Die verlorenen Kinder – wie die Umsetzung eines Menschenrechts an deutschen Schulen scheitert

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Zu Beginn meines Psychologie-Studiums versuchte ich, in diesem breitaufgestellten Fach meine Richtung zu finden. An meiner Universität kann man nach dem erfolgreichen Bachelorabschluss im Master einen von vier Schwerpunkten wählen: klinische Psychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie, pädagogische Psychologie oder kognitive Neurowissenschaften. So richtig sah ich mich in keinem der Schwerpunkte und begann deshalb schon recht früh, mir darüber Gedanken zu machen. Da mein familiäres Umfeld sehr pädagogisch geprägt war, dachte ich mir, dass diese Richtung überhaupt nicht für mich in Frage kommen würde. Trotzdem entschied ich mich dazu, ein Praktikumsplatz in einer schulpsychologischen Beratungsstelle zu suchen und wurde fündig.

In der Beratungsstelle hatte ich das große Glück mit Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen zusammen arbeiten zu können und wurde überall hin mitgenommen. Jeden Dienstag verbrachte ich in einer schulersetzenden Maßnahme. Dorthin kamen Jugendliche, die in ihrer Stammschule als nicht beschulbar galten. Damit diese nicht von der Schule flogen, kamen sie an mehreren Tagen in der Woche zu uns und wurden in Kleingruppen betreut. Die Jugendlichen kamen aus sehr unterschiedlichen familiären Verhältnissen, hatten alle ihr Päckchen zu tragen und gingen sehr unterschiedlich damit um. Schule fanden alle blöd. Und so saß ich jeden Dienstag mit ihnen im Klassenzimmer. Wir malten zusammen Ausmalbildchen aus, während sie mir erzählten, dass ihr größter Wunsch wäre, später mal ganz viel Geld mit Drogen zu verdienen.

All diese und noch viele weitere Kinder und Jugendlichen sprengen das Schulsystem. Ein System, in dem alle untergehen, die sich nicht anpassen können. Ein System, dass Kinder in gute oder schlechte Schüler:Innen einteilt und damit über die Zukunft der Kinder entscheidet.

Dabei haben viele Kinder und Jugendliche ganz andere Dinge in ihrem Kopf. Rund 15 % aller Kinder und Jugendliche haben mit psychischen Störungen zu kämpfen. Doch Verhaltensauffälligkeiten sind nicht alleine auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Weitere Ursachen können mangelnde elterliche Fürsorge und daraus resultierende Bindungsprobleme der Kinder, psychische Krankheiten der Eltern, besondere Begabungen der Kinder, Verwöhnung oder Wohlstandsverwahrlosung, sowie Lernschwierigkeiten oder Misserfolgserlebnisse sein.

Ich selbst bin in meiner Grundschulzeit negativ aufgefallen. Ich galt als besonders lautes Kind, das andere vom Unterricht ablenkt und eher durchschnittliche bis unterdurchschnittliche Leistungen erbrachte. Auch ich passte einfach nicht in das Wunschbild, dass meine Lehrer:Innen von Schüler:Innen hatten. Als ich auf eine inklusive Gesamtschule wechselte, in der soziale Fertigkeiten geschult und genutzt wurden, glänzte ich plötzlich und schloss dort mein Abitur mit einem sehr guten Notendurchschnitt ab.

Der Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern wird in der regulären Ausbildung von Lehrer:Innen kaum geschult. Der Fokus der Ausbildung liegt auf einem sehr tiefen Verständnis des jeweiligen Unterrichtsfaches. Ob ein solch tiefes Verständnis des Unterrichtsfaches für eine erfolgreiche Vermittlung der Grundlagen notwendig ist, ist fraglich.

In der Studie „Lernen sichtbar machen“ von John Hattie aus dem Jahr 2013, wurde untersucht, welche Faktoren besonders wichtig für den Lernerfolg von Schüler:innen sind. Die Fachkompetenz der Lehrperson lag auf einem der letzten Plätze. Als besonders wichtige Faktoren wurden unter anderem die Klassenführung, der Klassenzusammenhalt, sowie Lehrer-Schüler-Interaktionen identifiziert. Dieser Studie zufolge sollte der Fokus in der Ausbildung von Lehrer:Innen also eher auf der Förderung von sozial-emotionalen Kompetenzen der Schüler:Innen liegen und weniger in einer tiefgreifenden fachlichen Kompetenz.

Die Konsequenz aus dieser mangelnden Vorbereitung auf besonders herausfordernde Kinder konnte ich in meinem Praktikum mit eigenen Augen sehen. Die Lehrer:Innen, die mir begegneten, waren überfordert und damit keine Einzelfälle. Rund 30 % aller Lehrer:Innen sind stark von Burnout bedroht. Den einzigen Ausweg aus ihrer Überforderung sahen viele denen ich begegnete darin, die auffälligen Kinder loszuwerden und so landeten einige bei uns in der Kleingruppe. Diesen Sonderweg konnten wir allerdings nicht allen auffälligen Kinder anbieten, außerdem steht er im starken Widerspruch zum Gedanken der Inklusion.

Dieser Gedanke wird spätestens seit 2009 auch in der deutschen Gesellschaft heiß diskutiert. In diesem Jahr nahm auch Deutschland Inklusion – also die freie Teilhabe an der Gesellschaft – als Menschenrecht  auf. Dies basierte auf einer UN-Konvention aus dem Jahr 2006. Besonders auffälligen Kindern wird diese Teilhabe allerdings verwehrt, wenn sie als nicht mehr beschulbar gelten. Insgesamt macht die deutsche Gesellschaft in Sachen Inklusion sehr kleine und langsame Schritte. So hieß es in einem Abschlussbericht des UN-Fachausschusses für Inklusion: „Bei der Evaluation 2015 wurde festgestellt, dass noch immer vorwiegend separate Förderschulen für die schulische Ausbildung von Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen genutzt werden. Der UN-Ausschuss empfiehlt, dieses Förderschulsystem abzubauen und allen Kindern, die dies wünschen, den sofortigen Zugang zu regulären Schulen zu ermöglichen. Es sei sicherzustellen, dass alle Lehrkräfte auf dem Gebiet der inklusiven Bildung geschult, das schulische Umfeld und Lernmaterialien zugänglich seien.“

Bis jetzt fehlt diese besondere Ausbildung zu inklusiven Themen in der regulären Lehrerausbildung. Während meines Praktikums habe ich zwar gesehen, dass die Separation durch Förderschulen langsam aufgehoben wird, allerdings fehlt es an Alternativen. So wird ein Großteil dieser schwierigen Aufgabe auf das Lehrpersonal, das durch Personalmangel oft chronisch überarbeitet ist, abgewälzt.

Gründe für die schleppende Umsetzung der Menschenrechtskonvention sieht die UN in Deutschland in einer mangelnden Repräsentation von Behindertenvertreter:Innen in den politischen Entscheidungsprozessen. Außerdem würde die Umsetzung der Konvention als wenig bindend angesehen, da die Aktionspläne nicht als Richtlinien verstanden und Nicht-Einhaltung keine negativen Konsequenzen haben würde.

Für die Kinder und Jugendlichen an deutschen Schulen bedeutet das, dass sie sich weiterhin perfekt an das System Schule anpassen müssen, um darin und in ihrer weiteren Teilhabe an der deutschen Gesellschaft „erfolgreich“ zu sein.

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