„Wir müssen von der Idee wegkommen, dass die größte Erfüllung im Leben eine romantische Beziehung ist“

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Ein Interview mit Evelyne, queere Autorin von Jugend-Fantasy Romanen

Manche Menschen fühlen sich zum anderen Geschlecht hingezogen, manche zum gleichen, manche zu beiden und manchen ist das Geschlecht total egal. Und dann gibt es noch Menschen, die keine sexuelle Anziehung zu irgendeinem Geschlecht verspüren. Oder Menschen, die zwar eine sexuelle Anziehung fühlen, aber keine romantische Liebe.

Eine von diesen Menschen ist Evelyne. Sie lebt in der Schweiz, ist seit vier Jahren als Jugendbuchautorin und freiberufliche Texterin tätig und identifiziert sich selbst als asexuell und aromantisch. Dieses Jahr veröffentlichte sie die „Ghost“-Dilogie, die für den deutschen Selfpublishing Buchpreis nominiert wurde und durfte dafür nach Frankfurt fahren und einen Livetalk halten – eines der Highlights ihres Jahres. Die Charaktere in ihren Büchern sind oft selbst queer und in ihrem aktuellen Buch, ist die Protagonistin selbst asexuell und aromantisch. Auf ihrer Instagramm-Seite spricht sie öffentlich über das Thema Asexualität und Aromantik, um für mehr Sichtbarkeit und Aufklärung zu sorgen. Ich habe sie getroffen und mit ihr über queere Protagonist*innen, das Selfpublishing und ihre eigene Asexualität und Aromantik gesprochen.

Franzi: Ganz zu Beginn, damit wir alle auf dem gleichen Wissensstand sind: Was ist Asexualität überhaupt? Und wo liegt der Unterschied zur Aromantik?

Evelyne: Asexualität bedeutet eigentlich nur, dass die Menschen keine sexuelle Anziehung verspüren, in dem Sinne, dass man eine Person kennenlernt und gerne mit ihr intim werden würde. Ob asexuelle Menschen Partnerschaften haben oder Kinder wollen oder auch Sex haben, schließt die Definition gar nicht ein. Die Aromantik wird oft in denselben Korb geworfen, bedeute aber etwas anderes und zwar, dass die Menschen keine romantische Anziehung verspüren oder keine romantische Partnerschaft eingehen wollen.

Franzi: Warum wird das so oft zusammengeworfen?

Evelyne: Für viele Menschen sind die Dinge gar nicht so klar voneinander abzugrenzen. Romantische und sexuelle Anziehung geht für viele ineinander über. Aber asexuelle Menschen können sich durchaus verlieben und aromantische Menschen sind nicht zwangsläufig auch asexuell. Du kannst beides sein, wie ich, oder eben eins von beidem. Am Ende ist es ein Spektrum und jede*r ordnet sich da selber ein. Ich bin da ganz klassisch, ich möchte einfach keine romantischen Beziehungen und ich habe verspüre auch keine sexuelle Anziehung. Es gibt das Vorurteil, dass alle asexuellen niemals Sex wollen oder keine Libido haben. Das ist einfach verallgemeinernd. Vielfach wird Asexualität auch gleichgesetzt mit „Das sind frustrierte Jungfrauen, die keinen abgekriegt haben“. Das ist mir auch schon passiert und das ist natürlich wirklich toxisch.

Franzi: Wie hast du gemerkt, dass du asexuell und aromantisch bist?

