Stolze Deutsche?

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Am 19. Juni 2021 packte mich das Fußball-Fiber. Nachdem die deutsche Herren-Fußballnationalmannschaft einige Tage zuvor gegen Frankreich eher so mittelmäßig gespielt und schließlich auch verloren hatte, zeigten die Spieler sich an diesem Abend von ihrer besten Seite. Ich saß auf meiner Couch, fieberte mit und freute mich ungemein über jedes einzelne der vier deutschen Tore.
Aber hätte ich mich auch so über irgendein anderes Team gefreut?
Fußball ist keine Sportart, die mir besonders am Herzen liegt und auch das Weiterkommen einer deutschen Sportmannschaft generell ist mir herzlich egal. Trotzdem packe mich so etwas wie ein Fußball-Patriotismus und ich begann mich zu fragen, ob das in Ordnung so sei oder ob ich mich dafür schämen sollte, so parteiisch gewesen zu sein.

Psychologisch gesehen, ist es ein ganz normaler Prozess und sogar ein Grundbedürfnis, sich einer bestimmten Gruppe zuzuordnen. Diese Gruppenzugehörigkeit verschafft uns eine Identifikationsmöglichkeit, die Normen und Werte der bestimmten Gruppe geben uns Orientierung und wir können unseren Selbstwert aus der Gruppe ziehen. Seit dem 19. Jahrhundert, mit Beginn der Nationalbewegungen, bildet die Identifikation mit den seit dem entstandenen Nationalstaaten einen solchen Bezugspunkt.

Trotzdem bin ich nicht besonders stolz darauf, in Deutschland geboren worden zu sein und ich würde mich auch nicht als Patriotin bezeichnen. Für mich ist mein Herkunftsland ein genauso großer Zufall, wie der Fakt, dass ich überhaupt geboren wurde. Natürlich freue ich mich darüber, dass es mich gibt, aber das ist für mich kein Grund, darauf stolz zu sein. Als Patriotismus, also der emotionalen Verbundenheit mit der eigenen Heimat oder dem Herkunftsland, würde ich das nicht bezeichnen.

In meiner eigenen Familie wurde nie besonders emotional über die eigene Herkunft geredet. Erst im Sommer 2006 packte mich das erste Mal so etwas wie eine Begeisterung und eine Identifikation mit meinem Heimatland. In diesem Sommer wurde die Herren-Fußballweltmeisterschaft in Deutschland ausgetragen und meine Mutter kaufte mir meinen ersten Fanartikel: Deutschland-Socken, die ich zu jedem Länderspiel trug. Besonders meine Großeltern, bei denen ich in dem Sommer Urlaub machte, schenkten diesem kleinen Ausdruck von Nationalstolz besondere Aufmerksamkeit.
In diesem Sommer erlebte ich auch wie tief die Wunden, die der zweite Weltkrieg in Ihnen verursacht hatte, waren. Wir saßen gemeinsam an einem größeren See und plötzlich flogen Militärflugzeuge über uns hinweg. Meine Oma begann unruhig auf ihrem Platz hin und her zu rutschen. Sie erklärte uns, dass sie es nicht aushalten konnte, wenn solche Flugzeuge nah über sie hinweg flogen, und erzählte von ihren Erinnerungen an die lauten Bombardements. Wie kann man stolz darauf sein, aus einem Land zu kommen, das für so viel Leid gesorgt hat?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich mich mit Simon* getroffen. In seinen Einstellungen gegenüber Deutschland bildet er einen scheinbar harten Kontrast zu mir. Dies wird besonders klar, als ich ihm meine ersten Fragen stelle: „Bist du stolz Deutscher zu sein? Würdest du dich selbst als Patriot bezeichnen?“ Beides bejaht er. Er beschreibt seinen Stolz darüber Deutscher zu sein, als eine Art Freude darüber, in dem deutschen Sozialstaat und in einer freiheitlich demokratischen Grundordnung leben zu dürfen. Für ihn ist Patriotismus der Ausdruck eines Gefühls von Glück und Zufriedenheit im Heimatland zu leben.

Auch in seiner Familie war Patriotismus nie ein großes Thema. Seine Eltern würden sich niemals als Patrioten bezeichnen, für sie sei es einfach normal in Deutschland zu leben. Simons Patriotismus zeichne sich dadurch aus, dass er diese Selbstverständlichkeit nicht teilt. Dennoch grenzt er sich stark von aktuellen nationalistischen Bewegungen ab, die das Konzept des Patriotismus in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit in Verruf gebracht hätten.

Tatsächlich zeichnet der Nationalismus sich per Definition dadurch aus, dass nicht nur eine emotionale Verbundenheit zum eigenen Heimatland besteht, sondern dass diese glorifiziert wird und andere Nationen herabgesetzt werden. In diesem Wir-Ihr Denken sehen viele die Gefahren des Patriotismus und des Nationalismus. So kann eine Identifikation mit einer Gruppe zwar identitätsstiftend und selbstwertdienlich für die Mitglieder der Gruppe sein, jedoch kann es so auch zur Abwertung der Außenstehenden kommen. Eine solche Abwertung der Außenstehenden wurde im deutschen Nationalsozialismus auf die Spitze getrieben. In der nationalsozialistischen Denkschule herrschte die Unterteilung in Freund und Feind vor, wie sie auch von heutigen rechts-orientierten Politiker*innen genutzt wird. So lautete einer der Leitsätze „Die eigentliche politische Unterscheidung ist die Unterscheidung von Freund und Feind.“ Allein diese Unterscheidung gäbe den menschlichen Handlungen ihren politischen Sinn.

Von einem solchen Wir-Ihr Denken distanziert sich Simon stark. Es macht Ihn zwar glücklich, in Deutschland geboren zu sein, allerdings sieht er andere Nationen nicht als schlechter an, sondern einfach als anders. Als Beispiel nennt er das Gleichgewicht zwischen Sozialstaatlichkeit und individueller Freiheit. Das empfindet er als besonders gut getroffen in Deutschland. In anderen Nationen liege der Fokus eher auf einer der beiden Seiten, also eher auf der individuellen Freiheit oder auf der Sozialstaatlichkeit. Das führe zu größeren Freiheiten oder größeren Sicherheiten in anderen Nationen.

Patriotismus sieht Simon als Motivator für politisches Handeln. Die Liebe zum Heimatland könne dazu anregen, sich selbst in der Gemeinschaft einzubringen und beispielsweise wählen zu gehen.

Auch Max Tholl, Redakteur des Tagesspiegels, sieht im „linken Patriotismus“ eine Möglichkeit für die deutsche, freiheitlich-demokratische Wertegemeinschaft, sich vom rechtsgerichteten nationalistischen Gedankengut zu distanzieren und eine alternative Identifikationsmöglichkeit zu bieten.

Ein linker Patriotismus ist ein Eingeständnis, dass die Nation fehlbar und ungerecht ist. Er hinterfragt, anstatt zu glorifizieren. Aber, und das ist der Knackpunkt, er akzeptiert das Verlangen, sich über Nationalität zu identifizieren oder bei der Nationalhymne ein Wir-Gefühl zu verspüren. Will die Linke zu alter Stärke zurückfinden, sollte sie anfangen, Flagge zu zeigen.

Max Tholl

Sollte die deutsche Gesellschaft also insgesamt patriotischer werden, um nationalistischen Strömungen entgegen zu treten?

Wie das gehen könnte, zeigte Jan Böhmermann bereits 2016 eindrücklich:

*Name von der Redaktion geändert

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