Du bist, was du isst – Wie Ernährung unser psychisches Wohlbefinden beeinflusst

Gepostet von

Kommentar

Hunger. Ein Wort, dessen wahre Bedeutung heute in den meisten Industrienationen kaum noch jemand kennt. Mit unseren technischen Errungenschaften, die uns den Wohlstand brachten, haben wir Menschen es geschafft, den Hunger zu besiegen. Das mag nach einer gewagten These klingen, doch schaut man sich die Zahlen an, scheint Hunger tatsächlich kein wirkliches Problem der Menschen mehr zu sein. Wenn irgendwo auf der Welt ein Mensch hungert, dann liegt das nicht daran, dass es nicht genügend Nahrungsmittel gäbe. Allein in Deutschland werden jährlich 356 Millionen Kilogramm Fleisch weggeschmissen, weltweit gehen etwa 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel pro Jahr verloren. Nein, an Butterbroten mangelt es wahrlich nicht.

Vor allem in Europa und den USA gibt es Butterbrote im Überfluss, was auf einmal ein ganz neues Problem aufwirft. Wir essen zu viel, und das auch noch zu ungesund. Weltweit sterben dreimal so viele Menschen an Übergewicht wie an Mangelernährung. Jeder fünfte Erwachsene und jedes zehnte Kind in Deutschland sind fettleibig. Das Robert-Koch-Institut zählte 2014 ganze 67% der Männer und 53% der Frauen als übergewichtig. Das bleibt auch in den Todesstatistiken nicht ohne Folge. Ca. 35 Millionen Menschen sterben weitweit an nicht übertragbaren Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt oder Diabetes. Das bedeutet umgekehrt, dass 65% aller Todesfälle zumindest zu einem Teil auf einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen sind, unter anderem schlechter Ernährung.

Kritiker vergleichen nicht ohne Grund die daraus resultierenden Gesundheitsrisiken mit den Gefahren von Alkohol und Tabak. Dabei können die Verbraucher selbst gar nicht so viel dafür. Hinter der Lebensmittelindustrie steckt eine ganz eigene Wissenschaft, die sich tagtäglich mit nichts anderem beschäftigt als damit, wie sie ein Produkt möglichst attraktiv gestalten können. Leider ist der Begriff Attraktivität in dieser Industrie in etwas gleichbedeutend mit Suchtpotenzial. Dieser kalkulierten Sucht fallen täglich Millionen von Chipsverzehrenden zum Opfer. Bei einem Kartoffelchip wird nichts dem Zufall überlassen. Wissenschaftler konnten herausfinden, dass die Konsmenten am zufriedensten sind, wenn Chips bei einem Druck von 276 Millibar brechen, der sogenannte „Bruchpunkt“. Dann verlangt das Krachen beim Zubeißen nach sofortiger Wiederholung. Ebenso ist das leichte Zerfallen beim Kauen berechnet, das uns suggeriert: „Was schnell weg ist, hat wenig Kalorien.“ Kein Wunder, dass allein die Deutschen jährlich 400 Millionen Packungen Kartoffelchips pro Jahr futtern.

Viel perfider ist jedoch der „bliss point“, im Deutschen auch Glückspunkt genannt. Dieser beschreibt die exakte Menge an Salz, Zucker und Fett, die den maximalen Kick im Belohnungszentrum auslöst. Der Blutzuckerspiegel schnellt hoch und sinkt sofort wieder ab, was den Appetit noch verstärkt und dadurch verhindert, dass sich ein Sättigungsgefühl einstellt. Natürlich kann man den Unternehmen nur schwer vorwerfen, dass sie danach streben, ihre Produkte möglichst schmackhaft zu machen, doch es bleibt die Frage, ob dieses Streben unendlich fortgeführt werden sollte.

Setzen Konzerne wissentlich oder auch vorsätzlich die physische und psychische Gesundheit ihrer Kunden aufs Spiel?

Unsere Ernährung hat einen Einfluss auf unser Leben, der über den bloßen Cholesterinspiegel und Körperfettanteil hinausgeht. Vor allem Ernährung und Psyche hängen besonders eng zusammen. Insbesondere zu viel Zucker trägt maßgeblich zu psychischen Beschwerden wie Stimmungsschwankungen, Unkonzentriertheit oder Erschöpfung bei. Warum also können wir von der süßesten Droge der Welt einfach nicht die Finger lassen?

