet deutlich besser geworden

Mit zunehmender Anzahl an Social Bots im Internet werden auch die Rufe, Datenkraken wie Facebook und Co. Einhalt zu gebieten immer lauter. Die EU-Kommission will diejenigen, die systematisch Falschinformationen verbreiten, härter bestrafen. Dazu sind neue Leitlinien geplant, die bis zum Frühjahr 2021 von nationalen Regulierungsbehörden durchgesetzt werden können. Die Leitlinien sollen klare Vorgaben zur Löschung extremer Inhalte, sowie finanzielle und öffentliche Sanktionen gegen „bösartige Akteure“. Doch auch Gesetze bringen nichts, wenn man diese nicht durchsetzen kann. So erklärt zum Beispiel Instagram, sie wüssten überhaupt nicht, wie viele Bots auf ihrem Netzwerk angemeldet sind. Die Programme, die Bots steuern, sind schwer rückzuverfolgen und liegen oft jenseits nationaler Grenzen. Deswegen wird es auch in Zukunft noch wichtiger sein, als Gesellschaft zu lernen, mit dem Problem umzugehen, anstatt zu hoffen, dass der Staat es uns abnimmt.

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