Evelyne: Das war ein langer Prozess. Ich glaube, es ist einfacher zu merken, dass du homosexuell bist oder ähnliches, als asexuell. Denn wenn nichts da ist, weißt du eben nicht, dass nichts da ist. In der Pubertät dachte ich einfach, die Leute übertreiben, wenn sie von ihren Crushes sprechen. Ich habe gar nicht verstanden, dass das für sie wirklich real war. Deshalb war ich lange überzeugt, dass ich einfach erwachsener und reifer war als die anderen, was aber letztendlich natürlich gar nichts damit zu tun hat. Richtig begriffen habe ich es aber erst viel später, als ich schon im Studium war. Bis dahin dachte ich einfach, ich bin eine Spätzünderin, aber dann war ich Anfang zwanzig und es war immer noch nichts passiert. Also habe ich im Internet recherchiert und bin auf den Begriff Asexualität gestoßen, hatte aber immer noch das Gefühl, dass es nicht 100% auf mich zutrifft. Irgendwann bin ich dann auf die Aromantik gestoßen. Das war das letzte Puzzleteil. Plötzlich hat alles Sinn ergeben.

Franzi: Hattest du Menschen, mit denen du dich austauschen konntest?

Evelyne: Ja, ich habe angefangen, mich mit Menschen zu vernetzen und meine Erfahrungen zu teilen. Das war total gut, weil ich verstanden habe, dass es nicht daran liegt, dass etwas mit mir falsch ist oder ich Hormonprobleme habe. Es gibt Leute, die dieselben oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Es hat trotzdem noch lange gedauert, bis ich öffentlich darüber gesprochen habe. Doch irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich mir dachte: Ich stehe dazu. Es ist mir egal, was die anderen sagen. Ich weiß, was ich fühle und ich habe Menschen in meinem Leben, die mich verstehen und akzeptieren.

Franzi: Wie war das Outing für dich?

Evelyne: Ein richtiges Outing hatte ich nie. Ich habe einfach irgendwann auf Instagram gepostet: Ich bin aro/ace (Bezeichnung für aromantisch/asexuell) und ich wünsche mir, dass hier und im echten Leben über das Thema gesprochen wird, weil ich es wichtig finde. Der Post ging durch die Decke und ich habe viele Kommentare und Nachrichten bekommen, zum Glück überwiegend positive. Ich erhalte bis heute noch Nachrichten von Leser*innen aus allen Lebenslagen. Da sind Jugendliche dabei, aber auch Menschen 50+, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen. Manchmal auch andere Autor*innen, mit denen ich mich dann vernetzt habe, die sich in meinem Post wiedergefunden haben. Dadurch hat sich für mich ein ganz neues Universum an Freundschaften aufgetan.

Franzi: Erlebst du denn auch Hass im Netz?

Evelyne: Hass noch nicht, dafür ist meine Plattform noch zu klein. Was ich aber erlebt habe, sind Leute, die es nicht verstehen. Die sind dann fast übergriffig, anstatt es zu akzeptieren und kommentieren von oben herab. Ich gehe aber davon aus, die Leute meinen es ja nicht böse. Für viele ist es einfach welterschütternd.

Franzi: Menschen, die sich als aromantisch identifizieren haben ja kein Bedürfnis nach romantischen Partnerschaften. Hast du denn das Bedürfnis nach anderen Formen von Partnerschaften?

Evelyne: Ich persönlich habe kein Bedürfnis nach romantischen Partnerschaften, schon aber nach Beziehungen. Ich investiere viel Zeit in meine Freundschaften. Das ist mich sehr wichtig. Auch mit meiner Familie verbringe ich viel Zeit und bemühe mich um eine gute Beziehung zu meinen drei jüngeren Geschwistern. Ich möchte auch nicht in 20 Jahren ganz alleine sein, wenn meine Freund*innen verheiratet sind und Kinder haben, deshalb kümmere ich mich um diese Beziehungen.

Franzi: Gibt es denn auch Beziehungen in deinem Leben, die mehr sind als eine Freundschaft?

Evelyne: In der Ace-Community nennt man das eine queerplatonische Beziehung. Das ist mehr als eine Freundschaft, aber nicht im romantischen Sinne, sondern irgendwo dazwischen. Wie man das genau definiert, ist in jeder queerplatonischen Beziehung wieder anders. Manche kuscheln miteinander und küssen sich, manche haben gar keinen Körperkontakt. Manche leben auch zusammen, haben vielleicht ein Haus, einen Hund oder Kinder. Das könnte ich mir auch für mich vorstellen. Aber eben nie auf einer romantischen Ebene.

