An den Fäden der Welt

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Wenn morgens die Sonne über Kabul aufgeht, die ersten Markstände öffnen und Mofas durch das dichte Gedränge in den engen Gassen der Innenstadt rasen, dann könnte man für einen Moment denken, Afghanistan sei ein ganz normales Land. Doch mit einer Explosion ist diese Illusion vorüber. Sprengstoffanschläge sind in den Städten Afghanistans trauriger Alltag. Eine auf Wikipedia geführte Liste sammelt alle politisch relevanten Anschläge oder Attentate mit Sprengstoff, 2020 fanden 24 von 38 dieser Angriffe in Afghanistan statt.

In aller Regel werden diese Anschläge von den Taliban verübt. Die Taliban bezeichnen sich selbst als „Schüler Gottes“, sie sind eine fundamentalistisch islamistische Terrorgruppe. Ihr Einfluss in Afghanistan geht allerdings deutlich über den anderer redikaler Splittergruppen in anderen Ländern hinaus: Sie kontrollieren ganze Regionen und Wirtschaftszweige und stehen sogar mit den Vereinigten Staaten von Amerika in diplomatischen Verhandlungen. Wie konnte es dazu kommen, warum steht Afghanistan dort, wo es steht und was bedeutet Donald Trumps geplanter Truppenabzug für das Land? Ein Blick auf die Geschichte dieser zentralasiatischen Region.

„Afghanistan“ ist eine sehr neue Bezeichnung für eine sehr alte Kulturregion. Übersetzt bedeutet es schlicht „Land der Afghanen“ (Damit sind die Paschtunen gemeint) und benennt damit nur eine Volksgruppe, die heute in der Region lebt. Tatsächlich besteht die Bevölkerung Afghanistans aber aus dutzenden Volksgruppen mit vielen tausend Stämmen, die sich kulturell zum Teil deutlich voneinander unterscheiden. Der moderne afghanische Staat ist also ein künstliches Konstrukt, das nicht auf dem kulturellen Erbe einer Volksgruppe basiert, deren Volksgruppen nicht die selbe Sprache sprechen und deren politische Ansichten sich teils widersprechen.

Ethnolinguistische Karte Afghanistans nach (modifizierten) Daten aus dem CIA World Factbook. CC BY-SA 3.0

Die Geschichte Afghanistans ist unglaublich bunt. Vor den Eroberungsfeldzügen Alexanders des Großen, gehörte die Region zum Persichen Reich, anschließend wurde es von Alexanders Anhängern verwaltet, bis lokale Mächte die Kontrolle über das Land erlangten und über die Jahrhunderte unterschiedlichste kleinere Herrscher die Macht übernahmen. So gehörte das heutige Afghanistan zeitweise zu den Arabern, aber auch zum indischen Mogulreich, zu den persischen Safawiden oder zu den usbekischen Scheibaniden. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlangten dann die Patschunen, die größte afghanische Volksgruppe, die Macht durch einen Aufstand, nur um kurze Zeit später wieder von den Persern abgelöst zu werden. Nachdem die Patschunen sich aber mit den Persern verbündeten und wenig später der persische Schah starb, kontrollierten sie das Gebiet nun wieder ohne äußeren Einfluss – bis sich nach nur wenigen Jahrzehnten die britische Krone dazu entschloss, das heutige Afghanistan zu kolonialisieren.

Großbritannien stand Anfang des 19. Jahrhunderts in einem Expanisionswettlauf mit dem russischen Zarenreich. Russland hatte erkannt, dass es zur entscheidenden Macht in Asien aufsteigen konnte, sollte es ihnen gelingen, bis in den Süden Indiens vorzudringen und dort einen Seehafen am Indischen Ozean zu errichten. Invasionen auf China oder Südostasien hätten dann von zwei Seiten stattfinden können, ein enormer Vorteil. England kannte die Macht Russlands aus diversen europäischen Konflikten und war entsprechend bemüht, Russland auf dem Weg nach Süden den Weg abzuschneiden. So wurde das heutige Afghanistan zu einem wichtigen strategischen Ziel. Nach zahlreichen meist erfolglosen Militäraktionen konnte Großbritannien 1880 Afghanistan schließlich erobern, zerstörte Kabul nahezu vollständig und setzte einen König als Marionettenherrscher ein. Im Anschluss verwaltete die Kolonialmacht das Land ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung. Aus Organisationsgründen wurden Teile Afghanistans der britischen Kolonie in Indien zugeschlagen, Volksgruppen und Stämme wurden so zwangsgetrennt. Unter anderem daraus entstand eine erneute Widerstandsbewegung, die durch geschickte Verhandlungen drohte, Russland zu unterstützen, sollte sich England nicht aus Afghanistan zurückziehen.

