Seenotrettung im Mittelmeer – aber an Land

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Bildnachweis: © Sea-Eye.org / Maik Lüdemann

Ein Report-Interview über die Frage, wie auch an Land für die Seenotrettung auf dem Mittelmeer gekämpft werden kann.

Emma (Name geändert) studiert Zahnmedizin im siebten Semester, macht neben der Uni aber noch viel anderes. Ein großes Hobby der 22-Jährigen ist der Poetry-Slam, also das Schreiben kreativer Texte. Weil sie sich eben nicht allein mit Zähnen auseinandersetzen will. Dieses „Eben-nicht-nur-mit-Zähnen-auseinandersetzen“ macht sie außerdem ehrenamtlich für die Seenot-Rettungsorganisation „Sea-Eye“. Eine deutsche NGO, die Menschen rettet, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten sind. 

Dabei ist Emma noch nie auf einer Rettungsmission mitgefahren. Helfen kann sie trotzdem, ein Ehrenamt zum Zweck der Seenotrettung ist nämlich auch an Land von großer Bedeutung. Dort gibt es die sogenannten Landcrews, die die Missionen auf dem Mittelmeer unterstützen. Landcrews von „Sea-Eye“ gibt es in 30 Städten, unter anderem in Berlin, München und Köln aber auch in kleineren Städten wie Troisdorf und Fulda. Ebenfalls vertreten sind die Gruppen Luxemburg, Bern (CH) und Wien (AT).

Selbst eine Gruppe in einer neuen Stadt eröffnen kann jede:r. Unter Absprache mit dem „Sea-Eye“-Ehrenamtsmanager Kai Echelmeyer. Auch über Kai gibt es auf Spotlight einen Beitrag. Darin erzählt er, wie es ist, bei einer Mission auf dem Mittelmeer mitzufahren. Emma hingegen engagiert sich in ihrer Freizeit bei der „Sea-Eye“-Landcrew in Bonn. Eine der ältesten Gruppen. Es sind dort aktuell ca. 10 Mitglieder aktiv. Insgesamt der Gruppe angehörig sind aber etwa 30. Emma findet das nicht genug. Neue Mitglieder seien immer willkommen.

In den Gruppen der Landcrew finden alle zwei Wochen Treffen statt. Emma erzählt von den Bonner Gruppentreffen. Da drehe sich erst einmal viel um die aktuelle Lage. Wenn z.B. gerade eine Mission von „Sea-Eye“ stattfindet (so wie Anfang November), sei das natürlich das Gesprächsthema Nummer 1. Meistens gäbe es eine Person, die die aktuellen Informationen sammle und bei den Treffen vorstelle. Emma meint, dass aber eigentlich ohnehin alle immer gut informiert seien. Durch Newsletter (die man auch abonnieren kann, wenn man sich nicht bei „Sea-Eye“ engagiert), Vereinsmails und den Hauptkanal auf Instagram. 

Eine der wichtigsten Aufgaben der Landcrews in den verschiedenen Städten ist das Sammeln von Spenden. Die braucht „Sea-Eye“ nämlich unbedingt, um auf Mission fahren zu können. Außerdem entscheidend ist die Öffentlichkeitsarbeit und das Erregen von Aufmerksamkeit und Bewusstsein für die aktuelle Situation auf dem Mittelmeer. Mit Ständen auf Konzerten oder in Galerien, Vorträgen, Demonstrationen oder auch Kneipen-Quiz. So entstehen Angebote für unterschiedlichste Zielgruppen. Denn je mehr Menschen Bescheid wissen, desto mehr kann auch geholfen werden.

Emma kannte „Sea-Eye“ schon, bevor sie ihr Ehrenamt antrat. Sie selbst ist seit Sommer 2021 aktiv bei den Treffen dabei. Seitdem der Lockdown in Deutschland vorbei ist. Zu dieser Zeit fanden die Gruppentreffen online statt. Das erste Präsenztreffen nach dem Lockdown war für Emma dann ihr erstes Treffen überhaupt. Während des Lockdowns Anfang diesen Jahres waren nicht nur die Gruppentreffen, sondern auch die restliche Arbeit von „Sea-Eye“ eingeschränkt. Die Landcrew hat oft Stände auf Veranstaltungen, beispielsweise auf Konzerten oder Ausstellungen, die aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht stattfinden konnten. Nach dem Lockdown war das erstmal wieder besser möglich.

Die Lust darauf, sich bei „Sea-Eye“ zu engagieren entstand bei Emma während ihrer Vorbereitung aufs Physikum. Eine wichtige Prüfung, die eine intensive Vorbereitung erfordert und oft nicht viel Raum für anderes lässt. Emma war aber nicht dazu bereit, all ihre Zeit nur auf die Prüfungsvorbereitung zu verwenden. „Mein Leben ist mehr, als nur mein Studium.“ Emma wollte mehr. Mehr mit ihrer Zeit bewirken. „In der Jugend habe ich mich bei einer offenen Jugendarbeit ehrenamtlich engagiert und das hat mir immer total viel zurückgegeben.“ Damals plante sie unter anderem Veranstaltungen für Kinder.

Deshalb entschied sich Emma erneut für den Weg ins Ehrenamt. Für sie eine Möglichkeit, einfach mal an anderes zu denken und außerdem spannende neue Menschen kennenzulernen. „Ich hatte das Gefühl, ich bekomme gar keinen Input mehr von außen.“ Das Thema Seenotrettung hat sie zudem schon in der Schule interessiert. Und da „Sea-Eye“ in Bonn sehr aktiv ist, war das für Emma die richtige Wahl.

