Unentschuldigt

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106 Jahre sind vergangen, seit die letzte reichsdeutsche Flagge von einem Fahnenmast im heutigen Namibia eingeholt wurde. Bis dahin herrschte die Kolonialmacht Deutschland 31 Jahre lang über die Region im Südwesten Afrikas, dessen in Stammesverbänden zusammengefasste Bevölkerung der Macht eines imperialistischen Nationalstaats schutzlos ausgeliefert war. Nun möchte sich Deutschland als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches für die begangenen Gräueltaten entschuldigen – nur leider bei den Falschen.

Die Geschichte Deutsch-Südwestafrikas begann mit einem unverschämten Betrug: Der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz suchte 1883 nach Möglichkeiten, in große Grundstücke in Afrika zu investieren. Als Großindustrieller hoffte er auf reiche Bodenschätze wie Kupfer und Gold, aber auch auf günstige Standorte, um lukrative Häfen errichten zu können. Im heutigen Namibia wurde er fündig, die Bucht von Angra Pequena schien für Lüderitz‘ Zwecke ideal zu sein. Schnell nahm er Verhandlungen mit dem ortsansässigen Stamm der Nama auf, um das Grundstück zu erwerben. Schließlich kaufte er das Land im Ukreis von fünf Meilen für 100 englische Pfund und 200 Gewehre. Der Clou: Die Nama nahmen an, es handele sich um englische Meilen (jeweils 1,6 km), mit dieser Längeneinheit waren sie vertraut. Lüderitz behauptete nach dem Kauf jedoch, in dem Vetrag seien selbstverständlich deutsche Meilen gemeint, die mit etwa 7,5 km deutlich länger sind. Sein Grundstück wurde so mehr als vier Mal so groß, wie von den Nama erwartet.

Um die deutsche Wirtschaftskolonie vor den Widerstandskräften einheimischer Stämme zu schützen, entsandte die deutsche Reichsregierung schnell sogenannte Schutztruppen, deutsche Soldaten, die in ihrem xenophob-imperialistischen Selbstverständnis die Stämme, insbesondere Herero und Nama, immer weiter zurückdrängten und raubend über ihre Dörfer herzogen.

1904 bündelten die in präkolonialen Zeiten konkurrierenden oder sogar verfeindeten indigenen Stämme ihre letzten Ressourcen und griffen deutsche Bauernhöfe an, die zuvor ohne Absprache auf dem Land der Herero und Nama angesiedelt worden waren. Um diese zu verteidigen, entsandte das Deutsche Reich 15.000 weitere Soldaten und stellte sie unter den Befehl des preußischen Generals Lothar von Trotha. Von Trotha zeigte den technisch deutlich unterlegenen Stämmen gegenüber keinerlei Gnade und erließ einen verherenden Vernichtungsbefehl:

„Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. […] Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.“

Lothar von Trotha in einer Proklamation an die Herero 1904

In der Folge wurden zehntausende Menschen erschossen, die Überlebenden wurden von Schutztruppen in die trockene Omaheke-Wüste getrieben, wo der Großteil von ihnen an Hunger starb. Insgesamt fielen so etwa 65.000 von ehemals 80.000 Herero und 10.000 von ehemals 20.000 Nama dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts zum Opfer.

Mehr als 100 Jahre und drei Staatsformen später hat sich Deutschland als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches noch immer nicht für diese Gräueltaten entschuldigt. Das soll sich nun ändern. Im Auftrag der deutschen Bundesregierung hat 2015 eine Delegation unter der Führung des liberalen CDU-Politikers Ruprecht Polenz die Verhandlungen mit der namibischen Regierung aufgenommen. Das ist ein Problem.

Wie viele Länder Afrikas ist auch der namibische Staat das Produkt europäischer Herrschaftsverwaltung. Im Ersten Weltkrieg gelang es dem Deutschen Reich nicht weiter, die entfernte Kolonie in Afrika militärisch zu halten, innerhalb kürzester Zeit besetzten südafrikanische Unionstruppen unter britischem Einfluss die Region. Bis 1990 gehörte das heutige Namibia zu Südafrika und litt dabei lange Zeit unter der Apartheid, erst dann wurde es unabhängig. Dennoch liegen die Grenzen Namibias nahezu exakt auf den Grenzen Deutsch-Südwestafrikas. Sie sind an kolonialen Interessen orientiert, nicht an kulturellen Gegebenheiten. Namibia wurde so zu einem Vielvölkerstaat, in dem Herero und Nama heute nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gemeinsam machen sie deutlich weniger als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung des 2,5 Millionen-Einwohner-Landes aus – auch weil der Völkermord nach 1904 etwa 75 Prozent der Angehörigen beider Stämme vernichtete.

Bis heute wird die Kolonialzeit in Namibia aufgrund mangelnden Interesses kaum aufgearbeitet. Mahnmale, die Kolonialisten für gefallene Soldaten der Schutztruppen errichteten, stehen bis heute, Erinnerungsstätten für Opfer des Genozids sind allerding sehr vereinzelt und fallen meist unauffällig und unverhältnismäßig klein aus. Selbst Denkmäler, die den vermeintlichen Leistunges des Generals Lothar von Trotha gewidmet sind, stehen vielerorts noch an Ort und Stelle. Nicht unerhebliche Teile der heutigen Bevölkerung Namibias stammen aus Südafrika oder sind Nachfahren deutscher Kolonialisten und erkennen den Völkermord so nicht als Teil ihrer eigenen Geschichte an.

Führende Historiker und Ethnologen wie der Geschichtswissenschaftler Jürgen Zimmerer kritisieren deshalb, nicht die namibische Regierung sollte Verhandlungspartner der deutschen Delegation sein, sondern Angehörige der durch den Völkermord betroffenen Stämme. Zimmerer ist Professor für afrikanische Geschichte an der Universität Hamburg und Leiter der Hamburger Forschungstelle für (post-)koloniales Erbe.

In seinem Beitrag auf Twitter weist Zimmerer darauf hin, dass im Falle der Rückgabe von Benin-Bronzen auch mit einer Stammesführung verhandelt wurde, nicht mit einem Staat. Während der deutschen Kolonialisierung Afrikas raubten Deutsche wertvolle Bronze-Statuen aus dem Königreich Benin, welches heute in Nigeria liegt und nicht mit dem modernen Benin verwechselt werden darf.

Für die Verhandlungen bezüglich einer Entschuldigung für den Völkermord an den Herero und Nama wurde auf Gespräche mit Stammesvertretungen wie der Ovaherero Traditional Authority scheinbar bewusst verzichtet. Wie Medienberichte angeben, scheint sich das Ausmaß der Entschuldigung auf eine Anerkennung der Ereignisse als Völkermord und eine Rede von Bundespräsident Steinmeier im namibischen Parlament zu beschränken. Vertreter von Herero und Nama hatten zuvor auch eine finanzielle Entschädigung gefordert. Schließlich nahmen ihre Stämme durch den deutschen Genozid aufgrund der deutlichen Dezimierung ihrer Stammesstärke und der Vertreibung von in dieser Region äußerst wertvollem Ackerland neben einem immensen machtpolitischen und kulturellen, auch einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden.

Etwaige Forderungen scheint die deutsche Regierung jedoch kategorisch abzulehnen und konzentriert sich lieber auf Symbolpolitik. Statt den betroffenen Völkern durch finanzielle Hilfen ein normalisiertes kulturelles und wirtschaftliches Leben zu ermöglichen, versucht sich Deutschland an einer Aufbesserung des eigenen globalen Images durch unverbindliche Redebeiträge.

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