Operation Rubikon: Die größte Geheimdienstmission aller Zeiten

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Sonderlich viel Aufmerksamkeit gönnen die deutschsprachigen Recherchepartner ihren Ergebnissen nicht, als sie sie im Februar 2020 präsentieren. Der Schweizer SRF sendet einen Beitrag in der „Rundschau“, das ZDF einen ähnlichen im Polit-Magazin Frontal21 und schiebt erst einen Monat später eine längere Dokumentation auf dem Spartensender ZDFinfo nach. Leidglich die Washington Post veröffentlich einen aufwendig gestalteten und ausführlichen Text auf ihrer Website und in der Printausgabe. Dabei hat das, was die drei Partner über Monate hinweg Stück für Stück zusammengesammelt und -gepuzzelt haben das Potential, unsere Sicht auf die gesamte Nachkriegsgeschichte grundlegend zu verändern. Brisant ist zudem, dass hochrangige ehemalige Offizielle wie beispielsweise Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt a.D. Bernd Schmidbauer zum Teil offen über die Operation sprechen. Von der Gründung der Vereinten Nationen bis zu den Anschlägen am 11. September 2001 – Die Auswirkungen von Operation Rubikon stehen schon jetzt in jedem Geschichtslehrbuch. Nun wird es Zeit, die Mission selber zu beleuchten.

Rubikon – Der Name der wahrscheinlich größten Geheimdienstoperation aller Zeiten dürfte vom Bundesnachrichtendienst nicht zufällig gewählt worden sein. Der Rubikon ist ein zunächst unscheinbarer Fluss, der den Norden Italiens vom Rest des Landes abtrennt. Bis heute ist jedoch ungeklärt, ob der moderne Rubikon identisch mit dem in der Antike genannten Rubikon ist. Fest steht aber, dass der Rubikon im antiken Rom eine wichtige Grenze darstellte, er grenzt die Provinz Gallia cisalpina, also das heutige Oberitalien und Kroatien von der wichtigen und zentralen italienischen Provinz ab. Wenn ein Römer von nördlicher Seite aus den Rubikon übertrat, kam er quasi nach Hause. Heute ist der historische Rubikon vor allem deshalb bekannt, weil Julius Cäsar ihn 49 vor Chr. im römischen Bürgerkrieg mit seinem Heer überschritt, eine mutige Kampfansage an seinen Rivalen Pompeius Magnus. Deshalb ist mit dem Übertreten des Rubikon im modernen Sprachgebrauch eine riskante Grenzüberschreitung gemeint. Das war Operation Rubikon auf jeden Fall.

1952 gründet der schwedische Chiffriertechniker und Auswanderer Boris Hagelin die Crypto AG in der Schweiz. Im Blockstaatensystem der frühen Nachkriegszeit war die Nachfrage nach Chiffriermaschinen äußerst hoch, waren sie doch im Zweiten Weltkrieg noch zum Teil kriegsentscheidend. Diese Maschinen verschlüsseln Nachrichten so, dass sie nur mit einem aufwendig generierten und individuellen Gegenschlüssel entziffert werden können. So können wichtige Botschaften auch über weite Strecken transportiert werden, ob analog auf Papier oder per Funk. Wurden sie abgefangen, konnte der Gegner mit ihnen nichts anfangen. Die Geräte der Crypto AG galten als nahezu perfekt, kein Geheimdienst der Welt besaß die technischen Möglichkeiten, sie zu knacken. Entsprechend gefüllt waren die Auftragsbücher des Unternehmens in der neutralen Schweiz. Heimlich arbeitet Hagelin aber mit westlichen Nachrichtendiensten zusammen. Diese verändern die Chiffriermaschinen so, dass von Außen kaum ein Unterschied zu erkennen war, tatsächlich aber alle vermeintlich verschlüsselten Nachrichten für die Dienste mitlesbar waren. Bereits eine Vorgängerfirma der Crypto AG, ebenfalls unter der Führung von Hagelin, arbeitete mit US-Diensten zusammen. Vor der Gründung der Vereinten Nationen konnte die USA also die Positionen ihrer Verhandlungsgegner mitlesen und die eigene Strategie anpassen. So wurde die Einrichtung des UN-Hauptquatiers auch für New York beschlossen und nicht in einem neutralen Land.

CX-52 Chiffriermaschine von Crypro aus dem Jahr 1952. ((CC BY-SA 3.0)|Willi Geiselmann)

Als Boris Hagelin 1970 in Pension ging, witterten deutsche und amerikanische Geheimdienste, allen voran der Bundesnachrichtendienst und die CIA eine Chance. In Zusammenarbeit mit dem SIEMENS-Konzern und einer Scheinfirma in Liechtenstein kaufen der BND und die CIA das Unternehmen heimlich auf und weiten ihre Operation deutlich aus. Den Vorstand der Crypto-AG stellt nun SIEMENS, bis auf wenige Schlüsselfiguren weiß aber auch im Konzern niemand, dass die Crypto AG eigentlich westlichen Geheimdiensten gehört. Die Geräte werden von Regierungen insbesondere aus Ländern der sogenannten Dritten Welt, also Asien, Afrika, Süd- und Zentralamerika und dem arabischen Raum für enorme Summen gekauft. Sie bezahlen dafür, abgehört zu werden. Auf der Liste der Crypto-AG Kunden mit manipulierten Geräten stehen neben Ländern wie Ägypten, Chila, Brasilien, Indien und Pakistan auch eigentliche Verbündete wie Japan und Südkorea und sogar NATO-Staaten wie Portugal, Irland, Italien und die Türkei.

