Freiwilligendienst – sinnvoller Beitrag oder Erlebnisreise für junge Menschen mit Helfersyndrom?

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Ein Kommentar zum White Saviorism

von Luise Dechow, Lehramtsstudentin für Englisch und Spanisch und ehrenamtliche Mitarbeiterin bei einer NGO

Sobald sich das letzte Schuljahr dem Ende zuneigt, stellt sich irgendwann zwangsläufig die Frage: Was jetzt? Neben Ausbildung oder Studiumsbeginn entscheiden sich immer mehr Absolvent:innen für ein Gap Year. Vielen dient dieses Gap Year lange nicht mehr dem reinen Spracherwerb oder der Überbrückung postschulischer Orientierungslosigkeit. Es soll mit einem Beitrag zur Demokratiebildung, zum Umweltschutz oder zu mehr Bildungsgerechtigkeit im globalen Süden verknüpft werden. In einer derartig vernetzten Welt ist die Auswahl an Destinationen für junge Reiselustige ebenso wie an Arten der Aufenthalte schier unendlich.

Immer größerer Popularität erfreut sich die Idee eines Freiwilligendienstes im Ausland. Zwei Monate den Strand Südafrikas genießen und halbtags in einer Grundschule Englisch unterrichten. Ein unvergesslicher Auslandsaufenthalt sowie ein sinnvoller Beitrag zu einer besseren Welt sind garantiert. Oder wie wäre es mit drei Monaten Meeresschutz in Fidji? Schnorcheln im Urlaubsparadies und das für einen guten Zweck. Derartige Angebote werden von vielzähligen Organisationen beworben. Die Projekte reichen von Waisenhäusern, Schulen und Kindergärten bis zu Wildtierstationen und Umweltschutzinitiativen. Wo ist also das Problem, wenn sich junge Menschen freiwillig engagieren möchten und Auslandserfahrung mit einem Beitrag für die Gesellschaft verknüpfen wollen?

Aus Volunteering ist längst Voluntourismus geworden und das bleibt für den globalen Süden nicht ohne Folgen. Klingen die oben beschriebenen, fiktiven aber durchaus realistischen Ausschreibungen nicht zu schön, um wahr zu sein? Es ist eine, Stand 2019 rund 173 Milliarden schwere, Freiwilligentourimusindustrie entstanden. Diese preist all-inclusive Aufenthalte, bestehend aus einer Mischung von Arbeit in einem beliebigen Projekt sowie aus organisierten Freizeitaktivitäten und breitem „Kulturprogramm“ an. Dies scheint erstmal nicht verwerflich, wirft aber umgehend die Frage auf, welche Wirkung die Arbeit junger Menschen mit dürftigen Kenntnissen lokaler Sozialstrukturen, der Historie einer Region und der tätigkeitsspezifischen Anforderungen entfalten kann. Von den steigenden Zahlen junger Abenteurer:innen die sich auf den Weg in den globalen Süden machen, um ihren Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten, verfügen nur wenige über notwendige Kompetenzen. Weder ist für die Arbeit in einem Ozeanschutzprojekt ein Meeresbiologiestudium vorausgesetzt, noch ist für die Arbeit in einem Waisenhaus ein sozialpädagogischer Hintergrund erforderlich.

Wenn also Projekte beworben werden, die keinerlei Erfahrung voraussetzen, warum können diese Tätigkeiten dann nicht von ortsansässigen Arbeitnehmer:innen ausgeübt werden? Diese bringen mehr Wissen über lokale Strukturen mit und können Herausforderungen dadurch kompetenter angehen. Der Gedanke, dass unqualifizierte Sinnsuchende des globalen Nordens in weniger privilegierten Teilen der Welt einen nachhaltigen Beitrag zur Entwicklung einer Region leisten können, verfestigt koloniale Denkmuster. Die Idee, als White Savior in vermeintlich rückständige Strukturen einzugreifen ist schlichtweg anmaßend. Es wartet niemand auf die Hilfe unerfahrener Weltverbesser:innen und das muss erkannt werden. Wenn Freiwilligendienste dazu dienen das eigene Gewissen zu besänftigen oder den Lebenslauf zu polieren dann bringen diese mehr Schaden als Nutzen.

