Der neue Fernsehkanal der „BILD“-Zeitung ist gestartet

Gepostet von

Nah an den Bürger*innen oder einfach nur populistische Meinungsmache? Das fragten sich die 110.000 Deutschen, die am Sonntag Morgen gespannt den Start des neuen Fernsehkanals der „Bild“-Zeitung verfolgten. Das Programm begann offiziell mit Fußballberichterstattung am Sonntagmorgen, richtig interessant wurde es allerdings erst am Abend. Dort befragten „Bild“ Co-Chef Paul Ronzheimer und Moderator Kai Weise die beiden Kanzlerkandidaten Armin Laschet und Olaf Scholz – und machten damit zur Prime Time um 20:15 dem Tatort ordentlich Konkurrenz. Der neue Kanal kann unverschlüsselt über Satellit, Kabel oder IPTV/OTT empfangen werden und ist damit der dritte vollwertige Kanal des Springerkonzerns neben „Welt“ und „N24 Doku“.

Der Startpunkt des Senders hätte nicht besser liegen können. Aktuell bewegt sich viel auf dem deutschen TV-Markt. Viele der privaten Sender wollen seriöser werden und bauen ihre eigenen Nachrichtensendungen und Informationskanäle aus. ARD und ZDF verlieren dank ihres auf eine eher ältere Zielgruppe ausgerichteten Programme eine gesamte Generation an Zuschauer:innen und auch die gerade erwirkte Erhöhung des Rundfunkbeitrags trägt nicht gerade zur Beliebtheit der öffentlich-rechtlichen Kanäle unter der jungen Bevölkerung bei. Da bietet sich für die „Bild“ eine Lücke, in die sie sich nun gekonnt versuchen hineinzudrängeln. Zwei Jahre schon wurde das Projekt geplant und immer wieder aufgeschoben, doch jetzt kann die aktuelle politische Lage so kurz vor der Bundestagswahl im September taktisch genutzt werden.

Mit ihrer „Kanzlernacht“ (Nein, Annalena Baerbock wurde nicht eingeladen) bedient „Bild TV“ genau das, was die Öffentlich-Rechtlichen nicht dürfen und sich die Privaten nicht trauen: Ihre Gäste wirklich kritisch anzugehen. Wie gut das ist, bleibt jedoch eine andere Frage. Der Hauptverantwortliche für den neuen Sender ist Claus Strunz, der bereits mit Analogien wie „Populismus ist das Viagra einer erschlaffenden Demokratie“ glänzte. Und auch die Bild-Chefs Julian Reichelt und Paul Ronzheimer sind bisher nicht für ihre gründliche Recherchen und ausgeglichenen Moderationsstrategien bekannt geworden. Da sie selbst vor der Kamera stehen, werden bissige Fragen von Journalist:innen wohl kaum von ihnen getadelt werden.

Dennoch wird die Entwicklung von manchen Stimmen kritisch gesehen. Moritz Tschermak führt den „Bildblog“, in dem er mit einer kleinen Redaktion und Hilfe seiner Community Fake News und Fehler der „Bild“ aufdeckt. Im Interview mit t-online sagte er, dass besonders in Live Formaten der Druck hoch sei, permanent etwas zu erzählen, obwohl noch gar nicht richtig klar sei, was genau vor sich ginge.

„Diese Kombination aus mangelhafter Recherche und der selbst auferlegten Notwendigkeit, irgendetwas zu zeigen, wird aus meiner Sicht zu Problemen führen.“

Moritz Tschermak, „Bildblog“

Ein Beispiel dafür, wie schnell das passiere, sei der Terroranschlag in Wien gewesen, als die „Bild“ in den ersten 4 Studen viele Gerüchte verbreitete, u.a. von einer angeblichen Schießerrei in der U-Bahn, von denen sich hinterher fast alle als falsch herausstellten. Und genau da liege das Problem, denn Chefredakteur Julian Reichelt habe bereits immer wieder betont, dass der zentrale Fokus des Senders darauf liege, dabei zu sein, wenn etwas Großes passiert. Das Herzstück der Sendung soll „Bild Live“ von 9 bis 14 Uhr sein.

Die „Bild“ pickte sich in letzter Zeit häufiger Lappalien der Öffentlich-Rechtlichen heraus, um sie sich in ihren Schlagzeilen zum Feindbild zu machen. Dabei wird ihnen vor allem angekreidet, in wichtigen Situationen nicht schnell genug live zu berichten und Programmumstellungen nicht flexibel durchzuführen. Dass die Kritik jetzt noch lauter geworden ist, mag auch mit dem Start des eigenen Fernsehsenders zu tun haben. Je mehr Zuschauer:innen man von anderen Sendern wegholen kann, desto höher werden auch die Werbeeinnahmen ausfallen. Und Einnahmen braucht die „Bild“, denn ihre Print-Ausgabe wird vermutlich bald unter die bedeutsame Eine-Million-Marke fallen. Weiterhin lassen sich die produzierten Formate in kürzere Videos zerschneiden und auf anderen Kanälen wiederverwerten, beispielsweise auf YouTube oder Instagram.

Immerhin schafft der neue Sender auch Arbeitsstellen. Bereits 70 neue Stellen soll „Bild“ bereits geschaffen haben und auch der Springerkonzern selbst kündigte schon 2019 an, 100 Millionen Euro in den TV-Bereich zu investieren. Und nur, weil das Print-Format einen aggressiveren Ton an den Tag legt, heißt es nicht, dass das Fernsehen den gleichen Weg einschlagen muss. Die „Bild“ hat schon gezeigt, dass sie auch seriösen Journalismus betreiben können – wenn sie denn wollen. Ein Beispiel dafür ist Ronzheimers Reportage über den Alltag bei den Taliban. Es bleibt zu hoffen, dass „Bild-TV“ nicht in die Fußstapfen des zuletzt an den Start gegangenen GB News aus Großbritannien tritt. Auch GB News stellte sich als Sender für die „kleinen Leute“ dar und rauschte anschließend in einen rechtsnationalen und rechtspopulistischen Kurs.

Bei der „Kanzlernacht“ jedenfalls versuchten Ronzheimer und Weise penetrant Laschet und Scholz in die Enge zu treiben, sodass selbst Reiner Calmund irgendwann einschritt und Ronzheimer und seine „fiesen Fragen“ kritisierte. Anstatt der Themen Rente, Gesundheitswesen und Altersarmut möchte Paul Ronzheimer von Laschet lieber wissen, wie er seine Eheprobleme löse, während Kai Weise Scholz fragt, ob er die Deutsche Flagge lieber in die Hand nähme als „die rote Fahne“. Hart geben sich alle vier Männer. Auf die Frage nach der Schuldzuschiebung für so ziemlich alle Katastrophen des letzten Jahres schießt Scholz zurück, wer harte Fragen stelle, müsse auch harte Antworten ertragen. Ob der Sender in den nächsten Jahren zu einer deutschen Version der Fox News mutiert, oder es tatsächlich schafft, die Brücke zwischen seriösem Journalismus und kritischen Fragen zu schlagen, bleibt abzuwarten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.