Bei „Sea-Eye“ hat sie dann einfach mal nachgefragt, ob sie beim nächsten Treffen dabei sein könne. Dort fühlte Emma sich auf Anhieb wohl. Bei dem Treffen, das auch für andere Mitglieder, die während des Lockdowns zur Gruppe dazu gestoßen waren, die erste Gelegenheit war, alle anderen im echten Leben zu treffen, fand also zunächst ein großes Kennenlernen statt. „Das war schön.“ Einfach mal Nachzufragen rät Emma auch allen anderen, die über ein Ehrenamt bei „Sea-Eye“ nachdenken. Die Landcrews freuten sich immer über Zuwachs.

Gerade bei der letzten Mission von „Sea-Eye“ Anfang November hat Emma mitgefiebert. Damals nahm das Rettungsschiff „Sea-Eye4“ über 800 Schiffbrüchige auf und brachte sie in Sicherheit. Die Mission machte international Schlagzeilen, da die „Sea-Eye4“ lediglich auf 200 Personen ausgelegt ist und mehrere Tage auf dem Mittelmeer ausharren musste, bevor sie eine Anlegegenehmigung erhielt. Darauf, dass die Mission geglückt ist, ist Emma stolz.

Theoretisch wäre die „Sea-Eye4“ nun für eine neue Mission bereit. Was fehlt, sind Spenden. Hier sind Emma und alle anderen Mitglieder der Landcrews gefragt. Deshalb ist das Engagement an Land so wichtig. Vor zwei Wochen fand dafür in Bonn ein „Walk for Rescue“ statt, den Emma gemeinsam mit einer anderen Ehemaligen und dem Organisator von „Run for Rescue“ auf die Beine gestellt hat. 

Info: „Run for Rescue“ ist ein Projekt, das aus einem Bündnis verschiedener Organisationen entstanden ist. Dazu zählen unter anderem „SOS MEDITERRANEE“, „Mission Lifeline“ und „Sea-Eye“. Für diese und weitere Seenot-Rettungsorganisationen wird in verschiedenen Städten mit Spendenläufen Geld gesammelt. Das managen die „Seebrücke“ und der „Eine Welt Netz NRW e.V.“. Die Läufe fanden dieses Jahr im September und Oktober in 22 Städten (unter anderem in Stuttgart, Hamburg und Berlin) statt.

Die Idee des „Walk for Rescue“ wandelte das Prinzip des „Run for Rescue“ insofern ab, als dass die Veranstaltung nicht als Lauf angemeldet wurde, sondern als Demonstration. Entlang der Strecke in der Bonner Innenstadt wurden Stände aufgestellt, an denen sich Teilnehmende informieren und spenden konnten. Außerdem gab es kreative Angebote für Kinder. Mit dem Ziel das Thema Seenotrettung weiter in des Bewusstsein der Besucher:innen zu rücken und Mittel für neue Rettungsmissionen zu sammeln. Die Spendeneinnahmen gingen an das Bündnis „Run for Rescue“, das diese dann auf die zugehörigen Organisationen aufteilte.

Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, auch mal auf eine Mission mitzufahren, antwortet Emma sofort: „Das wäre cool! Das würde ich richtig gerne machen.“ Dafür ist aber zunächst eine gesondertes Training und eine intensive Vorbereitung durch „Sea-Eye“ nötig, die Emma noch machen müsste. Die Seecrew von „Sea-Eye“ teilt sich in eine Einsatz- und eine Schiffscrew. Zur Einsatzcrew gehören unter anderem ein Arzt oder eine Ärztin, ein Koch oder eine Köchin und ein:e Medienkoordinator:in. Die Schiffscrew setzt sich aus Kapitän:in, Matros:innen, Techniker:innen und weiteren zusammen. Entsprechende Ausbildungen sind erforderlich.

Auch emotional würde sich Emma einer Mission gewachsen fühlen. Sie sagt aber auch: „Ich glaube, dass man dafür psychisch stabil sein muss.“ Trotzdem glaubt sie, dass die Missionen abseits von der Belastung auch erfüllend sein können. „Das ist etwas, was ich richtig schön finde an Sea-Eye. Ich studiere hier und lebe ein bisschen in meiner Bubble. Wenn man sich dann aber mit dem Thema EU-Grenzpolitik näher beschäftigt, ist das für mich wie ein Rauszoomen.“ Im Studium konzentriere sich Emma auf ganz andere Dinge. Auf Kleinigkeiten. Zumindest im Vergleich zu den Problemen, mit denen sich „Sea-Eye“ auseinandersetzt. 

Emma ist und bleibt motiviert, sich zu engagieren. Einen genauen Aspekt zu bestimmen, der ihre Motivation bedingt, sei aber nur schwer möglich. „Irgendwie ist da total viel. Ich kann das gar nicht an nur einer Sache festmachen. Das sind vor allem die Leute. Die regen zum Weiterdenken an. Zum anderen das Rauszoomen aus meinem eigenen Leben. Um einen Blick auf die Welt zu haben. Und eben, dass es mir so viel zurückgibt.“ Danach fügt sie noch mit einem Lächeln hinzu: „Und es macht ja auch einfach Spaß.“

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