Die Natur ins Wohnzimmer holen – Wie grün sind Zimmerpflanzen wirklich?

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22 – so viele sind es mittlerweile.
In den letzten Jahren haben einige Pflanzen in meiner Wohnung ein neues Zuhause gefunden. Ein paar von ihnen gibt es mittlerweile nicht mehr. Von Anderen leben mittlerweile die Kinder und Kindes-Kinder in den Wohnungen meiner Familie und meiner Freund:Innen. Mit meiner Zuneigung zu Zimmerpflanzen bin ich nicht allein. Das Phänomen Urban Jungle hat in vielen Wohnzimmern und Cafés (nicht nur in Deutschland) Einzug erhalten.

Dem Jahresbericht des Zentralverbands Gartenbau e.V. von 2020 zufolge verzeichnete der deutsche Zierpflanzenmarkt im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg von 5,2% und setzte damit 9,4 Milliarden € um. Der Zimmerpflanzenmarkt (quasi eine Subkategorie des Zierpflanzenmarktes) verzeichnete ein besonders großes Wachstum.

„Der seit Jahren schwächelnde Zimmerpflanzenmarkt profitierte von dem Run auf Blühendes und den trendigen Grünpflanzen. Der Marktanteil stieg um 6 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro. Das entspricht rund 19,40 Euro pro Einwohner.“

ZVG Jahresbericht 2020

Die Nachfrage boomt also. Doch wie kommen die Produzent:Innen diesem Bedarf nach? Wie werden Zimmerpflanzen überhaupt produziert?
Da ich selber Hobbygärtnerin bin und mich nur oberflächlich mit der Vermehrung von Pflanzen auskenne, habe ich einen Experten dazu befragt.
Constantin hat eine Ausbildung im Bereich Garten- und Landschaftsbau gemacht. Das Meiste, das ich über Pflanzen weiß, habe ich über Jahre aus ihm herausgequetscht und von ihm habe ich einen großen Teil meiner Sammlung bekommen.

Constantin erklärt mir, dass bei der industriellen Produktion von Zimmerpflanzen diese auf verschiedenen Wegen vermehrt werden. Häufig werden sogenannte Stecklinge gezogen. Stecklinge entstehen, wenn Triebe von größeren Pflanzen abgeschnitten werden. Dabei ist es wichtig, dass sogenannte Blattknotenpunkte am abgeschnittenen Trieb sind. Diese Knoten sorgen dafür, dass aus dem Trieb eine ganz neue Pflanze wachsen kann. Der abgeschnittene Trieb wird dann zum Wurzeln gebracht und kann später eingepflanzt werden. Diese Form der Vermehrung kann man auch ganz leicht selber zuhause machen. Weitere Informationen dazu findest du beispielsweise hier.

Eine weitere Form ist die Meristemvermehrung. Dabei werden am Blattknotenpunkt meristematische Zellen entfernt. Diese Zellen können in Kulturen (also im Reagenzglas) gezüchtet werden und wachsen zu ganz neuen Pflanzen heran. Das Besondere an dieser Methode ist, dass aus einer Mutterpflanze sehr viele neue Pflanzen wachsen können. Diese Form lässt sich zuhause nicht ganz so einfach nachahmen. Weitere Informationen dazu findest du beispielsweise hier.

Bei beiden Verfahren dauert es jedoch recht lang, bis eine große neue Pflanze entstanden ist. Außerdem ist die Produktion von tropischen Pflanzen in Europa oft sehr ressourcen- und damit auch kostenintensiv, da große Gewächshäuser mit ausreichend Licht und Wasser betrieben werden müssen. Um den ganzen Prozess künstlich zu verkürzen und den Ertrag zu steigern, werden viele Pflanzen aus industrieller Produktion mit Pestiziden behandelt, überdüngt und ihr Substrat wird mit Torf angereichert. Das führt oft dazu, dass diese Pflanzen den Wechsel in die Wohnung des Endkunden nicht lange überleben und stellt eine erhebliche Belastung für die Arbeiter:Innen und die Umwelt dar. Doch nicht alle Betriebe wirtschaften so. Constantin erklärt, dass man einen guten Fachhändler oft auch an den Preisen erkennt. Eine ressourcensparende und unbelastete Produktion hat einen höheren Preis für den Endkunden.
Eine weitere Möglichkeit an große tropische Pflanzen heranzukommen beschreibt der Pflanzenimporteur Nieuwkoop Europe BV auf seiner Webseite.

