Catcalling – „Ta gueule!“

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Oder auch „Halt die Fresse!“, ruft die 22-Jährige Studentin Marie Laguerre einem Mann zu, der ihr auf dem Weg nachhause hinterherruft und -pfeift. Daraufhin greift der Mann nach einem Aschenbecher eines Tisches des Pariser Cafés, vor dem der Vorfall am 24. Juli 2018 stattfindet und wirft ihn nach ihr. Dann geht er wieder auf sie zu und ohrfeigt sie, sodass sie taumeln muss. Das Video der Sicherheitskamera ist auf Youtube zu sehen.

Was der Pariser Studentin passiert ist, trifft sekündlich besonders Mädchen, Frauen und femme presenting FLINT* Personen weltweit – auch in Deutschland. Das sogenannte Catcalling – verbale sexuelle Belästigung. Das kann beispielsweise hinterherpfeifen, „Hey Süße“, „Geiler Arsch“, „Wo gehst du hin? Kann ich mitkommen?“ oder „Ich will dich mal richtig ficken!“ sein. Bei Catcalling handelt es sich nicht um Komplimente, sondern um sexuelle Verobjektifizierung, so Juristin Anja Schmidt, die zum Thema Sexualstrafrecht recherchiert, im Spiegel. Verbale sexuelle Belästigung geht außerdem meistens von Männern aus.

In Frankreich ist Catcalling seit 2018 strafbar. Portugal, Belgien und die Niederlanden zogen kurze Zeit später nach. Aber wie sieht die Rechtslage in Deutschland aus? Abgesehen von Upskirting, das erst 2020 verboten wurde, existiert nicht-körperliche sexuelle Belästigung im Strafgesetzbuch nicht. So sieht der Sachstand des Bundestags zum Thema Catcalling im Bezug auf strafrechtlich relevante Beleidigungen aus. Zusammengefasst: Catcalling fällt weder unter Verletzung der Ehre, noch unter Beleidigungen. Es sei denn, für einen sexuellen Akt würde dem Opfer der Belästigung Geld angeboten werden, weil man ihm dann Protitution unterstellen würde. Eine Petition sorgte dafür, dass das Anliegen im Bundestag beraten wurde, Catcalling strafbar zu machen. Zustimmung bekam der Antrag nahezu ausschließich nur durch Poltiker:innen der linken und grünen Fraktion. Lediglich eine Abgeordneter der SPD-Fraktion stimmte ihm ansonsten zu. Abgelehnt wurde der Antrag ausschließlich durch Politiker der AfD. 80% der Abgeordenten des Bundestags ließen den Antrag unbeantwortet, womit er abgelehnt wurde. Die Statistik dazu findet ihr hier.

Neben der Petition gibt es auch Initiativen wie Cat Calls of Mainz, Cat Calls of Berlin oder Cat Calls of Bonn, die Catcalls an der Stelle auf dem Boden ankreiden, wo sie geschahen, und Bilder davon auf Instagram veröffentlichen. Idee der Initiativen ist es, sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit so sichtbar zu machen, dass man nicht weggucken kann, so die Initiatorinnen von Cat Calls of Mainz in einem Beitrag des SWRs. Obwohl Ankreidungen nicht dauerhaft sind, ließen Städte diese entfernen, wie zum Beispiel Augsburg, einen angekreideten und rassistischen Catcall infolge eines Polizei- und Feuerwehreinsatzes. Cat Calls of Mannheim ist gezwungen, ihre Ankreidungen nach 24 Stunden selber zu entfernen. In vielen Städten müssen Ankreidungen erst vom Ordnungsamt genehmigt werden, schreiben die Betreiber:innen von Cat Calls of Augsburg auf Instagram.

Viel Gegenwind von Städten und Staat also beim Thema verbale sexuelle Belästigung. Wieso ist es dennoch wichtig, nicht aufzugeben, um auf das Thema Catcalls aufmerksam, und diese strafbar zu machen?

Eine Studie der Cornell University zeigte, dass 85% der Betroffenen jünger als 17 Jahre alt sind, wenn sie das erste Mal verbal sexuell belästigt werden, schreibt die Berliner Zeitung. Opfer von sexueller Belästigung sind außerdem einem erhöhten Risiko ausgesetzt, eine Posttraumatische Beslatungsstörung zu entwickeln. Sich wiederholende Ereignisse erhöhen dieses Risiko. Das sagt auch Therapeutin Anke Hefen. Sexualisierte Gewalt findet dort statt, wo etwas gegen den Willen de:s:r Betroffenen geschieht und herabsetzend ist. Schon aufdringliche Blicke und sexualisierte Witze sind neben Missbräuchen und Vergewaltigungen Ereignisse, die eine tiefe Angst und somit Traumata auslösen können. Mehr dazu auf der Internetseite der Gewaltinfo Österreich.

Neben traumatischen Effekten für die Opfer von verbaler sexueller Belästigung wäre ein Verbot allerdings auch ein struktureller, institutioneller und gesellschaftlicher Meilenstein für die Gleichberechtigung, Freiheit und Sicherheit. Am zweithäufigsten, nach öffentlichen Orten, finden verbale Übergriffe an Arbeits- oder Ausbildungsplätzen statt. Und Frauen sind davon mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer, laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Diese bestätigte übrigens auch, dass die Täter:innen in dem Großteil der Fälle Männer sind. Mehr zu sexueller Belästigung auf dem Arbeitsplatz und der Studie der Antidiskriminierungsstelle gibt es bei Deutschlandfunk.

Eine Strafe für verbale sexuelle Übergriffe zu verhängen, würde natürlich nicht in jedem Fall helfen. Es kann für eine Anklage zum Beispiel an Zeug:inn:en mangeln, wie das oft in Frankreich der Fall ist. Der Bundestag würde mit einem Verbot allerdings ein klares Zeichen gegen sexuelle Belästigung setzen. Wie sich bei dem Fall der Studentin Marie Laguerre zeigte, kann aus einem verbalen auch schnell ein körperlicher Übergriff werden. Ohne Frage ebnet die Normalisierung von verbaler sexueller Belästigung also körperlichen Übergriffen den Weg. Frankreich nahm Catcalling nach der Debatte um Marie Laguerre in das Strafgesetz auf. Ein Bußgeld zwischen 90 und 750 Euro muss gezahlt werden, berichtet der Spiegel wie auch die TAZ. Können wir in Deutschland in den kommenden Jahren auch mit einem solchem Gesetz rechnen?

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