Können zoologische Gärten einen Beitrag zum Artenschutz leisten?

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Als Kind liebte ich die Ausflüge mit meiner Familie in die Zoos und Tierparks der Umgebung. Mittlerweile kann ich gar nicht mehr so genau sagen, ob es die Tiere an sich waren, die mich so begeisterten oder ob die Unterhaltung durch Shows oder Spielplätze diese Tage unvergesslich machten. Sicherlich war es für mich besonders einen ganzen Tag mit meiner Familie zu verbringen und dabei neue Orte und Tiere zu entdecken. Das erinnerte mich an die Geschichten von Abenteurern wie Robert Falcon Scott, James Cook oder Ferdinand Magellan und trieb meine Neugierde an die Welt zu entdecken.

Als ich älter wurde, wich meine Begeisterung einer kritischen Betrachtung dieser Einrichtungen. Wieso kann ich mir in Deutschland Eisbären anschauen, obwohl diese doch eigentlich woanders wohnen? Mögen die Schlangen es, wenn sie jeden Tag um die Schultern von Besuchern gelegt werden? Warum gibt es mehr Tiger in Gefangenschaft als in freier Wildbahn?

Mittlerweile beschäftige ich mich beruflich mit genau diesen Themen. Mit Beginn meines Studiums habe ich angefangen, mich als Zoopädagogin mit diesen Fragestellungen auseinander zusetzen und sie in Führungen durch den Allwetterzoo Münster zu diskutieren. Um genau zu verstehen, warum es zoologische Gärten überhaupt gibt und wieso wir sie brauchen, ist es wichtig einen Blick zurück zuwerfen.

Gemälde der Menagerie des Schlosses Versailles unter der Herrschaft von Louis XIV (1643 – 1715)

Die Vorläufer der zoologischen Gärten stellen die höfischen Menagerien dar. Durch die Ausstellung unbekannter, gefährlicher oder farbenträchtiger Tiere, demonstrierten europäische Herrscher des Mittelalters und der Neuzeit ihre Macht und knüpften durch Schenkungen eben dieser Tiere diplomatische Beziehungen. Mit Beginn der Aufklärung wurde der Ruf laut, diese Tiere auch der bürgerlichen Schicht zugänglich zu machen. So organsierte sich das Bürgertum selbst und gründete die ersten zoologischen Gärten. Diese dienten damit erstmals auch pädagogischen und wissenschaftlichen Zwecken. Um lebende Tiere genauer erforschen und verstehen zu können, wurden die Haltungsansprüche dieser erstmals bei der Konzeption neuer zoologischer Gärten berücksichtigt. Diese Form der Tierhaltung hat sich seither zwar immer mehr zur Aufgabe gemacht, die Tiere in möglichst naturbelassenen Gehegen zu halten, kann diesem Ideal aber dennoch aus Unwissenheit oder ökonomischen Gründen nicht immer nachkommen.

Dafür zu sorgen, dass es den Tieren im Zoo gut geht, das ist unser zoologisches Handwerk. Es gibt keine andere Form der Tierhaltung, bei der in jedes einzelne Tier so viel Grips und Geld investiert wird.

Dag Encke, Direktor im Tiergarten Nürnberg

Zoologische Gärten folgen also einer langen Tradition. Doch wieso braucht es sie immer noch? Müssen Tiere immer noch aufgrund wissenschaftlicher und pädagogischer Zwecke in Gefangenschaft gehalten werden?

Die Antwort ist: jaein. Wissenschaft, Bildung und Erholung sind zwar wichtige Säulen des Zoos, dennoch sind mittlerweile weitere Aufgaben dazu gekommen. Zoologische Gärten dienen als (einigermaßen) sichere Standorte für vom Aussterben bedrohte Arten. Sie dienen also als Lösungsstrategie für ein menschengemachtes Problem – dem zunehmendem Artensterben durch menschliche Einflüsse in die Natur. Durch den Einfluss des Menschens leiden Tiere, unabhängig davon ob sie in Gefangenschaft oder in freier Natur leben. Zoologische Gärten können als Schnittstelle zwischen Mensch und Umwelt genutzt werden, indem sie Tieren eine sichere Zuflucht bieten und für den Schutz dieser Arten und deren Ökosysteme sensibilisieren.

Ganz schön niedlich oder?

So sieht es immerhin das Ideal vor. Allerdings werden nicht nur Tierarten gehalten, die vom Aussterben bedroht sind. „Publikumslieblinge“ wie beispielsweise Erdmännchen sorgen dafür, dass ein zoologischer Garten attraktiv für Besucher:Innen bleibt. Das diese Tierart als eine der wenigen von der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) als nicht gefährdet („least concern“) eingestuft wird, scheint dabei zweitrangig.