„Unsere großen Tropen-Pflanzen wachsen hauptsächlich auf Plantagen von Züchtern in Mittelamerika und Asien, mit denen wir eng zusammenarbeiten. […] Aber nicht alle Pflanzen stammen von Plantagen. Wir importieren auch Pflanzen, die beispielsweise dem Bau von Städten, Straßen oder enormen Tempeln weichen mussten. Diese von „Mutter Natur“ geformten Exemplare haben eine ganz besondere Ausstrahlung!“

Nieuwkoop Europe BV

Das Unternehmen stellt in seinem Text außerdem heraus, dass die Pflanzen nicht aus Schutzgebieten entnommen werden und bei besonders gefährdeten Arten eine CITES-Ausfuhrgenehmigung benötigt wird. Doch auch wenn sich dieses Unternehmen an die Vereinbarungen des Washingtoner Artenschutzübereinkommen hält, steigt durch die wachsende Nachfrage der illegale Handel mit tropischen Pflanzen. So wird für den Wunsch nach tropischer Natur in unseren Wohnzimmern das Artensterben durch illegalen Raubbau angetrieben.

Diese Beobachtung tut vielen deutschen Pflanzenenthusiasten weh. Allerdings bedeutet es nicht, dass wir unseren Pflanzenhype an den Nagel hängen müssen.

„Die nachhaltigste Möglichkeit, um sich Pflanzen zu beschaffen ist mit Sicherheit einfach auf Ebay oder von Freunden Stecklinge zu kaufen. Es macht auch viel mehr Spaß der Pflanze beim Wachsen zu  zusehen, als viel Geld auszugeben um eine große Pflanze im Handel zu kaufen.“

sagt Constantin

Wie auch in der industriellen Produktion können Hobbygärtner:Innen ihre Lieblinge (am besten im Frühling oder Sommer) beispielsweise durch Stecklinge vermehren. Die so entstandenen Jungpflanzen lassen sich super an Freunde und Familie verschenken oder gegen andere Pflanzen eintauschen.
So hat auch ein Großteil meiner Sammlung zu mir gefunden.

Weitere Vorteile gegenüber dem Kauf von industriell-produzierten Pflanzen ist, dass auf torffreie Erde geachtet und eine Überdüngung vermieden werden kann.

Auch meine Pilea vermehrt sich eifrig.

Manche Pflanzen, wie beispielsweise das Brutblatt, die Grünlilie oder die Pilea machen es Hobbygärtner:Innen sogar noch leichter sie zu vermehren. Sie entwickeln von sich aus kleine Tochterpflanzen, die mühelos von der Mutterpflanze abgenommen und in einen neuen Topf gepflanzt werden können.

Um den Konsum von Zimmerpflanzen zu reduzieren, ist es außerdem wichtig sich richtig mit der Pflege seiner Pflanzen auszukennen, um ihnen ein besonders langes Leben zu schenken. An dieser Hürde bin auch ich in meiner Anfangsphase oft gescheitert. Manche Pflanzen sind einfach robuster als andere und auch nicht jedes Zimmer, beziehungsweise jeder Standort eignet sich für jede Pflanze. Neben meinen vielen Fragen an Constantin hat mir dabei der ein oder andere Blick in ein gutes Buch a lá „So überleben deine Zimmerpflanzen garantiert.“ oder eine Online-Recherche geholfen. Der Pflanzenhype sorgt auch dafür, dass mittlerweile viele „plantfluencer:innen“ online Pflanzentipps geben.

