Bolsonaro im Goldrausch

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Es glänzt, ist selten und leitet gut. Gold hat die Menschheit schon immer fasziniert, seit Jahrtausenden schmieden Kulturen aus ihm Schmuck, seit einigen Jahrzehnten ist Gold ein unverzichtbarer Rohstoff in der IT-Industrie. Es steckt in den Tresoren der Europäischen Zentralbank, in Deinem Smartphone und in dem Computer, auf dem dieser Text geschrieben wurde. Doch Gold ist ein natürlicher und eben sehr seltener Rohstoff. Die in den letzten Jahren deutlich gestiegene Nachfrage nach dem Edelmetall sorgt dafür, dass es in immer entlegenderen Gebieten unserer Erde abgebaut wird, teilweise in den artenreichsten und schützenswertestes Biotopen unseres Planentens.

So auch in den brasilianischen Amazonasregenwäldern. Diese leiden ohnehin stark durch den Anbau von Futtermitteln wie Soja sowie der ausartenden Forstwirtschaft. Ein Großteil des Goldvorkommens Brasiliens liegt zudem in indigenen Reservaten, die insgesamt rund 10 Prozent der Fläche des südamerikanischen Landes ausmachen. In ihnen wohnen zahlreiche Stämme, die zurückgezogen und abseits von Globalisierung und Kapitalismus leben. Dennoch verfügen sie über Interessensvertretungen und eine gute Selbstverwaltung.

Wird Gold in diesen Reservaten abgebaut, so passiert dies illegal. Insgesamt sollen sich über 450 illegale Goldminen im Amazonasgebiet befinden. Das schafft zwar zahlreiche Arbeitsplätze, selbst Stämme betreiben sie vereinzelt, sorgt aber auch für eine massive Verschmutzung der Biotope durch Abholzung, Erdrutsche und Chemikalien, mit denen Gold gewaschen wird. Einer dieser Stoffe ist Quecksilber. Nach Gebrauch wird es fast ausschließlich in nahegelegene Flüsse geleitet, wo es die Umwelt vergiftet und für einen deutlichen Rückgang der Fangquoten von indigenen Stämmen sorgt. Außerdem wächst durch die illegalen Goldminen das in Brasilien ohnehin sehr mächtige organisierte Verbrechen. Große Teile der Millionenmetropolen São Paulo und Rio de Janeiro werden mittlerweile von Banden kontrolliert, der Staat scheint machtlos. Mittlerweile wurden selbst Stammesführer, die den Abbau von Gold in ihrem Reservat verhindern wollten mutmaßlich von illegalen Goldgräbern ermordet. Allein im Bundesstaat Pará werden Schätzungen der National Mining Agency zufolge jährlich Gold im Wert von rund 900 Millionen Euro illegal geschürft. Das entspricht der sechsfachen offiziellen Menge.

Dies ist einer der vermeintlichen Gründe, aus denen Brasiliens ultrarechter und populistischer Staatschef, Jair Bolsonaro, nun den Abbau von Gold in indigenen Reservaten legalisieren will. Bolsonaro fiel bisher durch seine Leugnung des Coronavirus auf, mit dem er sich kurze Zeit später selbst infizierte, durch seine Aussagen, er sei der „brasilianische Donald Trump“, seine Forderung nach Folter oder extrem sexistische und homophobe Äußerungen. Auch in der Vergangenheit arbeitete Bolsonaro aktiv gegen den Umweltschutz: Er schwächte das brasilianische Umweltministerium, plante zahlreiche Autobahnen mitten durch den Urwald und bezeichnete sich selbst als „Hauptmann Kettensäge“.

Nun also die Legalisierung des Goldabbaus in indigenen Reservaten. In der Bevölkerung regt sich jedoch Widerstand. Ein Großteil der Brasilianer:Innen sorgt sich um die Kultur der ansässigen Stämme. Diese reagieren auf die Pläne dennoch unterschiedlich. Viele sind mit der Natur eng verbunden, verurteilen jeglichen Eingriff in ihren Lebensraum und lehnen die Förderung von Gold in ihrem Stammesgebiet kategorisch ab. Ein legaler Abbau sei „der Tod unseres Volkes“, so Alessandra Korap Munduruku, eine Stammesführerin aus Pará.

Andere Stämme zeigen sich aber offener. Ihre Argumente erinnern dabei an die der Drogen-Legalisierungsunterstützer westlicher Industrienationen (s) : Eine legale Goldbranche in den Regionen könnte einen kontrollierteren Abbau bedeuten. Fördergebiete könnten gezielt bestimmt, die Entsorgung von Chemiemüll geregelt und die Einhaltung von Umwelt- und Arbeitsschutzgesetzen kontrolliert werden. Das Gold werde sowieso abgebaut, die negativen Auswirkungen der illegalen Goldwirtschaft würden so zumindest abgeschwächt werden.

Doch die Legalisierungsunterstützer vermeiden es, über ein essentielles Problem ihrer Pläne zu sprechen. Denn würde der Goldabbau legalisiert werden, würde sich das Ausmaß der Schürfungen drastisch verändern. Statt von kleinen illegalen und zeitlich begrenzten Unternehmungen einer Hand voll Krimineller würde das Edelmetall dann von Großkonzernen gefördert werden, deren Gerätschaften vermutlich mehr Umwelt zerstören würde, als die illegalen Minen. Hinzu kommt die gewaltige Infrastruktur, die zu so einem Vorhaben in den Reservaten aufgebaut werden würde. Neben festen Straßen würden dann ganze Wohnblocks im brasilianischen Urwald entstehen, in denen die Angestellten der Betriebe wohnen würden. Stammesführerin Munduruku befürchtet durch sie einen weiteren Anstieg von Gewalt, Prostitution und Drogensucht, auch unter den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft. Ob die kriminelle Unterwelt durch eine Legalisierung also wirklich geschwächt werden würde, oder ob es ihr so gelingen würde, bis in den tiefsten Regionen Brasiliens ansässig zu werden, ist fraglich.

Umweltschutz und selbst die Bekämpfung des organisierten Verbrechens schien in den letzten Jahren alles andere als Bolsonaros primäres Ziel gewesen zu sein. Mehrfach wurden Vorwürfe gegen ihn erhoben, er arbeite selbst mit den Banden zusammen, sogar die brasilianische Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen Bolsonaros Sohn Flávio. Dieser soll über Jahre hinweg öffentliche Gelder veruntreut und an paramilitärische Milizen gegeben haben. Auch angemeldete brasilianische Unternehmen versuchen das korrupte System Brasiliens zu nutzen, um ihre häufig unmoralischen Ziele zu erreichen. Erst kürzlich kührte das Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) Jair Bolsonaro zum „korruptesten Menschen 2020“. “Bolsonaros Familie sowie sein innerster Kreis scheinen in eine laufende kriminelle Verschwörung involviert zu sein und werden regelmäßig beschuldigt, sich auf Kosten des Volkes zu bereichern”, so Drew Sullivan vom OCCRP.

Auch dieses Mal sollte es Jair Bolsonaro also weder um Umweltschutz noch Sicherheit gehen. Die Legalisierung des Golddabbaus wird im Gegenteil viel mehr für eine weitere Zerstörung des größten Regenwalds der Erde und die weitere Ausbreitung des organisierten Verbrechens sorgen. Für den Präsidenten könnte dabei eine Menge rausspringen. Um den Umweltschutz tatsächlich zu stärken, benötigen die brasilianischen Umweltbehörden ihren Einfluss und finanzielle Mittel zurück.

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