Und was bringt den Arten diese sichere Zuflucht überhaupt, wenn ihr natürlicher Lebensraum zunehmenden durch den menschlichen Einfluss zerstört wird?

Die Haltung und Zucht von vom Aussterben bedrohten Tierarten hat das Ziel, diese zu einem günstigen Zeitpunkt wieder auszuwildern. Dies ergibt nur dann Sinn, wenn sich die Bedingungen in der freien Wildbahn für diese Tiere verbessert haben. Wenn beispielsweise nicht mehr gewildert wird oder Reservate geschaffen wurden.

Für einen Großteil der Tiere, die in Gefangenschaft leben, haben sich die Bedingungen nicht verbessert. Dennoch wurden in den letzten Jahrzehnten für einzelne Tierarten Auswilderungsprojekte entwickelt, die bereits jetzt starke Erfolge zeigen. So werden seit den 1990er Jahren verschiedene Geierarten (insbesondere Gänse-, Mönchs- und Bartgeier) in den Pyränen und den französischen Alpen ausgewildert. Diese Arten gelten in Deutschland bereits seit dem Mittelalter als ausgestorben. Geier kommen vornehmlich in Bergregionen vor und gelten dort als „Hygienepolizei“. Da sie ihre Nahrung fast ausschließlich aus verstorbenen Tieren (Aas) beziehen, sorgen sie dafür, dass sich Krankheiten, an denen diese Tiere verstorben sind, nicht weiter verbreiten. Die Geier selbst können diese Krankheitserreger unschädlich machen. Damit nehmen sie eine wichtige Rolle für das Ökosystem ein. Leider gibt es seit Jahrhunderten Vorurteile gegen diese Tiere. Sie gelten als unrein oder gefährliche Räuber. So wurde der Gänsegeier im deutschen Volksmund beispielsweise Lämmergeier genannt, obwohl auch dieser sich ausschließlich von Aas und nicht von selbst erbeuteten Lämmern ernährt. Diese Vorurteile führten dazu, dass die europäischen Geierbestände immer weiter abnahmen. Weitere Gründe dafür waren die Verwendung von Mader- oder Fuchsgiften und die Beseitigung von verendeten Weidetieren, beispielsweise während der BSE-Krise. Angelagerte Gifte in verendeten Madern oder Füchsen tötete auch Geier, die diese fraßen. Die Beseitigung von Weidetieren entzog den Geiern ihre Nahrungsgrundlage.

Die Gründe für die Abnahme der Bestandszahlen einer Population zu finden, ist der erste Schritt um dem entgegen zu wirken. So werden in Frankreich mittlerweile in den Regionen, in denen Geier natürlicherweise vorkommen, immer mehr Angebote geschaffen, um die ansässige Bevölkerung über deren wichtige Rolle im Ökosystem aufzuklären. Ein Verbot von Giften wirkt dem indirekten Töten von Geiern entgegen und so genannte Geierrestaurants bilden einen Kompromiss zwischen Geiern und Viehwirten. Ein Geierrestaurant ist eine Stelle, an der Viehwirte ihre verendeten Tiere ablegen können. Diese Tiere müssten sie sonst kostenintensiv verbrennen lassen. Durch das Ablegen bieten sie so den Geiern die Möglichkeit sich zu ernähren.

Auswilderung eines Gänsegeiers aus dem Jataya Conservation Breeding Centre, Pinjore in Haryana (Indien) im Juni 2016. http://pib.nic.in/newsite/photo.aspx?photoid=84207

So wurden verschiedene Schritte ergriffen, die Bedingungen für die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu verbessern. Nachdem dieser Prozess angestoßen wurde, kommen die zoologischen Gärten ins Spiel. Die stark reduzierte Population kann durch die Auswilderung von in Gefangenschaft geschlüpften Geiern unterstützt werden. Damit steigt auch die genetische Vielfalt und macht die Population so widerstandsfähiger gegen Veränderungen des Lebensraumes. Nach dem französischen Vorbild sind seitdem weltweit Auswilderungsprojekte entstanden. Gänsegeier gelten mittlerweile als nicht gefährdet. Die Populationen weiterer Geierarten nehmen stark zu. Auch in Deutschland konnten mittlerweile vereinzelt wieder Geier gesichtet werden.

Die Erfolgsgeschichte der Geier in Europa und Asien ist ein schönes Beispiel, wie Tiere, die in der Wildnis als ausgestorben gelten, ihren Weg zurück finden können. Weitere Beispiele dafür sind Wisente in Europa (auch eropäische Bisons gesnannt) oder Przewalski Pferde in der Mongolei. Dennoch muss die Haltung der Tiere in zoologischen Gärten hinterfragt werden. Nur wenige Tierarten können überhaupt ausgewildert werden. Außerdem erscheint eine Haltung, die weit entfernt von potentiellen Lebensräumen statt findet als wenig sinnvoll.

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