Bitcoin als Umweltretter? Ein Interview mit Stefan von netpositive.money

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Immer mehr Banken, Unternehmen und auch Staaten diskutieren über Bitcoin. Unter anderem steht auch die Frage im Mittelpunkt: Wie umweltschädlich ist Bitcoin? Für dieses Thema haben wir nun jemanden eingeladen, der sich schon seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt und Bitcoin nachhaltiger machen möchte. In diesem Interview sprechen wir mit einem der Gründer der Webseite netpositiv.money.

Spotlight: Herzlich willkommen bei Spotlight, Stefan. Wer bist Du und welches Team steht hinter netpositive.money?

Stefan: Ich bin Stefan und seit langer Zeit Bitcoiner. Wir sind ein loser Verband von Leuten aus der Bitcoin-Community, die meistens schon recht lange dabei sind und denen das Thema Klimawandel wichtig ist. Wir versuchen zu verstehen: Wie schädlich Bitcoin für die Umwelt ist und was wir dagegen tun können

Spotlight: Wie groß ist dieser lose Verband und wie strukturiert ihr euch?

Stefan: Ähnlich wie Bitcoin haben wir ein anarchisches System. Es gibt also keine Struktur in diesem Sinne. Es gibt ein Kernteam von ca. 5 Leuten. Wir haben uns bewusst dagegen entschiedenen einen Verein oder eine Stiftung zu gründen. Das hatte verschiedene Gründe: Erstens, weil es international angelegt ist und zweitens, weil das nicht zu Bitcoin passen würde, eine zentrale Struktur zu bauen. Es soll wie Bitcoin ein Verband von Leuten sein, die freiwillig zusammenarbeiten. Aber natürlich, am Ende gibt es immer jemanden, der in der Mitte steht, aufpasst und den Hut aufhat. Im Wesentlichen ist es eine Webseite und wir sammeln ja kein Geld, verwalten es und verteilen es wieder weiter. Das wollten wir bewusst nicht machen. Unsere Mission ist es nur, Informationen zu sammeln, diese aufzubereiten und Leute zu motivieren selbst etwas zu tun.

Spotlight: Was steckt hinter dem Namen „netpositive.money“? Erzähle gerne davon und auch welche Meilensteine noch auf euch zukommen.

Stefan: Mit „netpositive“ ist gemeint, dass wir als Community sagen können, dass Bitcoin im Ganzen gesehen einen positiven Beitrag zum Klimaschutz geleistet hat. Ich finde, dass wir noch lange nicht soweit sind, aber zu diesem großen Ziel möchten wir kommen. Daher dachten wir, dass „netpositiv“ ganz gut passt und dann haben wir geguckt, welche Domains noch offen sind. Bitcoin zu verstehen ist schon schwierig und den Klimawandel zu verstehen ist noch viel schwieriger. Der Zusammenhang zwischen Bitcoin und Klimawandel kann also nicht in 10 Minuten Recherche beigeschlossen und dann mal eben hingeschrieben werden. Das sieht man den Artikeln häufig an.

Spotlight: Hast du dafür ein Beispiel?

Stefan: Zurzeit ist Bitcoin ja wieder überall in den Medien, gerade weil es wieder im Aufschwung ist. Dann liest man immer wieder Schlagzeilen und Behauptungen wie: „Eine Bitcointransaktion braucht so viel Strom wie 22 Tage ein Haushalt. Dagegen braucht eine Visa Transaktion nur 5 Wattstunden, also nahezu nichts. Das ist dann 100.000 Mal so viel.“ (Hier beispielsweise ein ähnlicher Vergleich) Das sind dann so komische Rechnungen und die Vergleiche sind halt völlig irrsinnig. Man kann irgendwas mit irgendwas vergleichen, aber die Dinge haben nichts miteinander zu tun. 1. Ändert bei Bitcoin die Anzahl der Transaktionen nichts daran wie viel Strom verbraucht wird. Mehr Transaktionen verbrauchen also nicht mehr. Und 2. macht ein Vergleich zu Visa gar keinen Sinn, weil es etwas völlig anderes ist. Bitcoin ist nicht primär ein Zahlungssystem, sondern in erster Linie eine komplett neue Assetklasse oder Wirtschaftsgut, die viel weitreichendere Auswirkungen hat als einfach nur ein Zahlungssystem. Deswegen sind solche Vergleiche nicht sinnvoll und leider liest man sie ständig. Es ist natürlich schön, weil es plakativ ist. Das ist ein Problem, das Bitcoin hat, ist, dass es sehr viele Zahlen dazu gibt und aus denen lassen sich immer irgendwelche plakative Dinge berechnen. Aber das heißt nicht, dass sie immer Sinn ergeben.