White Saviorism wird im Zusammenhang mit Volunteering immer stärker thematisiert, entfaltet sich aber auch in anderen Dimensionen. Die Darstellung weißer Retterfiguren in Werbung, Filmen und Literatur sind offenbart tiefverankerte aber gut getarnte rassistische Strukturen. Diese sind viel zu komplex, als dass eine Dissoziierung von heute auf morgen möglich wäre. Als erster Schritt muss jedoch das Bewusstsein für rassistische Stereotype geschärft und die Idee verworfen werden, dass in weniger privilegierten Teilen der Welt auf weiße Weltverbesserer gewartet wird.

Gut gemeint ist also nicht zwangsläufig gut gemacht. Gänzlich verteufelt werden müssen freiwillige Einsätze aber nicht. Während die Motivation der meisten Volontär*innen zwar eine gute ist, gilt es die die Wirksamkeit der Arbeit zu hinterfragen. Letztere wird unter anderem maßgeblich von der Dauer des Aufenthalts bestimmt. Die Zeit, um sich einzuleben, sich mit örtlichen Strukturen vertraut zu machen, Kontakte zu knüpfen und so allmählich zum wertvollen Teil eines Teams zu werden, variiert. Generell sollte aber zu längeren Aufenthalten von einem halben bis einem Jahr geraten werden. Besonders in Projekten, in denen mit Kindern gearbeitet wird, sind kurze Einsätze problematisch zu bewerten. Rasch wechselnde Bezugspersonen erweisen sich als wenig förderlich bis belastend für die Kinder und Jugendlichen. 

Es ist außerdem ratsam, sich anstelle bei großen Anbietern lieber bei selbstständigen NGOs nach Möglichkeiten des Engagements zu erkundigen, denn es steht außer Frage, dass lokal geleitete Projekte Arbeitsplätze schaffen und nachhaltige Beiträge leisten können. Außerdem bieten ausgewählte Organisationen durchaus zielgerichtete Vorbereitungsmöglichkeiten für Freiwilligendienstler:innen, einen hohen Grad an Transparenz hinsichtlich der Verwendung von Geldern und den Volontär:innen wertvolle Auslandserfahrung. In unserer Welt, die nicht selten von Angst vor dem Fremden geprägt ist, ist jede:r dazu aufgefordert diese zu machen, der oder dem sich die Möglichkeit eröffnet. Kultureller Austausch kann gelingen, aber nur dann, wenn die Vision selbstloser Hilfestellung der, der Erfahrung einer antieurozentrischen Perspektive sowie bewegender Begegnungen weicht.

Ein Freiwilligendienst in einem sorgfältig ausgewählten Projekt kann und sollte durchaus einen kleinen Nutzen vor Ort bringen. Kein Bau einer Schule und kein Engagement in einem Waisenhaus werden jedoch weder jahrhundertealte Traumata kolonialer Machenschaften, noch beträchtliche Wohlstandsgefälle auflösen. Es mangelt bis heute an Versöhnungswillen der Politik (Deutschland hat 100 Jahre auf sich warten, bis sich 2004 das erste Regierungsmitglied für den Genozid am Waterberg offiziell entschuldigte). Politische Augenhöhe bleibt eine utopische Vorstellung und herber kolonialer Vergangenheit muss sich bewusst gemacht werden. Letztere muss stärker thematisiert werden und Entwicklungsstrategien dürfen nicht auf dem blueprint eurozentrischer Perspektiven konstruiert werden. Damit aus unilateraler Hilfe nachhaltige Zusammenarbeit werden kann, muss Partner*innen eine Stimme und Plattform gegeben werden. Eigenmächtige „Rettungsaktionen“ sind so selbstlos wie der halbe Cent den Nestlé pro Kilogramm Bohnenkaffee an Regionen spendet, in denen der Konzern vorher sämtliche Trinkwasser Ressourcen privatisiert hat.

“Do not go with the intention of helping, go with the intention of learning, and the rest will come naturally

Reha Kakkar,  “International Volunteering and the “White Saviour Industrial Complex”

Volunteering kann einschneidenden Perspektivwechsel fördern und junge Menschen vernetzen. Stärker als der Wirkungsgrad freiwilligen Engagements vor Ort wird der Effekt auf das eigene Weltbild und die Wahrnehmung globaler Gefälle sein. Dies Erkenntnis scheint ernüchternd, sie bildet aber das Fundament für mehr Dialog und fördert das Verständnis der eigenen Prägung. Wenn die selbstlose Helfermentalität durch ehrliche Neugier an neuen Sichtweisen und Kontakten ersetzt wird, ebnet dies den Weg für ein umfassenderes Verständnis globaler Zusammenhänge.   


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