Totgeritten – Tierquälerei im olympischen Reitsport

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Anfang diesen Monats fand der „Moderne Fünfkampf“ bei den Olympischen Spielen in Tokio statt. Videos der deutschen Fünfkämpferin Annika Schleu und der Bundestrainerin Kim Raisner gingen viral, nachdem die Trainerin im öffentlichen Fernsehen währed des Fünfkampfs das Annika Schleu zugeloste Pferd Saint Boy mit der Faust schlug und ihr zurief „Hau drauf, hau richtig drauf!“. Das sichtbar überforderte Pferd wurde dabei außerdem durchgängig mit der Gerte geschlagen und mit Sporen getreten. Das alles nur, weil die wie ein Kind weinende Annika Schleu die Goldmedaille gewinnen wollte. Auch Peta teilte auf Instagram ein Video des Vorfalls, um darauf aufmerksam zu machen, dass diese Tierquälerei beendet werden sollte. In späteren Interviews sagte Schleu „Ich bin nach bestem Gewissen mit dem Pferd umgegangen“ oder auch „Ich fühle mich natürlich schon angegriffen, wenn gesagt wird, dass ich unmenschlich bin, wenn Vorwürfe der Tierquälerei geäußert werden“, berichtet die Sportschau.

Der moderne Fünfkampf

Auf seiner Internetseite spricht der deutsche Verband für modernen Fünfkampf von konträren Sportarten, mit denen die Tradition des Penthalons aufrecht erhalten werden soll. Dieser bestand aus Diskuswurf, Weitsprung, Speerwurf, Laufen und Ringkampf. Der moderne Fünfkampf besteht aus Schwimmen, Fechten, Reiten und Laser-Run, der Laufen und Schießen vereint. Die meisten dieser Disziplinen werden an einem Tag durchgeführt laut Verband. Bei der Disziplin Reiten werden den Teilnehmer:innen Pferde zugelost, mit denen sie dann 20 Minuten Zeit haben, bevor sie einen Springparcours reiten müssen. Die deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) spricht von einer „klaren Überforderung von Reiterin und Pferd“ und davon, dass Reiten auf einer Partnerschaft zwischen Reiter:in und Pferd basiert. Pferde sollten nicht als Sportgeräte betrachtet werden, sagt FN-Chef Dennis Peiler laut RP Online. Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bestätigte, dass auf Grund der vielen sichtbaren Überforderungen dringend etwas an dem Aufbau des modernen Fünfkampfs geändert werden sollte. Das Wohl des Pferdes und der antretenden Person sollten dabei im Mittelpunkt stehen.

Das hochsensible Wesen von Pferden

Pferde sind Fluchttiere. Ihr ganzer Körper ist darauf ausgelegt Gefahren aus jedem Winkel und jeder Entfernung zu erkennen. Somit besitzen sie quasi ein Frühwarnsystem, das sogar läuft, während sie schlafen. Die Sinne des Pferdes wie zum Beispiel Riechen oder Hören sind um ein tausendfaches besser ausgeprägt als die des Menschen. Selbst im Schlaf können sich die Ohren der Pferde fast 360° drehen. Auch ihre Augen sind darauf ausgelegt ein breites und weites Rundumsichtfeld zu haben. Mehr dazu könnt ihr kurz und gut zusammengefasst in einer Montage von Planetwissen erfahren.

Olympia aus Sicht von Saint Boy

Das Pferd Saint Boy kommt aus der Päfektur Shiga. Alleine mit dem Auto ununterbrochen bis zur Päfektur Tokio durchzufahren dauert über 6 Stunden. Saint Boy kann weder verstehen wohin er gefahren wird, weder wie lange, noch wann er wieder zuhause ist. Nach einer solch langen Reise und Ungewissheit wird Saint Boy – ein hochsensibles Lebewesen – nun einer ihm wildfremden Person zugelost, die am selben Tag bereits in zwei anderen Teildisziplinen antrat und selber total unter Stress und Leistungsdruck stehen muss. Saint Boy kann sich im Vergleich zur Fünfkämpferin Annika Schleu jedoch nicht gegen oder für eine Teilnahme entscheiden. Auf einmal sitzt nun ein fremder Mensch auf Saint Boy. Beide haben sich noch nie gesehen oder gerochen. Saint Boy ist mit völlig neuen Sinneseindrücken konfrontiert. So viele Menschen, so viele Geräusche und Gerüche. Sprechen kann er nicht, aber seine Körperhaltung und sein Verhalten in dem Video sind bereits ein Warnzeichen. Er läuft rückwärts, reißt panisch seinen Kopf hin und her, weigert sich vorwärts zu laufen, probiert also alles, um seiner Reiterin zu vermitteln, dass er mit der Situation überfordert und gestresst ist. Auch schon bevor die 20 Minuten „Aufwärmzeit“ vorbei sind. Schleus und Raisners Reaktion auf seinen Hilferuf ist jedoch kein Verständnis, oder ihn zu beruhigen, sondern noch mehr Stress und Panik. Schläge und Tritte. Saint Boy bekommt nicht nur Tritte in seinen Bauch mit Schleus Hacken, sondern mit kleinen Metallspitzen, die an ihren Hacken befestigt sind. Sogenannte Sporen. Geschlagen wird er mit einer Peitsche. Peitschen bzw. Gerten sind darauf ausgelegt, mit kleinen Bewegungen möglichst großen, ziehenden Schmerz zu verursachen. Auch hat Saint Boy Metallstäbe im Mund, die mit seinen Trensen (das Kopfstück, an dem die Zügel befestigt sind) verbunden sind. Der Mund ist, wie bei uns Menschen, eine hoch sensible Stelle, an der Saint Boy jede kleinste Bewegung von Schleus Händen spürt. Nach vielen Peitschenschlägen und Sporentritten und – nicht zu vergessen dem Faustschlag der Bundestrainerin in seinen Po, rennt Saint Boy nun entgegen seines Willens los. Auf ihm die weinende Schleu. Die ersten Hindernisse überspringt er noch, doch dann schafft er es nicht mehr über die nächsten Hindernisse, kommt mit seinen Beinen dagegen oder läuft und fällt teilweise in die Stangen hinein. Als Annika Schleu nun ausscheidet darf er endlich vom Platz. Doch außer dem Schluchzen seiner Reiterin bekommt er von ihr nichts mehr zu hören. Kein Lob, keine beruhigenden Worte. Von Beginn an hatte Saint Boy probiert Schleu zu signalisieren, dass er den Parcours nicht laufen kann. Gab dann aber nach ihren gewaltvollen Reaktionen sein bestes, um ihrem Willen doch gerecht zu werden. Und selbst dann erlebt er keine Art von wertschätzender oder besänftigender Geste, für all den Stress und die Panik, die er unfreiwillig auf sich nehmen musste. Ab gehts nachhause für ihn. Wieder eine unendliche lange Fahrt. Schon wieder ist er in einem winzigen Transporter, in dem er sich weder bewegen noch hinlegen kann. Wie schnell die Zeit vergeht, kann er nicht einschätzen, auch nicht ob er denn nun bald wieder zuhause ist.

