Gott erschuf nicht nur Mann und Frau

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Ende März diesen Jahres verabschiedete der Deutsche Bundestag erstmals ein Gesetz zum Schutz von intergeschlechtlich geborenen Kindern. Intersexuell bzw. intergeschlechtlich bedeutet, dass ein Mensch entweder genetisch, hormonell oder anatomisch nicht nur männliche oder weibliche Merkmale wie zum Beispiel Genitalien oder innere Geschlechtsorgane aufweist. Auf Grund verschiedener biologischer Faktoren können Kinder mit intergeschlechtlichen Merkmalen zur Welt kommen, oder diese als Jugendliche entwickeln. Bis dato entschieden Eltern und Ärtz:inn:e:n, welches der binären Cis-Geschlechter, männlich oder weiblich, den Kindern zugeordnet wurde. Operativ und hormonell wurde und wird bis heute noch menschenrechtswidrig in die körperliche und seelische Unversehrtheit intergeschlechtlicher Kinder eingegriffen.

Zu Beginn des Kommentars möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich bei der Verwendung der Wörter männlich und weiblich auf die gesellschaftliche cis-heteronormative Binärität beziehe. Ich vetrete nicht die Meinung, dass eine Person bestimmte Merkmale erfüllen muss um sich als männlich, weiblich, nicht-binär oder beispielsweise genderfluid zu identifizieren.

Geschlecht in der Medizin

Bis 2013 musste bei der Geburt Neugeborener entschieden werden, ob diese als männlich oder weiblich eingetragen werden, ihnen also das männliche oder weibliche Geschlecht zugeordnet wird. So gibt es keine Erfassung davon, wie viele intergeschlechtliche Personen es in Deutschland gibt. History 101 schreibt in ihrem Artikel „Intersex Induviduals throughout history“ auf ihrer Seite allerdings, dass 1 von 100 US-Amerikaner:innen intergeschlechtlich ist. Ähnliche Zahlen dürften dann auch weltweit bzw. in Deutschland herrschen. Dabei gibt es viele unterschiedliche, biologische Faktoren, die dazu führen, dass es nicht nur ausschließlich männliche oder weibliche Menschen gibt. Von der Medizin werden sie als Syndrom oder Störung beschrieben, jedoch handelt es sich viel eher um natürlich vorkommende Variationen des Geschlechterspektrums. Dass Geschlecht ein Spektrum ist, können wir uns schon daran vor Augen führen, dass der Penis oberflächlich nur eine nach außen gestülpte Vagina, beziehungsweise vergrößerte Klitoris ist. Oder durch den Fakt, dass alle Körper sogenannte männliche und weibliche Hormonen produzieren. Es gibt viele verschiedene Faktoren, die zur Intergeschlechtlichkeit führen. Selbst bei der Geburt ist Intergeschlechtlichkeit nicht immer sofort ersichtbar. Kinder können beispielweise hormonellbedingt auch erst später intergeschlechtliche Merkmale entwickeln. Auch, kann eine Person nach außen hin männliche Geschlechtsmerkmale – , aber innere weibliche Geschlechtsorgane aufweisen. Auch Intergeschlechtlichkeit ist ein Spektrum und variiert von Person zu Person. Weiteres zu den verschiedenen biologischen Faktoren und deren Effekten findet ihr in diesem Artikel des Spiegels. Oder, erklärt auf der Seite des Bundesverbands für intergeschlechtliche Menschen e.V. „Intersexualität, was ist das?“.