Die Liebe zu süßen Lebensmitteln hat eine lange Geschichte. Schon unsere Vorfahren in der Steinzeit wussten, dass etwas, das süß schmeckt nicht giftig ist und dass in Zucker viel Energie steckt. Dementsprechend bedeuteten süße Beeren gleich ungiftig und viel Energie für die bevorstehende Jagd. Vor 2,6 Millionen Jahren mag es eine gute Idee gewesen sein, sich alles Süße, was man in die Hände bekam, einzuverleiben, doch heute, im Jahr 2021, müssen wir weder auf Mammutjagd gehen, noch müssen wir fürchten, in den nächsten Monaten einer Hungerperiode zum Opfer zu fallen.

In unserem Körper wird Zucker direkt ins die Blutbahn geleitet. Um dieses Hochschnellen des Blutzuckerspiegels zu regulieren, benötigt es das Hormon Insulin. Der Körper braucht allerdings einen Moment, um das benötigte Insulin auszuschütten, was zu starken Schwankungen im Blutzuckerspiegel führt, die sich wiederrum negativ auf die Psyche auswirken.

Eine ebenso bedeutsame Rolle spielt das Belohnungssystem im Gehirn. Entdeckt wurde es im Jahr 1954 durch puren Zufall. Eigentlich wollte man Lernprozesse von Laborratten erforschen, doch beim Anbringen einer Elektrode im Gehirn der Versuchstiere, traf man das falsche Areal und stellte fest, dass die Ratten immer wieder zu dem Punkt zurückkehrten, an dem sie die Stromstöße erhielten, obwohl eigentlich genau das Gegenteil hätte geschehen sollen. Setzte man die Ratten in eine Skinner-Box (ein spezieller Käfig zum Erforschen von Lernprozessen), führte dies dazu, dass sich die Ratten immer wieder selber Stromstöße gaben und diese sogar der Nahrungsaufnahme vorzogen und lieber verhungerten, als den „Glückshebel“ aufzugeben.

Das Belohnungssystem im Gehirn funktioniert wie ein Schaltkreis über den Botenstoff Dopamin, weswegen Wissenschaftler auch häufig vom dopaminergen mesocortikolimbischen Belohnungssystem sprechen. Durch einen Auslöser von außen, etwa ein Stück Schokolade oder eine Schale voller Chips, wird das Belohnungssystem aktiviert, was sich in dem Drang äußert, die Hand nach der Schokolade auszustrecken. Deshalb fällt es uns auch so schwer, nicht zuzgreifen, wenn etwas Verlockendes vor uns auf dem Tisch steht. Sobald der erste Happen den Mund erreicht, projizieren die Neuronen des ventralen Mittelhirns zum Striatium und zum limbischen System, unter anderem dem Nucleus accumbens, der das Glücksgefühl generiert. Danach geht es weiter zur Amygdala, die diese Erregung als affektives Gefühl verarbeitet und im gleichen Zug Dopamin ausschüttet, das uns letztendlich in das Hochgefühl des Glücks fallen lässt.

Zusätzlich wandert der Botenstoff zum Hippocampus, dem Teil im Gehirn, der unsere gelernten Erinnerungen wie ein Bibliothekar zusammenhält und für den Zusammenfluss vieler verschiedener sensorischer Informationen verantwortlich ist. Der Hippocampus ist daher unerlässlich für das Lernen und führt im Zusammenspiel mit dem Belohnungszentrum dazu, dass selbst ein Kleinkind, nachdem es das erste Mal etwas Süßes probiert hat, nach mehr verlangt. Der eben beschriebene Mechansimus ist derselbe, der auch dafür sorgt, dass Menschen nach Alkohol, Nikotin, Cannabis oder anderen Drogen süchtig werden. Es beginnt mit einem leichten Glücksgefühl, doch irgendwann wird der Drang nach einer Wiederholung so stark, dass er die Kontrolle über alle anderen Lebensaspekte gewinnt.