Franzi: Ich würde es „Crush“ nennen – man trifft eine Person und fühlt sich sofort von ihr*ihm angezogen. Gibt es sowas für dich auch?

Evelyne: In der Community nennen wir das einen „Squish“. Das habe ich tatsächlich auch schon erlebt. Da habe ich Leute getroffen und dachte: Wow die sind so cool, ich würde die gerne kennen lernen. Aber eben ohne Schmetterlinge im Bauch. Ich bewundere diese Menschen einfach oder finde sie total witzig und würde dann gerne mehr mit ihnen machen.

Franzi: Du hast jetzt schon öfter von der Aro/Ace Community gesprochen. Fühlst du dich denn in der LGBTQ-Szene aufgehoben?

Evelyne: Ich habe viele queere Freund*innen, die mich komplett als Teil der Community akzeptieren. Aber gerade Online gibt es viele Stimmen, die sagen, wir Asexuellen gehören nicht dazu. Du bist nicht hetero genug aber auch nicht gay genug. Von beiden Seiten wird dir gesagt, du passt hier nicht her. Aber die Mehrheit in der Community ist zum Glück sehr offen.

Franzi: Du bist selbst Autorin. Wie nimmst du denn die Repräsentation von Asexualität und Aromantik in den Medien wahr?

Evelyne: Ganz klar unterrepräsentiert. Die Beispiele, die es gibt, kann ich an einer Hand abzählen. Ein Beispiel dafür ist eine Szene in Sex Education in der 2. Staffel, wo eine Schülerin bei der Therapeutin Jean fragt, was denn falsch mit ihr sei, sie interessiere sich einfach nicht für Sex. Jean erklärt ihr dann die Asexualität und sagt den sehr schönen Satz: „Sex doens’t make us whole, so how could you ever be broken?“ Gerade in einer beliebten Serie ist das sehr wertvoll.

Franzi: Und in der Literatur?

Evelyne: Auch in der Literatur ist es sehr spärlich. Asexualität wird oft als Plottwist verwendet, beispielsweise, dass der Loveinterest der Protagonistin sie am Ende doch überzeugt, dass sie gar nicht asexuell ist. Das ist ein sehr falsches Bild, das leider noch viel kursiert. Ein positives Beispiel ist das Buch Loveless. Es wurde von einer aro/ace Autorin geschrieben und erzählt die Geschichte der Protagonistin, die selbst aro/ace ist, das aber zu Anfang noch gar nicht weiß.

Franzi: Auch du selbst baust Asexualität und Aromantik in deine Bücher ein.

Evelyne: Ich bin ein großer Fan von „Casual Queerness“. Das bedeutet, dass die Queerness der Figuren nicht im Mittelpunkt der Geschichte steht, sondern ganz natürlich in die Handlung eingeflochten ist. Die Sexualität ist nicht relevant, aber eben da. In meinem Fall war es mir wichtig, mich selber einmal zu repräsentieren. Insbesondere als eine Person, die nicht durch ihre Asexualität oder Aromantik definiert wird. Für junge Menschen ist es total wichtig, sich selbst als starke Hauptfigur zu sehen, ohne dass es direkt etwas mit ihrer Sexualität zu tun hat.

Franzi: Du bist ja Autorin im Selbstverlag. Was bedeutet Selfpublishing überhaupt?