Effekte von Eingriffen für intergeschlechtliche Menschen

Auch der Tagesspiegel schreibt in einem Artikel seines Queer-Lexikons, dass die Ansicht, Intergeschlechtlichkeit sei eine Störung, dazu führt, dass operative und hormonelle Angleichungen an die binäre Norm vorgenommen werden und gerechtfertigt werden können. Diese Eingriffe – neben dem Fakt, dass sie weder mit Einwilligung des betroffenen Kindes geschehen, noch genug Aufgeklärung herrscht – führen zu Zeugungsunfähigkeit als auch zu einer verringerten Libido der Betroffenen. Intergeschlechtliche Personen beschreiben, dass sie sich verstümmelt und ihrer (Geschlechts-)identität beraubt fühlen. Sie erleiden unnötige körperliche und psychische Schmerzen. Besonders Neugeborene oder Kinder, die noch nicht mal das Recht auf eine eigene Entscheidung hatten, wurden ihrer Freiheit und dem Anrecht auf ihren eigenen Körper beraubt.

Intersex im Eurozentrismus und Kolonialismus

Es ist ein langer Weg für intergeschlechtliche Menschen, sich überhaupt mit sich selber auseinander zu setzen und – akzeptieren zu können. In unserer eurozentristischen Gesellschaft herrscht bis heute eine cis-heteronormative Binärität, die nicht alle Menschen einschließt oder überhaupt einschließen könnte. Dadurch wird Tabuisierung und Diskriminierung verursacht und verstärkt. Leider spielt auch bei diesem Thema Eurozentrismus und Kolonialismus eine enorm große und negative Rolle. Oben genannter Artikel von History 101 „Intersex Induviduals throughout history“ befasst sich auch mit der Auslöschung intergeschlechtlicher indigener Bevölkerung, die durch die Kolonialmächte betrieben wurde. Im Gegensatz zu den eurozentristischen Kolonialmächten herrschte nämlich in vielen unterschiedlichen indigenen Ethnien weltweit, sogar noch v.Chr. , Gleichberechtigung für intergeschlechtliche Personen oder teils sogar ein Heiligenstatus. Auf der Website von BBC findet ihr ein kurzes, informatives Video, wenn ihr mehr dazu wissen wollt. Zusätzlich gab natürlich auch in vielen indigenen Ethnien v. Chr. und n.Chr. Gleicherbrechtigung auch für gleichgeschlechtliche Paare.

Gesetzeslage in Deutschland

Malta hat als einziger EU-Staat Eingriffe an intergeschlechtlichen Menschen ohne deren Einwilligung verboten. Mit dem neuen Gesetz in Deutschland gibt es schonmal einen Fortschritt. Jedoch schreibt der Bundesverband Intergeschlechtliche Menschen e.V. in seiner Pressemitteilung, dass mit dem Gesetz zum Schutz intergschlechtlicher Kinder noch viele Lücken und Umgehungen offen bleiben. Ohne eine Diagnose der „Varianten der Geschlechtsentwicklung“ dürfen Eltern und Ärzt:inn:e:n weiterhin menschenrechtswidrig ohne Einwillung des betroffenen Kindes Operationen und Eingriffe vornehmen. Auch sind Eingriffe im Ausland weiterhin problemlos möglich.

Da für viele Menschen Intersex, beziehungsweise Intergeschlechtlichkeit noch kein Begriff ist, liegt es nun an uns allen Dialoge aufrecht zu erhalten und zu starten und uns mit intergeschlechtlichen Personen zu solidarisieren. Jeder einzele Mensch sollte das volle Entscheidungsrecht über seinen Körper haben. Intergeschlechtlichen Kindern wird menschenrechtswidrig das Recht über ihren eigenen Körper genommen, um sie in die nicht realitische Genderbinärität zwingen zu können – ohne ihre Einwilligung. Währenddessen wurde der Antrag für das Selbstbestimmungsgesetz für trans Menschen vor wenigen Wochen abgelehnt. Menschen, die aus eigener Entscheidung das ihnen bei ihrer Geburt zugeschriebene Geschlecht ändern lassen wollen, werden bis heute durch das Transsexuellengesetz, das aus Anfang der 80er Jahre stammt, diskriminiert. Kurzer Reminder: Dieses Gesetz stammt noch aus einer Zeit, 36 Jahre bevor es überhaupt die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland gab.

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