(An) Apple a day keeps the doctor away? – Wie Apple mit iPhones gegen psychische Krankheiten kämpfen will

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Die Depression gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, etwa 16-20 von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens einmal an einer Depression. Zu den Symptomen gehören Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen bis hin zu Leistungsverlust, kognitiven Einschränkungen und sogar Suizidversuchen. Im Hinblick auf ihre Schwere zählt die Depression damit auch zu den unterschätztesten Krankheiten. Oft dauert es Monate bis Jahre, bis sich die Betroffenen Hilfe holen – und dann auf einer scheinbar endlosen Warteliste stehen, denn Plätze in ambulanten Psychotherapiepraxen oder stationären Kliniken sind knapp. Dabei ist es wichtig, dass eine Depression früh erkannt und behandelt wird, nur dann haben die Betroffenen gute Chancen in Zukunft ein fast symptomfreies Leben leben zu können. Gerade in der Corona-Krise ist diese Früherkennung zu kurz gekommen. Insbesondere Kinder leiden darunter. Wurden sie vor Corona noch von aufmerksamen Lehrer:innen bei ersten Verhaltensauffälligkeiten zum Hausarzt oder zur Hausärztin geschickt, blieben in den letzten anderthalb Jahren zwischen Home Schooling und Home Office der Eltern die Anzeichen der Krankheit häufig unentdeckt.

Doch damit soll in Zukunft Schluss sein. Apple hat angekündigt in Zusammenarbeit mit der University of California, Los Angeles (UCLA), und dem Pharmakonzern Biogen, sogennante „digitale Biomarker“ zu identifizieren, um mithilfe ihrer Geräte Depressionen, Angststörungen und kognitiven Abbau (beispielsweise beim Beginn einer Demenzerkrankung) zu identifizieren. Aufgeteilt ist das Projekt in zwei Studien: Die Studie „Seabreeze“ soll mit Daten von 3.000 Freiwilligen Werkzeuge und Algorithmen entwickeln, welche Depression und Angststörungen diagnostizieren sollen. Die Studie „Pi“ ist mit 20.000 Freiwilligen deutlich größer angelegt. „Pi“ soll geeignete Biomarker identifizieren, welche einen möglichen Abfall der kognitiven Leistungen detektieren.

This collaboration, which harnesses UCLA’s deep research expertise and Apple’s innovative technology, has the potential to transform behavioral health research and clinical care

Dr. Nelson Freimer, Professor für Psychiatrie an der UCLA

Für die beiden Studien werden über die nächsten zwei Jahre eine Menge Daten gesammelt – alle über Apple Geräte. Zu den erhobenen Daten zählen Schlaf- und Sprachmuster, Tippgeschwindigkeit, Gehgeschwindigkeit und -häufigkeit, und Bewegung. Dafür nutzt Apple die integrierten Kameras, Tastaturen und Audio Sensoren, sowie Vitaldaten der Apple Watches. Alle Teilnehmer:innen geben außerdem einen Fragebögen bezüglich ihrer emotionalen Lage, Stimmung und ihr Cortisol-Level ab. Zusätzlich wird erhoben, welche Personen im Laufe der zwei Jahre Studienlaufzeit an einer neurodegenerativen Krankheit wie Demenz erkranken, sodass anschließend Rückschlüsse auf die von ihnen gesammelten Biomarker gezogen werden können.

Es ist nicht das erste Mal, dass Apple sich in den Gesundheitssektor vorwagt. Im Jahr 2018 brachte der Konzern mit der Apple Watch Serie 4 die erste und einzige Smartwatch heraus, die Vorhofflimmern erkennen konnte. Vorhofflimmern stellt ein immenses Risiko für einen Schlaganfall dar. Da etwa 40% der Betroffenen keine Symptome zeigen, wird die Herzerkrankung bei ihnen häufig erst diagnositziert, wenn es zu spät ist und der Schlaganfall bereits eingetreten ist. Zusätzlich entwickelte Apple ein Standfestigkeits-Erkennungssystem, welches vorhersagen kann, ob eine Person innerhalb eines Jahres einen ernsten Sturz erleben wird. Diese Funktion kann vor allem ältere Menschen schützen und dafür sorgen, dass sie frühzeitig einen Arzt aufsuchen.

Doch nicht alle von Apples Projekten im Gesundheitssektor stoßen auf positive Resonanz. Anfang des Jahres 2021 stellte Apple ein neues Feature vor, welches in Zukunft Kindesmissbrauch auf iPhones entdecken soll. Das System soll Fotos auf dem iPhone scannen und diese mit einer Datenbank bekannter Fotos von Kindesmissbrauch ableichen. Unter Datenschützer:innen war der Aufschrei laut – zu groß ist das Missbrauchspotential des Features. Sie fürchten das Tool könnte von diktatorischen Regimen genutzt werden, um Aktivisit:innen zu identifizieren und zu verhaften. Das Feature sei ein großer Schritt in Richtung einer verschlechterten Privatsphäre für alle iPhone-Nutzer:innen, und das obwohl Apple insbesondere mit Privatssphäre als Alleinstellungsmerkmal gegenüber Android-Geräten wirbt. Einige Wochen verteidigte Apple das Erkennungssystem, welches laut eigener Aussagen Verschlüsselungstechniken auf dem neusten Stand der Forschung beinhalte, sodass der Konzern selbst keinen Einblick auf die gescannten Fotos habe. Doch aufgrund der andauernden Kritik verschob Apple den Launch des Features schließlich.

Ob die Studien „Seabreeze“ und „Pi“ Erfolg haben werden bleibt abzuwarten. Auch, wie eine mögliche Implementierung eines Früherkennungssystems psychischer Krankheiten aussehen könnte, ist zu diesem Zeitpunkt kaum zu sagen. Dennoch ist Apples Vorstoß ein großer Schritt in Richtung einer Zukunft, in der Depressionen, Angsstörungen und neurodegenerative Erkrankungen besser, zielgerichteter und erfolgsversprechender behandelt werden können. Denn bei all diesen Krankheiten gibt es kein Allheilmittel, sondern jeglicher Therapieerfolg hängt maßgeblich vom Zeitpunkt der Erstdiagnose ab. Am Ende kann jeder Tag ein Menschenleben retten.

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