Erste Erfolge der Operation Rubikon machten sich schnell bemerkbar. 1970 kam in Chile der Sozialist Salvador Allende durh demokratische Wahlen an die Macht. Die US-Amerikaner sahen sich durch die Ausbreitung des Sozialismus in Südamerika in ihrer Containmentpolitik gefährdet und unterstützten rechte Militärs, die in Chile einen Putsch planten. 1973 wurde Allende schließlich gestürzt, die von der CIA ausgelesenen Crypto-Maschinen trugen wohl erheblich dazu bei, dass der Putschversuch erfolgreich verlief.

Auch das Militärregime, das von 1976-1983 in Argentinen herrschte, wurde von CIA und BND systematisch abgehört. So wurden Nachrichten dechiffriert, die eindeutig bewiesen, dass die Diktatur regelmäßig politische Gefangene lebendig aus Flugzeugen über dem offenen Meer abwarf. Obwohl diese Aufklärungsergebnisse direkt an das Bundeskanzleramt weitergegeben wurden und der Bundesregierung somit bekannt waren, pflegte Deutschland gute Beziehungen mit dem faschistischen Regime. Selbst bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 trat Deutschland ohne Protest an und verteigte die argentinische Militärregierung sogar in Teilen.

Nachdem in der insbesondere von US-Soldaten besuchten Berliner Diskothek „La Belle“ am 5. April 1986 eine Bombe explodierte, wodurch drei Menschen starben und 200 verletzt wurden, verkündet US-Präsident Ronald Reagen, die CIA habe Funksprüche abgehört, aus denen deutlich werde, der lybische Diktator Muammar al Gaddafi sei für den Anschlag verantwortlich. Damals wusste jedoch außer dem Zirkel um Operation Rubikon niemand, dass CIA und BND jede mit einer Crypto-AG-Maschine verschlüsselte Botschaft in Lybien und 129 anderen Staaten mitlesen konnten.

Der ehemalige Direktor der NSA und stellvertretende Direktor der CIA Bobby Ray Inman bestätigte gegenüber der Washington Post auch, dass manipulierte Chiffriermaschinen beim Geiseldrama in der amerikanischen Botschaft in Teheran eine wichtige Rolle spielten. 444 Tage lang nahmen radikale Studenten während der islamischen Revolution ab dem 4. November 1979 über 50 US-Botschaftsbeschäftigte als Geisel, womit sie die Auslieferung des Schahs forderten. Dieser regierte den Iran vor der Revolution und floh anschließend in die USA. Da die CIA die Crypto-Geräte mitlesen konnte, erhielt sie einen deutlich Vorteil bei den Verhandlungen über die Geiseln und konnte die Geiselnahme so am 20. Januar 1981 beenden.

Operation Rubikon war jedoch aus mehrerlei Hinsicht äußerst lukrativ. Nicht nur konnte man einen großen Teil der Regierungen weltweit belauschen, diese bezahlten dafür auch noch erhebliche Summen. Die Crypto AG warf jährliche Millionengewinne ab, die wiederum am Bundeshaushalt vorbei in Geheimdienstprojekte gesteckt wurden.

1993 verkauft der BND seine Anteile an der Crypto-AG an die CIA. Zuvor war der deutsche Crypto-AG-Mitarbeiter Hans Bühler im Iran festgenommen worden. Der iranische Geheimdienst wusste über Bühlers eigentlichen Arbeitgeber aber anscheinend besser bescheid, als Bühler selber. Bis zum Zeitpunkt seiner Festnahme war ihm nach eigener Aussage nicht bewusst, dass sich die Firma in den Händen westlicher Geheimdienste befand. Nach neun Monaten in einem menschenunwürdigen Gefängnis in Teheran, kauft der BND Bühler für eine Millionen US-Dollar frei. Anschließend wird Bühler jedoch von der Crypto-AG entlassen und muss eine Schweigepflicht unterschreiben. Diese Affäre machte den Besitz des Unternehmens für den BND zu heikel. Für seine Anteile erhielt der Nachrichtendienst noch 17 Millionen Dollar.

Dennoch konnte der BND bereits verkaufte Maschinen weiter mitlesen. So fing eine Mitarbeiterin vor den Anschlägen auf das World-Trade-Center in New York auch eine Nachricht aus italienischen Diplomatenkreisen ab, in der von arabischstämmigen Radikalen berichtet wurde, die in den USA Flugstunden nehmen würden. Sie trainierten jedoch keine Starts und Landungen, sondern lediglich das Geradeausfliegen und Geld spiele keine Rolle. Die BND-Agentin nahm den Inhalt laut BND-Dolumenten jedoch nicht ernst. 9/11 hätte vielleicht verhindert werden können.

2017 und 2018 verkaufte die CIA die Crypto-AG, die nun scheinbar wieder in unabhängiger Hand liegt und international weiter verkauft. Die Etabliierung des Internets und die Entwicklung von Großcomputern macht das Auswerten von manipulierten Chiffriermaschinen obsolet. Das Prism-Programm der NSA sammelt jeden Tag mehr Daten, als die gesamte Operation Rubikon. Als Edward Snowden Prism aufdeckte, verkündete Kanzlerin Angela Merkel: „Ausspionieren unter Freunden – das geht gar nicht!“ Zu diesem Zeitpunkt aber wusste sie selbst wusste lange von Operation Rubikon.

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