„Wer hat, dem wird gegeben“- Der Matthäus-Effekt im deutschen Bildungssystem und wie er schon früh adressiert werden könnte

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Das deutsche Bildungssystem steht zunehmend in der Kritik. In der Pandemie zeigt sich neben der fehlenden Digitalisierung vor allem, welche Kinder aufgrund ihres sozioökonomischen Hintergrunds die Verlierer der Schulschließungen sind und welche d agegen weniger unter den bildungsbezogenen Folgen leiden werden. Corona beleuchtet dabei wie ein Scheinwerfer die Probleme, die eigentlich schon seit Jahren bekannt sind. Denn obwohl das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich einigermaßen gut abschneidet und die Kompetenzen im Bereich Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften der Schüler:innen über dem OECD-Durschnitt liegen (vgl. PISA-Studien), bildet sich auch eindeutig ein Bereich ab, welcher große Kritik am Bildungssystem zulässt: die Bildungsungleichheit.

Bildungsungleichheit kann nach dem Soziologen Hradil (2001) als eigenständige Dimension der sozialen Ungleichheit aufgefasst werden. Der Bildungsungleichheit schreibt er eine wichtige Rolle zu:

Über umfassende oder geringere Bildung zu verfügen, hat heute im Hinblick auf nahezu alle angestrebten „Werte“ und Zielvorstellungen – sei es Wohlstand, Gesundheit, Sicherheit, Integration oder Ansehen – kaum zu überschätzende Auswirkungen.

Stefan Hradil

Während bestimmte soziale Ungleichheiten in der Gesellschaft jedoch auch gerecht empfunden werden können (z.B., dass ein:e ungelernte:r Arbeiter:in weniger verdient als eine ausgebildete Person), ist dies in Bezug auf Bildung nicht der Fall. Eine Benachteiligung bestimmter Gruppen im Bildungssystem ist in jedem Fall ungerecht. Um Chancengleichheit und damit einhergehende soziale und wirtschaftliche Mobilität zu schaffen, muss vor allem an der Bildung angesetzt werden.

Um ein paar Fakten zu nennen, die die Bildungsungleichheit in Deutschland darstellen: In der Grundschule orientiert sich bereits die durchschnittliche Lesekompetenz an der Berufsgruppe der Eltern (vgl. IGLU-Studie, 2016). Das heißt: Kinder mit Eltern aus der „oberen Dienstklasse“ sind Kindern von „(Fach-)Arbeitern“ hier ungefähr ein Jahr voraus. Kinder mit niedrigerem sozioökonomischem Status besuchen häufiger eine Hauptschule und seltener ein Gymnasium. Sozioökonomisch benachteiligte Schüler:innen der Sekundarstufe erzielen in den Pisa-Tests in Bezug auf Lesen und Naturwissenschaften aus den Jahren 2015 und 2018 über 100 Punkte weniger als Schüler:innen mit günstigem sozial-ökonomischen Status, was einem Lernrückstand von ungefähr 3,5 Jahren entspricht (durchschnittlicher OECD-Abstand: ca. 88 Punkte). Und weiter geht es auch nach der Schule:  Haben die Eltern einen Hochschulabschluss, studieren 79 Prozent der Kinder. Verfügen die Eltern über eine berufliche Ausbildung und kein Abitur, sind es dagegen nur 24 Prozent.

In Deutschland ist die Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg so eng wie in keinem anderen OECD-Staat. „Wer hat, dem wird gegeben“: Der sogenannte Matthäus-Effekt lässt sich in der deutschen Bildungslandschaft in voller Pracht finden. Zu diesem Ergebnis kam bereits die PISA-Studie im Jahr 2000, was damals noch keiner zu prognostizieren gewagt hätte. Heutzutage sind diese Erkenntnisse dagegen keineswegs neu. Am Beispiel einer Grafik, die die Lesekompetenz und deren Varianzaufklärung durch den sozioökonomischen und soziokulturellen Status in den OECD-Ländern in Verhältnis setzt, lassen sich Unterschiede zwischen den OECD-Staaten veranschaulichen. Je höher die Länder auf der y-Achse verordnet sind, desto höher ist die durchschnittliche Lesekompetenz der 15-Jährigen ausgeprägt. Je weiter rechts ein Staat in der Graphik auf der x-Achse verordnet ist, desto stärker ist der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen und kulturellen Status und der Lesekompetenz.