So wurde 1919 aus Afghanistan ein souveräner Staat. Die Afghanen ernannten einen König, der umgehend demokratische Reformen einführte, ein absolutes Novum für diese Region zu diesem Zeitpunkt. Freie und unabhängige Wahlen, Frauenrechte, ein Zwei-Kammern-Parlament: Afghanistan war auf dem besten Weg zu einer modernen Demokratie – bis es erneut zum Spielball der internationalen Politik wurde. Durch die Einflüsse der Sowjetunion wurde der afghanische König 1973 gestürzt und durch eine sowjetfreundliche Regierung ersetzt. Daraufhin unterstützte die USA im Rahmen ihrer Containmentpolitik rebellierende Mudschahedingruppen und stattete diese mit Waffen und Informationen aus. So entwickelte sich ein 10 Jahr anhaltender Stellvertreterkrieg, dessen Material bis heute die Arsenale der Taliban füllt. 1989 zogen sich die sowjetischen Truppen schließlich zurück, die Mudschahedin übernahmen zum Teil die Macht, eskalierende Konflikte zwischen Volksgruppen sorgten aber dafür, dass die Region weiter friedlos blieb. In diesem Chaos gelang es den Taliban zu einer entscheidenden Kraft aufzusteigen. Zeitweise kontrollierten sie mehr als zwei Drittel des afghanischen Terretoriums.

Ursprünglich setzten sich die Taliban aus Flüchtlingen zusammen, die aus den Dutzenden Konflikten Afghanistans flohen und sich in islamischen Schulen zusammenschlossen. Dort radikalisierten sie sich immer weiter. Afghanistan hat eine reiche Geschichte von erfolgreichen Aufständen, gemeinsam mit der fundamentalistischen Auslegung des Islam und dem Zugang zu Kriegswaffen aus dem US-Sowjetischen Stellvertreterkrieg wurden sie so zu einer ernsten Bedrohung und zu einer mächtigen afghanischen Kraft. Sie verachteten und bekämpften aktiv den teildemokratischen afghanischen Staat und kontrollierten ihre Gebiete mt einer beispiellosen Gewaltherrschaft.

Die Anschläge vom 11. Spetember 2001 in den Vereinigten Staaten von Amerika veränderten die afghanische Geschichte grundlegend. Die USA machten die islamistische Terrorgruppe Al-Quaida für die Angriffe verantwortlich, die Unterschlupf in den von den Taliban kontrollierten Gebieten Afghanistans fand. Nur einen Monat später begann die USA mit einer Invasion in Afghanistan mit dem Ziel, die Taliban aus dem Land zu vertreiben. Nach ersten Erfolgen zeigte sich jedoch, dass gerade durch die, aus völkerrechtlicher Sicht zumindest fragwürdige, Invasion der Zulauf zu den Taliban zunahm. Seit dem flammt der Konflikt immer wieder auf.

Im Rahmen der ISAF-Mission befinden sich auch deutsche Soldaten in dem Land, zunächst im Kapmfeinsatz, mittlerweile hauptsächlich zur Aufklärung von strategischen Zielen und Ausbildung von afghanischen Kräften. Der Einfluss der Taliban konnte so mit der Zeit deutlich reduziert werden, mittlerweile stehen sie in diplomatischem Kontakt mit dem Westen, um zumindest einen gewissen Einfluss auf Afghanistan halten zu können. So schlossen sie Anfang diesen Jahres ein Abkommen, in welchem sie sich verpflichten, Friedensgespräche mit der afghanischen Regierung aufzunehmen und dem Terror abzuschwören. Im Gegenzug erklärte sich die USA bereit, ihre Truppen innerhalb von 14 Monaten abzuziehen.

Beobachter sehen diesen Deal äußerst kritisch. Die Taliban setzten derzeit ihre Anschläge auf Regierungstruppen fort, mindestens 422 Staatsangestellte starben dieses Jahr durch Angriffe der Gruppe. Es besteht also die Gefahr, dass der Westen alle Truppen abzieht und die Taliban durch eine groß angelegte Offensive das Machtvakuum füllen könnten. Schließlich basiert der gesamte sicherheitspolitische Apparat von Polizei und Streitkräften auf der Ausbildung und Unterstützung durch die NATO-Truppen, beispielsweise in Form von Aufklärungsmissionen deutscher und amerikanischer Flugzeuge und Drohnen. Zudem ist die afghanische Armee vergleichsweise schlecht ausgerüstet. Donald Trump scheint diese Befürchtungen nicht zu teilen oder sieht eine Möglichkeit darin, Joe Biden ein möglichst unvorteilhaftes außenpolitisches Erbe zu hinterlassen, um dies bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2024 gegen ihn einsetzen zu können. So oder so: Trump hat mit dem Rückzug seiner Truppen begonnen, in einem Monat sollen statt 4500 nur noch rund 2500 US-Soldaten in Afghanistan stationiert sein.

Seit der Antike befindet sich Afghanistan inmitten internationaler Konflikte und wird von ihnen regelmäßig überworfen. Mit seinen unzähligen Kulturen und Stämmen ist das Land innenpolitisch so komplex, dass es kaum in das Korsett des modernen Nationalstaats im 21. Jahrhundert passt. Es bleibt dem Land zu wünschen, dass es seine demokratischen Ambitionen auch ohne die Hilfe der westlichen Mächte umsetzen kann. Der nächste Konflikt steht schon in der Tür.

Bildquelle: (DoD photo by Staff Sgt. William Tremblay, U.S. Army/Released) CC BY 2.0

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