„No one wants to grant our wishes“ – Die Darstellung von psychischen Krankheiten in den Medien Teil 2

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Schizophrenie am Beispiel des Films „Words on bathroom walls“ (2020)

Triggerwarnung: Schilderung von Wahnzuständen, Stigmatisierung

„At first, they thought there was something wrong with my eyes. “ Mit diesem Satz beginnt der Young Adult Film „Words on bathroom walls“ von Thor Freudenthal, dem Regisseur der Greg’s Tagebuche Filme. Die Szene zeigt Highschool Schüler Adam Petrazelli, der auf eine Zahlentafel blickt, deren Zahlen kurz darauf vor seinen Augen zerfließen. Ein starker Einstieg für einen Film, der sich ein sensibles Thema vorgenommen hat: Schizophrenie.

Bevor wir darüber sprechen können, wie der Film die Krankheit darstellt und ob diese der Realität gerecht wird, müssen wir zunächst einen Blick auf die Krankheit selbst werfen. Erste Berichte über Schizophrenie gibt es seit dem Jahr 1896, dort noch unter dem Namen „Dementia praecox“ und wurde bezeichnet als „eine Reihe von Krankheitsbildern, deren gemeinsame Eigentümlichkeit der Ausgang in eigenartige Schwächezustände bildet“. Im Jahr 1911 wurde dann von Paul Eugen Beuler die „Gruppe der Schizophrenien“ definiert, auf die auch die heutige Klassifikation zurückgeht.

Im ICD, dem Manual zur Diagnostik aller Krankheiten, findet man die Schizophrenie unter „Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen“. Es handelt sich dabei also um ein Störungsspektrum, in das verschiedene Störungen und Störungsausprägungen gezählt werden. Die klassische Schizophrenie ist im allgemeinen durch Störungen des Denkens und der Wahrnehmung, sowie abgeflachtem oder inadäqutem Affekt gekennzeichnet. Zu den Symptomen gehören akustische, taktile und visuelle Halluzinationen, zum Beispiel das Hören von Stimmen die mit den Betroffenen sprechen oder ihr Verhalten kommentieren, aber auch die sogenannte Ich-Störung. Darunter versteht man, dass für die Betroffenen die Grenze zwischen den eigenen Gedanken und der Umwelt durchgängig erscheint. Sie glauben beispielsweise, dass ihnen Gedanken von anderen eingepflanzt werden oder andere ihre Gedanken hören. Hinzu kommen Wahnvorstellungen (Fehlbeurteilungen der Realität, an der mit unveränderlicher Gewissheit festgehalten wird) mit den typischen Inhalten des Verfolgungswahns oder des Beziehungswahns, bei dem die Betroffenen glauben, Ereignisse, Objekte oder ander Menschen haben eine für sie spezielle Bedeutung. Ein weiterer Teil der komplexen Symptomatik sind die sogenannten Negativsymptome, zu der die Affektverflachung (Verring des emotionalen Ausdrucks), die Verringerung der Sprache, insbesondere des Umfangs und Inhalts, sodass die Antworten der Betroffenen nur noch kurz ausfallen und kaum Informationen enthalten), verringertes Interesse an Freizeitaktivitäten und Apathie bishin zum kompletten sozialen Rückzug. Die Krankheit beginnt meist zwischen dem 16. und dem 30. Lebensjahr, wobei Männer früher erkranken als Frauen, jedoch nicht häufiger.

Die Handlung

In genau diesem Alter befindet sich auch Adam, der Protagonist des Films, der schon immer etwas introvertiert war und seine Leidenschaft im Kochen gefunden hat. Seine Diagnose erhält er im letzten High-School Jahr nach einem psychotischen Anfall in der Schule, bei dem er in Panik einen Freund verletzt. Daraufhin sehen ihn die anderen Schüler*innen nicht mehr wie vorher. Sie meiden Adam, grenzen ihn aus oder haben Angst vor ihm, sodass er gezwungen ist, die Schule zu wechseln. Die einzige Schule, die ihn aufnehmen will, ist eine von Nonnen geleitete katholische Schule, am anderen Ende der Stadt. Dort lernt Adam Maya kennen, ein Mädchen mit Spitzennoten, die heimlich auf der Schultoilette Hausaufgaben dealt. Nach einem schlechten Klausurergebnis, bittet Adam Maya, ihm Nachhilfe zu geben und verliebt sich schließlich in sie.