Evelyne: Selfpublishing ist das Veröffentlichen ohne Verlag. Man kümmert sich also selbstständig um die Veröffentlichung und hat damit natürlich viele Freiheiten, aber auch viele Risiken. Ich aber plädiere für professionelles Selfpublishing, da ich meine Bücher auf demselben Niveau veröffentlichen möchte, wie Verlagsbücher. Deshalb sind ein professionelles Coverdesign, Lektorat und Korrektorat wichtig, aber die muss ich selbst bezahlen. Ich arbeite mit verschiedenen Menschen zusammen, teilweise schon seit Jahren. Wir sind wie ein kleines Team. Mit dem Verkauf hatte ich bisher aber immer Glück. Es gibt natürlich Bücher, bei denen es besser klappt, als bei anderen. Alleine, dass es keine Romance-Geschichten gibt, ist für viele Leute schon ein Turn-off, sodass sie sich nicht mehr dafür interessieren. Es ist ein Zwiespalt und man muss ständig abschätzen: Wie marktfähig ist mein Buch und wie sehr will ich mich verbiegen, um marktfähig zu bleiben?

Franzi: Ich finde es wirklich schön, dass es mittlerweile für Autor*innen so gute Möglichkeiten gibt, ihre Bücher zu veröffentlichen. Gerade im Verlagswesen ist es ja sehr schwierig, überhaupt angehört zu werden, wenn man nicht bereits zu den Bestsellerautor*innen gehört.

Evelyne: Ich glaube, mit meinen Büchern hätte ich aktuell wenig Chancen bei Großverlagen, allein da wenig bis kaum Romance in meinen Geschichten vorkommt. Auch Queerness an sich ist ein schwieriges Thema. Deshalb ist Selfpublishing eine gute Möglichkeit, um vielseitige und queere Bücher zu veröffentlichen, noch bevor der Trend bei den Großverlagen angekommen ist.

Franzi: Was würdest du dir als queerer Mensch von der Gesellschaft, den Schulen oder den Medien wünschen?

Evelyne: In erster Linie Sichtbarkeit. Es ist wichtig, dass das Thema Asexualität im Sexualkundeunterricht behandelt wird, denn viele Jugendliche haben das Gefühl, bei ihnen sei etwas kaputt. Da muss es mehr Aufklärung geben, dass es Asexualität gibt und dass es okay ist, asexuell zu sein. Wir müssen von der Idee wegkommen, dass die größte Erfüllung im Leben eine romantische Beziehung ist. Ich finde, wir sind als Gesellschaft nicht sehr offen für andere Lebensformate oder Lebenspläne. Romantische Liebe steht immer an oberster Stelle und alles andere fällt darunter. Das sieht man schon daran, wenn Witze gemacht werden wie: Der wurde jetzt in die Friendzone abgeschoben. Das habe ich nie verstanden. In meinen Augen war das super, dann hat man eine schöne Freundschaft. Diese Wertvorstellung, dass die romantische Partnerschaft das einzig wahre Endziel ist, die über allem steht, muss sich ändern. Freundschaft kann genauso wichtig sein, wie eine romantische Partnerschaft. Man muss genauso viel daran arbeiten und sie kann einem genauso viel geben.

Franzi: Hast du einen Rat für junge oder auch ältere Menschen, die das Gefühl haben, sie könnten selber asexuell oder aromantisch sein?

Evelyne: Es gibt viele tolle Ressourcen im Internet, allerdings oft nur auf Englisch. Ich würde versuchen, mich mit anderen asexuellen oder allgemein queeren Menschen zu vernetzen. Übers Internet oder Gruppentreffen in größeren Städten. Die Leute in der queeren Community machen alle ähnliche Erfahrungen auf dem Weg, sich selbst zu finden. Für sie ist es okay, wenn du noch suchst. Sie nehmen dich trotzdem auf und geben dir einen Raum, wo du dich wohlfühlen und wo du dich selber finden kannst.

Evelynes Website und ihre Bücher findet ihr hier und hier geht es zu ihrem Instagram-Account, wo sie immer gerne als Ansprechpartnerin für Fragen oder einen netten Austausch zur Verfügung steht.

Hier findet ihr ein paar Links für junge asexuelle/aromantische Menschen oder Interessierte
www.asexuell.ch
www.asexuality.org
www.aromanticism.org

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