Kritik am Reitsport

Neben dem Olympischen Deutschen Sportbund, übte auch die ehemalige Dressussiegerin Isabell Werth starke Kritik an der Reitdisziplin des modernen Fünfkampfs aus sowie zahlreiche Menschen weltweit am generellen Reitsport. Nicht nur die Ausgangssituation des Reitens wie eben beschrieben ist mit durchgängigen Schmerzen für das Pferd verbunden: Vielen Pferden wird seit eh und je mit Elektroschocks antrainiert höher zu springen, in der Dressur wird die Halswirbelsäule durch erzwungenes Einrollen ein Leben lang geschädigt, Pferde werden deutschland- und weltweit misshandelt oder vernachlässigt und viele kommen beim Springreiten zu Tode auf Grund von Verletzungen. Kutschenpferde sterben auf der Straße, während dutzende Tourist:inn:en ungeduldig in den schweren Kutschen zuschauen. Polizeipferde sterben in Einsätzen. Allein schon beim klassischen Ponyreiten für Kinder tut man den Pferden ein Gefallen, wenn man sie nicht von unvorsichtigen Kinderhänden reiten lässt, denn selbst diese Ponys haben Metallstäbe in ihrem Mund. Dass Pferde ebenso psychische Schäden wie Mensch davontragen können ist auch lange bekannt.

Wie geht es weiter für Annika Schleu und Trainerin Kim Raisner?

Annika Schleu hat vorrübergehend ihren Instagram-Account deaktiviert, da sie vielfach der Tiermisshandlung beschuldigt wurde, ihr Fehlverhalten jedoch bis heute nicht einsehen kann. FR berichtet, dass sie sagte, sich keines Fehlers bewusst zu sein und alles richtig gemacht zu haben. Bundestrainerin Kim Raisner wurde einen Tag nach dem öffentlichen Vorfall durch den Weltverband UIPM vom weiteren Wettbewerb ausgeschlossen, nachdem ihr Verhalten überprüft wurde. Vorher hatte sich auch bereits der DOSB gegen ihre weitere Teilhabe entschieden. Nach dem Vorfall behauptete Raisner jedoch immer noch, sie liebe Tiere und sie liebe Pferde, was ganz schön paradox erscheint bei ihren vorherigen Handlungen und Äußerungen.

Und was passiert nun mit dem modernen Fünfkampf?

Auf das perfekt 90-minütige, fernsehtaugliche Format sei man stolz, laut Dachverband, sodass ein Diskurs über die Abschaffung des modernen Fünfkampfs wohl garnicht erst in Frage käme, schreibt die Zeit. Was oder ob nun was im Sinne des Wohls der Pferde gemacht werde, ist unklar.

Olympia ist gefährlich, auch für Menschen

Nicht nur ist ein lang überfälliger Diskurs über das Wohl der Pferde möglicherweise endlich ins Rollen gekommen, der hoffentlich bald jede Form des klassischen oder western Reitssports auch mit einbezieht. Auch war Teilmannschaftsleiterin Wiedemann am darauf folgenden Wochenende positv auf Corona getestet wurden. Und sie war nicht die einzige in den deutschen Reihen. Auch andere Teilnehmer:innen wurden während des Wettkampfs positiv getestet. Beschränken tut sich das natürlich nicht nur auf die deutschen Teams. Somit bietet Olympia in diesem Jahr auch dem Corona-Virus eine tolle Verbreitungsmöglichkeit, was natürlich nur wieder deutlich macht, dass selbst in einer lebenkostenden Pandemie das Kapital wichtiger ist als Menschen-, oder Tierleben.

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