They called it my first psychotic break and thats when we found out exactly what I am. Schizophrenia, a chronic mental disorder when a person loses touch with reality, allowing for visual and auditory hallucinations, paranoia, delustions, hence the chemistry class extravoganza. A cornacopia of shit basically. Never goes away. Never normal. The end.

Adam Petrazelli in „Words on bathroom walls“ (2020)

Der Film zeigt, wie Adam versucht, eine Beziehung aufzubauen und dabei seine Krankheit geheim zu halten, da er glaubt, sonst von Maya verstoßen zu werden. Aus diesem Grund beginnt er, ein neues Medikament zu nehmen, das zwar dafür sorgt, dass seine psychotischen Symptome verschwinden, jedoch von starken Nebenwirkungen wie Muskelzittern und dem Verlust des Geschmackssinns einhergeht, sodass er es schließlich (ohne das Wissen seiner Eltern) wieder absetzt.

Die Darstellung von Adams Schizophrenie

Da der Film fortwährend aus Adams Perspektive erzählt wird, erhält der/die Zuschauer*in einen detaillierten Einblick in seine Symptomatik. Die Stimmen, die Adam hört, werden als drei Personen mit unterschiedlichen Charakteren dargestellt. Da ist Rebecca, eine junge Hippie-Frau, die Adam beruhigt und ihm gut zuspricht, dann „der Bodyguard“, ein breit gebauter Mann in schwarzem Trainingsanzug und immer einem Baseballschläger in der Hand und Joaquin, der Adams horny Teenager Seite repräsentiert und ständig von Sex und Mädchen redet. Und dann ist da noch die dunkle Stimme, dargestellt als schwarzer Rauch, der in den schlimmsten Momenten aus Ecken und offenen Türen kriecht und Adam einredet, er sei wertlos und von niemandem geliebt. Auch visuelle Halluzinationen treten auf, meist jedoch nur in psychotischen Episoden, in denen Adam komplett die Kontrolle verliert.

Als Zuschauer*in kann man nicht anderes, als Adams Schmerz mitzufühlen. Dem Film gelingt es, insbesondere die Konsequenzen der Symptome so realistisch darzustellen, dass es einem unter die Haut geht und man durch subtil eingeblendetes Wispern im Hintergrund des Films plötzlich selbst das Gefühl hat, die Stimmen zu hören. Damit kommen wir auch schon zu der zweiten Stärke des Films: dem Umgang mit Stigma.

Von Stigma und endlosen Therapien

Der Begriff Stigma bedeutet, dass eine Person aufgrund einer Eigenschaft, die von anderen diskreditiert wird, als „anders“ wahrgenommen und behandelt wird. Gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden (oft aufgrund mangelnder Aufklärung des Umfelds) unter Stigmatisierung. Im Film wird dies zum ersten Mal nach Adams erster psychotischer Episode in der Schule deutlich, als die anderen Schüler*innen ihn meiden und „mit anderen Augen sehen“. Später im Film ersetzt Adams Stiefvater Paul die Messer am Esstisch durch Plastikmesser, aus Angst, Adam könnte die Kontrolle verlieren und ihn verletzen. Aufgrund der Erfahrungen, die Adam mit seinem Umfeld macht, versucht er seine Krankheit in seiner neuen Schule geheimzuhalten – auch auf Kosten seiner Gesundheit. Er schämt sich für seine Krankheit und möchte andere damit nicht belasten. Dadurch traut er sich nicht nach Hilfe zu fragen, fühlt sich alleine und verliert in einer psychotischen Episode auf dem Homecoming Ball bei einem Unfall beinahe das Leben. In einem bewegenden Monolog vergleicht sich Adam mit einem Mädchen seiner alten Schule, das an Krebs erkrankt ist und zieht einen traurigen Schluss:

When you are a cancer kid, people can’t wait to flock to your aid, they are so eager to grant you any wish before you die. But when you have Schizophrenia people can’t wait to make you someone elses problem, thats why we end up on the streets screaming at nothing, waiting to die. No one wants to grant our wishes.