Spotlight: Du hast gesagt, dass die Miner möglichst profitabel arbeiten wollen und daher immer den günstigsten Strom nehmen. In Deutschland hat man noch recht stark im Kopf, dass Kernkraftenergie deutlich günstiger ist, als Fossile- oder erneuerbare Energien. Müsste das nicht auch ein Faktor sein, sodass die Miner vor allem auf diese Quelle zurückgreifen?

Stefan: Kernkraft ist auch wieder ein spannendes Thema. Es wird in der Klimaszene stark diskutiert, ob man wieder zur Kernkraft zurückkommen sollte. Viele sagen, dass wir mit den erneuerbaren Energien nicht auskommen und Kernkraft ist dann das sauberste, was wir kennen, wenn es ums Klima geht. Wenn man seine anderen Vorbehalte weg lässt – können wir uns dann wirklich noch aussuchen woher wir unsere Energie nehmen, wenn wir noch so weiterleben möchten, wie bisher und ohne dass das Klima kaputt zu machen? Einige Organisation, die wir uns angeguckt haben, wie die von Effective Altruism Funds, schätzten Kernkraft als sehr, sehr effizient ein und möchten die Entwicklung von Kernkraft vorantreiben. Sie sagen, dass es ein Thema ist, das bis jetzt stark unterschätzt wurde von Klimaaktivisten, weil die das aus idiologischen Gründen nicht wollen. Aber es bietet eigentlich ganz viel Potential was bis jetzt nicht ausgeschöpft wurde.

Spotlight: Wie kriegt man Bitcoin nun Klimapositiv? Bitcoin verbraucht viel Strom und dadurch wird CO2 erzeugt. Selbst wenn die Ergebnisse eher überschätzt werden, kann man das nicht abstreiten. Wie kann nun Bitcoin einen positiven Einfluss zum Klimaschutz leisten?

Stefan: Ja, dazu muss man erstmal sagen, dass viele Bitcoiner der Meinung sind, dass Bitcoin schon so gut fürs Klima ist. Warum eigentlich? Dafür gibt es ganz viele Argumente, aber ich habe mal 5 rausgesucht, wieso Bitcoin positiv fürs Klima ist, ohne dass wir noch was tun müssen.

  1. Es könnte helfen erneuerbare Energien zu finanzieren. Ein typisches Problem ist, dass Sonnen- und Windenergie nicht immer da und der Stromverbrauch der Menschen nochmal ganz anders Schwankt. Das heißt, du musst viel zu viel Strom produzieren für die Momente, wenn der Strom gebraucht wird. Und da entsteht ein Finanzierungsproblem, weil der Strom eigentlich gar nicht benötigt wird. Das schöne ist, dass Bitcoinminer immer Strom brauchen. Es gibt tatsächlich in Kalifornien Miner, die sich als virtuelle Kraftwerke eingetragen haben. Wie gut das funktioniert und ob es die Langzeit Effekt hat, die man glaubt – keine Ahnung.
  2. Viel naheliegender ist, dass die Miner schlechte Subventionen abschaffen. Viele Länder subventionieren fossile Energien – da fließt wahnsinnig viel Geld rein. Die Miner kommen in diesen Länder und kaufen dort Strom zu einem viel zu günstigen Preis. Daher sagen viele Staaten, dass sie die Subventionen unterlassen, weil sie ja nicht die Miner unterstützen möchten oder sie verbieten das Mining, aber in beiden Fällen wird nicht mit den fossilen Energien mining betrieben.
  3. Bitcoin ersetzt ja etwas, z. B. ist es ein Ersatz zu Gold. Goldminen erzeugen auch ganz, ganz viele Umweltproblem. Zum einen wird auch viel Energie benötigt und zum anderen werden sehr umweltschädliche Chemikalien genutzt. Auch werden Leute und deren Gesundheit ausgebeutet. Bitcoin mining verdrängt also eventuell das Goldschürfen. Aber was ist schlimmer? Die einen sagen so, die anderen so, aber es ist auf jeden Fall so, dass Bitcoin etwas anderes Schlechtes verdrängen wird, z. B. Gold.
  4. Dann gibt es allgemeinere oder philosophischere Argumente, wieso Bitcoin gut für die Umwelt sein könnte. Zum einen ist es eine Technologie, die viele Leute dazu motiviert, ihr Geld nicht auszugeben, sondern in Bitcoin zu sparen. Daher kann man argumentieren, dass man die Leute vor Überkonsum geschützt werden. Der Wert in Bitcoin wird durch seinen deflationären Charakter eher mehr wert als weniger. Das könnte weniger Konsum in der Welt hervorrufen und damit einen positiven Beitrag für die Umwelt schaffen.
  5. Bitcoins hatte schon immer den Ansatz eine Alternative zum klassischen Finanzsystem zu sein. Und dieses basiert ja ganz massiv auf Schulden, die eine gewisse Dynamik haben, bei der man Argumentieren kann, dass das Wachstum eingebaut ist. Die Gläubiger wollen die Schulden mit Zinsen zurückgezahlt bekommen und das ist nur mit Wachstum möglich. also muss die Wirtschaft wachsen. Aber wenn wir mit Bitcoin von diesem System wegkommen und wieder zu einem System aus hartem Geld kommen, dann könnte man sagen, dass das ein Weg zu einer Gesellschaft ohne Wachstumszwang ist.