https://www.pisa.tum.de/fileadmin/w00bgi/www/Berichtsbaende_und_Zusammenfassungungen/PISA_2018_Berichtsband_online.pdf

Wünschen würde man sich, dass die Jugendlichen eine gute Lesekompetenz aufweisen und diese wenig von der sozialen Herkunft abhängt. Dies ist bei den Ländern im oberen, linken Quadranten der Fall, sprich beispielsweise in Estland, Kanada, Skandinavien oder auch Japan. Deutsche Schüler:innen weisen zwar ebenfalls eine überdurchschnittlich hohe Lesekompetenz auf, diese ist aber sehr stark von ihrem sozialen Hintergrund abhängig. Sehr ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Und das Tragische: Der Zusammenhang ist in den letzten Jahren weitestgehend stabil geblieben. Verändert hat sich daran so gut wie nichts. Dafür müsste sich schließlich auch das Bildungssystem ändern.

Auf die Bildungsungleichheit haben unzählige Faktoren einen Einfluss. An welchem Ort wächst das Kind auf? Welche Unterstützungsmöglichkeiten bietet die Kommune oder Stadt? Welche (finanziellen) Möglichkeiten haben die Eltern? Mit welchen anderen Personen hat das Kind Kontakt? Welche Bildungs- und Freizeiteinrichtungen besucht es? Welche Sprache wird zuhause gesprochen? Logisch ist aber: Man sollte so früh wie möglich ansetzen, um Bildungsungleichheit zu vermeiden oder zumindest abzuschwächen und nicht erst dann, wenn Leistungsunterschiede sichtbar werden. Ebenfalls wichtig ist, dass alle Kinder erreicht werden. Egal, ob aus armen oder reichen, bildungsnahen oder bildungsfernen Elternhäusern. Und dafür muss der Staat investieren, in KiTas, Schulen sowie Bildungs- und Förderangebote. Denn das sind genau die Bereiche, die jedes deutsche Kind im Laufe seiner Entwicklung durchläuft und in denen Kinder aus verschiedenen sozialen Schichten zusammenkommen.

Der KiTa kommt dabei eine wesentliche Rolle zu. Hier erlenen Kinder neben einem kompetenten sozialen Umgang auch sprachliche, basis-numerische, kognitive, emotionale und motorische Fähigkeiten. Wenn aus Büchern vorgelesen, Zahlen nachgemalt, sich an Spielregeln gehalten werden muss und auf dem Klettergerüst geturnt wird, erscheint dies vielleicht auf den ersten Blick trivial, ist aber ausschlaggebend für die zukünftige Entwicklung jedes Individuums. Hat ein Kind beispielsweise Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, wird auch der Schulstart und damit die komplette Schullaufbahn negativ beeinflusst. Pädagogische Fachkräfte haben vor allem bei Kindern, welche zuhause nicht ausreichend gefördert werden können, einen großen Einfluss auf die Entwicklung. Dafür muss aber auch genug Zeit bzw. Personal und entsprechende Kenntnisse vorhanden sein. Das geringe Gehalt für Erzieher:innen zeigt leider, dass der deutsche Staat noch nicht verstanden hat, wie wichtig ihre Aufgaben für die gesamte Gesellschaft sind.