Adam Petrazelli in „Words on bathroom walls“ (2020)

Eine weitere Konsequenz Adams Krankheit, die der Film (zumindest in Teilen) gelungen darstellt, ist die schwierige Behandlung. Nur in 7-20% der Fälle, werden Schizophreniepatient*innen nach erfolgreicher Therapie komplett symptomfrei. Meistens bleiben Halluzinationen (das sogenannte psychotische Residuum) und die Negativsymptomatik. Adam leidet an einer therapieresistenten Form der Schizophrenie, weswegen keines der gängigen Neuroleptika bei ihm wirkt und er an einer neuen Medikamentenstudie teilnimmt. Auch in der Realität ist die Psychopharmako-Therapie von zahlreichen Nebenwirkungen begleitet. Klassische Neuroleptika greifen die Extrapyramidalbahn an, was zu Muskelzittern, Muskelkrämpfen und dauerhafter Schädigung des Bewegungsapparats führen kann. Zwar gibt es mittlerweile sanftere Medikamente, diese sind jedoch teuer in der Herstellung und werden deshalb nur selten verschrieben. Adam ist am Ende gezwungen, die Therapie anzubrechen, da die Nebenwirkungen so schlimm werden, dass er seinen Lebenstraum, Koch zu werden, nicht weiter verfolgen kann.

An dieser Stelle beginnt der Moment, an dem der Film kritisch zu betrachten ist – und das aufgrund mehrerer Punkte.

Klischees über Klischees

Trotz der sensiblen Darstellung der Krankheit, ruht sich der Film auf vielen Klischees aus. Zwar wird Adam als mehrdimensionaler Charakter gezeigt, der auch andere Eigenschaften und Interessen außer seiner Krankheit hat, jedoch kommt die Geschichte nicht über das klassische High-School Liebesdrama hinaus. Der stereotype Weg eines Teenagers vom Kennenlernen über den ersten Kuss bis hin zur Auflösung mit Liebesgeständnis wird ausgschlachtet wie schon in zweihundert Filmen zuvor – bloß diesmal im Mantel der Schizophrenie. Auch versucht der Film Maya und Adam gleichzustellen, in dem er Maya das „Geheimnis“ gibt, einer armen Familie anzugehören und neben der Schule Geld zu verdienen, doch das Gewicht ihres Geheimnisses ist im Vergleich zu Adams Schizophrenie vollkommen unausgeglichen, sodass Mayas gesamte Storyline konstruiert und künstlich wirkt.

Zudem vereinfacht der Film die Behandlung von Schizophrenie gegen Ende auf gefährliche Weise. Während des gesamten Films sucht Adam kein einziges Mal eine Psychotherapie auf, oder spricht auch nur einmal davon. Es wird der Eindruck erzeugt, Medikamente seien der einzige Weg, die Krankheit zu therapieren, dabei ist eine begleitende Psychotherapie immer notwendig und führt (oft) zu langfristigen Therapieerfolgen. In der Abschlusssequenz des Films wird die glückliche Familie mit Adams frisch gebohrenem Geschwisterkind gezeigt. Adam lächelt glücklich in die Kamera. Am Ende ist alles für ihn gut ausgegangen, er hat sich mit seinem Stiefvater versöhnt, einen Platz in der Kochschule bekommen und Maya als seine Freundin. Obwohl ich nichts gegen ein Happy End habe, stört mich jedoch das Framing an dieser Stelle. Der Film lässt es aussehen, als hätte allein die Veränderung in Adams Einstellung, sich seinen Liebsten anzuvertrauen und Hilfe zuzulassen, dafür gesorgt, dass seine Krankheit nunmehr irrelevant für sein Leben geworden ist. Und während das zwar eine schöne und sicher wichtige Botschaft ist, verharmlost der Film damit den aufwendigen Therapieweg, den Betroffene in der Realität gehen müssen und hält das gefährliche Vorurteil aufrecht, dass nur die eigene Einstellung zum Problem, das Problem sei und sich mit dem richtigen „Mindset“ alles erreichen lasse.

Trotz der Aspekte, in denen der Film schwächelt, befasst er sich jedoch auf berührende Weise mit den Themen Schizophrenie und Stigma und bietet einen guten Ausgangspunkt, um weiter zu diskutieren. Schizophrenie kann bedeuten, zu halluzunieren und Stimmen zu hören, muss es aber nicht – jede Symptomatik ist individuell. Im Endeffekt ist es eben das, was Kunst erreichen möchte und für viele Betroffene so wichtig ist: Aufklärung, Enttabuisierung und Diskussion. Am Ende können alle eine Message mit nach Hause nehmen, die Adam treffend formuliert: „I have an illness but I am not the illness itself.“

Den Film könnt ihr momentan auf Netflix sehen, 111 Minuten, Altersfreigabe: FSK 16
Wenn ihr selbst von Schizophrenie betroffen seid und Hilfe sucht, könnte ihr hier zuständige Hilfenummern und Ratgeber finden.

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