Damit auch ihr nicht zu kurz kommt, habe ich hier Constantins (und meine) Top 6 Pflanzen-Tipps zusammen gefasst:

1. Der Substratwechsel nach dem Kauf
Wenn ihr eine neue Zimmerpflanze in einem Handel erworben habt, ist der aller erste Schritt zuhause ein Substratwechsel. Das Substrat in den Töpfen ist oft überdüngt und hat eine schlechte Struktur, da es nach einigen malen gießen in sich zusammenfällt. Substrat, das zu fest ist „erstickt“ die Wurzeln und es kann zu Wurzelfäule kommen. Constantin empfiehlt als Substrat für tropische Pflanzen ein Gemisch aus 1 Teil Pinienrinde, 1 Teil (torffreie) Anzucht- oder Kräutererde und 1 Teil Sphagnum-Moos. Besonders beim Moos solltet ihr auch darauf achten, dass es aus einer ökologischen Produktion stammt.

2. Benutzt Terracotta-Töpfe
Der Terracotta-Topf bietet euren Pflanzen einige Vorteile, allerdings solltet ihr bei der Verwendung darauf achten generell etwas mehr zu gießen. Die Terracotta-Töpfe entziehen der Erde nämlich Feuchtigkeit und geben sie entweder nach außen ab oder zu einem späteren Zeitpunkt zurück in die Erde (wenn diese trockener geworden ist als der Topf). Die Töpfe sind außerdem atmungsaktiv, der gesamte Wurzelballen kann so belüftet werden und läuft nicht Gefahr zu faulen. Falls Terrakotta-Töpfe nicht in euer Deko-Konzept passen, könnt ihr auch über diese Töpfe Übertöpfe stülpen.

3. Den richtigen Standort finden
Jede Pflanzenart hat sich über Jahrmillionen an ihren optimalen Lebensraum angepasst und eingenischt. Das bedeutet, dass nicht in jeder Ecke eures Wohnzimmers für jeden Typ von Pflanze geeignet ist. Meistens ist der optimale Standort beim Kauf ausgewiesen, aber auch eine kurze Online-Recherche kann euch Klarheit verschaffen. So oder so mögen es die meisten Pflanzen nicht in der Nähe einer laufenden Heizung, weil sie zu viel trockene Luft produziert. Ständige Zugluft oder ständige Standortwechsel sind auch ein Tabu.

4. Kalk im Wasser
Die meisten tropischen Pflanzenarten vertragen Kalk im Gießwasser nur sehr schlecht. Informiert euch am besten über die Härte eures Wassers. Falls ihr besonders hartes Wasser habt, könnt ihr das filtern oder auf Regenwasser umschwenken. Destilliertes Wasser eignet sich aufgrund der mangelnden Mineralien leider nicht.

5. Richtig gießen
Um euren Pflanzen ein langes Leben zu schenken, ist es besonders wichtig ein richtiges Gespür fürs Gießen zu entwickeln. Die große Freude über neue Pflanzen führt oft dazu, dass ihnen zu viel Aufmerksamkeit und damit auch zu viel Wasser geschenkt wird. Die wenigsten Pflanzen mögen es, nass zu stehen und welke Blätter bedeuten nicht zwangsläufig einen Mangel an Wasser. Wenn zu viel gewässert wird, kann es dazu kommen, dass die Wurzeln faulen und absterben. Da die Pflanze dann nicht mehr richtig versorgt wird, können die Blätter welken. Am besten fühlt ihr vor jedem Gießen mit eurem Finger tief in die Erde. Denn auch wenn die oberste Erdschicht trocken erscheint, kann es weiter unten ganz anders aussehen. Es gibt auch besondere Gießanzeiger, die dabei helfen können.

6. Dusch deine Pflanzen
Neben der Feuchtigkeit der Erde ist auch die Luftfeuchtigkeit ein wichtiges Thema. Besonders im Winter fühlen sich viele Pflanzen aufgrund der trockenen Heizungsluft sehr unwohl. Deshalb solltet ihr sie regelmäßig besprühen. Luftbefeuchter werden auch von einigen Expert:Innen empfohlen.
Um den Blättern genug Feuchtigkeit zu schenken und sie vom Staub zu befreien, empfiehlt es sich auch, die eignen Pflanzen ab und zu mal in die Dusche zu stellen und sie vorsichtig abzubrausen.
Wenn euch das zu abenteuerlich ist, solltet ihr sie trotzdem regelmäßig besprühen und mit einem Lappen die Staubschicht auf den Blättern entfernen. Staub schränkt nämlich die Fotosyntheseleistung ein und hemmt das Wachstum.

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