Ernährung kann Depressionen vorbeugen und Symptome reduzieren

Die Depression ist eine der häufigsten und in ihrer Schwere am meisten unterschätzten psychischen Krankheiten in Deutschland. Jährlich erkranken 5,3 Millionen Menschen alleine in Deutschland an einer unipolaren oder anhaltenden despressiven Störung (Mehr über die Krankheit erfahrt ihr hier). Auch bei dieser Krankheit ist die Ernährung ein entscheidender Faktor. In zahlreichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass eine ausgewogene Ernährung der Entwicklung einer Depression nicht nur entgegenwirkt, sondern auch bestehende Sympotme lindert. Besonders durch Vitamin- und nährstoffreiche Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Nüsse, kann das Risiko, an einer Depression zu erkranken, bedeutend gesenkt werden. Diese nährstoffreichen Lebensmittel tragen zu verbesserten Verarbeitungsprozessen im Gehirn bei und sorgen unter anderem für die Produktion der Botenstoffe Dopamin und Serotonin. Diese Botenstoffe wirken sich positiv auf Stimmung und Antrieb aus und stellen auch den Ansatzpunkt für die medikamentöse Behandlung von Depressionen dar. Trozdem ersetzt eine gesunde Ernährung keinesfalls eine psychotherapeutische Behandlung. Genau wie Psychopharmaka kann sie nur als begleitende Ergänzung angesehen werden.

Im Umkehrschluss bedeutet all das, dass unser Wohlbefinden stark von dem abhängig ist, mit dem wir unseren Magen füllen. An dem Sprichwort: „Du bist, was du isst“, scheint tatsächlich etwas dran zu sein. Aber ändert sich auch etwas? Immer öfter formieren sich interdisziplinäre Bewegungen aus Ernährungswissenschaftler:innen, Psycholog:innen und Verbraucherschützer:innen, die auf die Problematik einer ungesunden Ernährung aufmerksam machen wollen. Zusätzlich häufen sich die Lebensmittelskandale. Von Pferdefleisch in Lasagnen bis zu Corona-Ausbrüchen in Schlachtbetrieben. Das Problem ist bekannt und das seit Jahren.

Der Pulitzer-Preisträger Michael Moss rekonstruiert in seinem Buch „Das Salz Zucker Fett Komplott“ eine Zusammenkunft der größten Lebensmittelkonzerne im Jahr 1999. Anwesend waren unter anderem die Firmenbosse von Nestlé, Kraft, Coca-Cola und Mars. Der Vizepräsident von Kraft, Michael Mudd, kam ohne Umschweife zum Thema, der steigenden Fettleibigkeit bei Kindern, und rief zur Verantwortungsübernahme auf. Sein Aufruf stieß auf eiserne Abwehr und das Meeting endete ohne Ergebnis. Über 20 Jahre später sieht die Bilanz weiterhin schlecht aus. Deutsche verzehren run 36 Kilogramm Zucker pro Kopf und Jahr, doppelt so viel, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Dabei ist Zucker oft gar nicht so leicht zu entdecken. 56 Bezeichnungen zählte der Professor für klinische Pädiatrie an der University of Californa Robert Lustig, mit denen Zucker in den USA auf Lebensmitteln ausgewiesen wird.

Es wird den Menschen verdammt schwer gemacht, sich gesund zu ernähren. Man kann von niemandem erwarten, über 50 Begriffe für Zucker auswendig zu lernen und jede Packungsrückseite nach ihnen abzusuchen. Zumal es sowieso kaum ein Entkommen gibt. In den meisten Supermarktprodukten ist mittlerweile Zucker zugesetzt, eine ausgewogene Ernährung wird zunehmend zu einem Luxusgut. Besonders ärmere Familien können sich frisches Obst und Gemüse seltener leisten, mal davon abgesehen, dass Kochen Zeit in Anspruch nimmt, die viele Eltern nicht haben, und daher auf schnelle Fertigprodukte zurückgreifen müssen.

Übrigens: Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) lehnt die Wiedereinführung einer Zuckersteuer, die 1993 im Rahmen des EU-Binnenmarktes abgeschafft wurde, bisher ab und setzt weiter auf das Verantwortungsbewusstsein der Industrie. Auch der in vielen Ländern längst etablierte Nutri-Score als Lebensmittelampel konnte erst nach langem Ringen in der Politik durchgebracht werden. Allerdings bleibt die Ampel freiwillig. Die Rolle der Lebensmittelindustrie im Bezug auf den weltweiten Ansteig von Übergewicht, Diabetes Typ 2 und psychischen Krankheiten wird also weiterhin von allen diskutiert, außer der Ernährungsministerin, und die Verantwortung für eine gesunde Ernährung bleibt weiterhin alleine bei den Bürgerinnen und Bürgern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.