Es gibt also gute Argumente, wieso Bitcoin langfristig gut für das Klima sein kann, aber im Moment sind die besten Schätzungen eher negativ. Und wenn wir über das Klima reden, dann ist es ja so, dass alle sagen, dass es ums Jetzt geht. Es ist wichtig, was jetzt oder in den nächsten 5 bis 10 Jahren gemacht wird. Also wir müssen am besten jetzt handeln und die CO2 Emissionen herunterfahren, weil es eigentlich schon zu spät ist. Und dann ist die Frage, was können wir dafür tun? Und unser Ansatz ist es zu sagen: Bitcoin ist Geld, hat vielen Leuten Geld gebracht und ganz viele Dinge im Klima Aktivismus brauchen Geld. Kann man dann nicht sagen, dass wir gerne Geld spenden an Organisationen, die was positives Tun, die einen Impakt haben. Andere Industrien bezahlen auch einfach dafür, dass die sich dann Klimaneutral nennen können. Das ist klassische CO2 Kompensation. Und die Frage ist: Können wir das nicht auch machen? Wir möchten Bitcoiner dazu bewegen, in sinnvolle Zwecke zu spenden, die helfen können, den Klimawandel zu verlangsamen.

Spotlight: In welchen Bereich bewegt man sich da? Angenommen, ich bin Kleinanleger und habe mal 100€ in Bitcoin investiert. Wie schädlich ist das für die Umwelt und was muss man am Ende tun, um mit gutem Gewissen Bitcoin zu halten?

Stefan: In unserem Rechner kann man das durchrechnen. Zu deinem Beispiel: Jemand, der 2015 für 100€ Bitcoin gekauft hat, der hat dadurch bis heute ca. 2,8 Tonnen CO2 verbraucht, aber auch sein Vermögen auf ca. 20.000€ gesteigert. Ich würde sagen: Nimm diese Rechnung und betrachte die ausgestoßenen 2,8 t CO2. Klassisch müsste ich mit 60 € kompensieren. Dann spende ich einfach 60 € an eine klassische Organisation und nochmal 60€ an eine sehr effektive Organisation, die dann versuchen 60 t CO2 einzusparen. Vielleicht klappt das nicht, aber vielleicht auch schon. So habe ich eindeutig einen positiven Effekt und bin mit meinem Bitcoin „netpositiv“.

2 Kommentare

  1. Eine Anmerkung zu den Atomkraftwerken.
    Wie du richtig gesagt hast, sind die nächsten 5 bis 10 Jahre entscheidend.
    Wenn wir nicht auf Netto-Null kommen, wird die Erde sich immer weiter erhitzen und wir werden nichts dagegen tun können.

    Neue Atomkraftwerke zu bauen verbraucht extrem viel Energie (Treibstoff für die Baufahrzeuge bzw Herstellung von Stahlbeton usw) und außerdem Zeit.
    Zu dem Zeitpunkt an dem ein neues Atomkraftwerk ans Netz ginge und tatsächlich begänne, Energie einzusparen, wären die 10 Jahre schon längst vorbei.

    Windkraft bzw Photovoltaik brauchen hingegen im besten Fall ein paar Monate, im schlechtesten ca 2 Jahre, bis sie sich amortisieren.

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    1. Hi Alex,
      das sind gute Ergänzungen zu den Überlegungen im Interview. In den nächsten Jahren wird der Energieverbrauch der Welt voraussichtlich weiter ansteigen. Auch dafür brauchen wir Lösungen. Meinst du nicht, dass dann die Atomkraft ein Teil der sauberen Energie liefern könnte?
      Herzliche Grüße, Basti

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