In diesem Zusammenhang könnte man meinen, dass eine KiTa-Pflicht ab zum Beispiel 3 Jahren für die Entwicklung der Kinder sinnvoll sein könnte. Mehr als 100.000 Kinder über drei Jahren (ca. 3%) gehen zurzeit nicht in die KiTa. Von einigen Forschenden wurde vermutet, dass darunter vor allem Kinder aus sozialschwachen Familien zu finden seien. Es zeigt sich aber vielmehr, dass es über alle Einkommens- und Bildungsgruppen hinweg Familien gibt, die ihr Kind nicht in einer Kindertageseinrichtung betreuen lassen. Eine KiTa-Pflicht wäre daher wenig zielgenau um Bildungsungleichheit zu adressieren und würde zudem eine Verfassungsänderung sowie mögliche Widerstände auf Seiten der Eltern mit sich bringen.

Besser wäre es, die Fördermöglichkeiten der KiTa zu erweitern. Momentan ist es so, dass Eltern mit ausreichenden finanziellen Möglichkeiten, ihr Kind am Nachmittag zur Musikschule, zum Schwimmunterricht oder zum Malkurs schicken. Solche Angebote sollten jedoch allen Familien zur Verfügung stehen und nicht nur bestimmten Gesellschaftsschichten mit ausreichendem Einkommen. Warum werden Angebote zur Sprachförderung, zum Erlernen von Musikinstrumenten oder Sportarten nicht in den Kindergartenalltag integriert, sodass (fast) alle Kinder erreicht werden?

Erstens würde dadurch die Qualität der KiTas und die kindliche Entwicklung positiv beeinflusst werden. Zweitens würde dies automatisch zu einer höheren Anerkennung der frühkindlichen Bildung in der Gesellschaft führen. Mehr junge Menschen würden sich für den Beruf als Erzieher:in entscheiden. Zudem würden Eltern ihre Kinder häufiger betreuen lassen. Drittens würde dadurch schon früh zu einer Verringerung der sozialen Ungleichheit beigetragen werden. Mit dem Gute-KiTa-Gesetz investierte der Bund im Jahr 2019 zwar schon 5,5 Mrd. Euro. Allerdings durften die Länder selbst entscheiden, wie sie das Geld investieren und nutzten es größtenteils zur Einstellung und Ausbildung von Erzieher:innen und zur Entlastung der Eltern von KiTa-Gebühren. Dies sind auch wichtige Investitionen, die Qualität der KiTas konnte dadurch jedoch kaum verbessert werden, wie ursprünglich angedacht war. Der Ausbau der Kindertagesstätten ist allein nicht ausreichend. Nur durch eine gleichzeitige Erhöhung der Qualität können sie allen Kindern wirklich gerecht werden!

Natürlich kann selbst eine Verbesserung der frühkindlichen Bildungs- und Fördermöglichkeiten die Bildungsungleichheit nicht wegzaubern. Um Bildungsungleichheiten nachhaltig abzubauen, müssen Maßnahmen an allen Bildungsbereichen, also beispielsweise auch an der schulischen Laufbahn, der Erwachsenenbildung und der Flexibilisierung der Bildungswege, ansetzen. Unsere Gesellschaft wird immer in soziale Schichten gegliedert sein, sodass manche Personen bevorzugt und andere benachteiligt werden. Der Matthäus-Effekt („Wer hat, dem wird gegeben“) wird bleiben. Investiert der Staat aber frühzeitig in die Kinder, „haben“ sie mehr Ressourcen (z.B. einen besseren sprachlichen und kognitiven Entwicklungsstand) und ihnen wird in Zukunft mehr „gegeben“ (z.B. bessere Leistungsbewertungen, die zu einem höheren Bildungsabschluss führen). Indem man Kindern bessere Startmöglichkeiten für ihren Bildungsweg ermöglicht, könnte der Staat und die Gesellschaft also sogar vom Matthäus-Effekt profitieren.

Bald ist Bundestagswahl! Interessiert es euch, was CDU, SPD, Grüne, und FDP in ihren Wahlprogrammen 2021 über KiTas sagen? Dann schaut doch mal auf der Seite vom KiTa-Fachkräfteverband Rheinland-Pfalz vorbei: https://kitafachkraefteverband-rlp.de/was-sagen-cdu-spd-gruene-und-fdp-in-ihren-wahlprogrammen-fuer-die-bundestagswahl-2021-ueber-kitas/


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