Inside – ein Comedy-Film zeigt wie junge Menschen den Lockdown verarbeiten (können)

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Liebe/r Leser/in,
ist dir schon aufgefallen, dass unser Planet mittlerweile schon seit 2 Jahren mit dem Sars-Cov-2 Virus lebt? Bereits Ende Januar 2020 wurde die erste Corona-Infektion in Deutschland gemeldet. Seitdem ist viel passiert. Wie hast du die ersten Monate mit dem neuen Virus verbracht?
Hast du im Lockdown neue Hobbys ausprobiert? Ist dir die Decke auf den Kopf gefallen? Wie war die Umstellung auf Online-Uni /Online-Schule oder Home-Office für dich? Hast du das Gefühl, dass sich die Gesellschaft und die Politik genug mit diesen Fragen auseinandergesetzt haben?
Ich nicht.

Als die Pandemie in Deutschland das erste Mal so richtig loslegte, wohnte ich in einem 15qm großen WG-Zimmer und befand mich in der Mitte meines Bachelorstudiums. Für mich war klar, dass ich mich solidarisch zeigen würde und meine eigene Freiheit begrenzen würde, um andere Menschen zu schützen. Dass dies bedeuten würde, dass ich eineinhalb Jahre die Universität nicht mehr von innen sehen würde, hätte ich damals nicht erwartet. Meine Generation fürchtete sich nicht allzu sehr vor den körperlichen Auswirkungen einer Covid-Erkrankung, die zu der Zeit im Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses standen. Über die psychischen Auswirkungen wurde allerdings kaum gesprochen und das, obwohl bereits Mitte April 2020 erste Studien zeigten, dass die Altersgruppe der 18- bis 29-jährigen, im Vergleich zu Älteren, besonders belastet waren. Auch Monate später (beispielsweise im Juni 2021), zeigten Studien, dass diese Altersgruppe besonders stark von psychischen Auffälligkeiten betroffen ist, und brachten diese Auffälligkeiten mit dem Lockdown in Verbindung. Eine Diskussion dieser Studienergebnisse fehlte mir in der Öffentlichkeit und damit bin ich nicht allein. In einer weiteren Studie, die Ende 2021 veröffentlicht wurde, befragte die pronova BKK (eine Trägerin der gesetzlichen Krankenkassen) 1.000 Menschen im Alter zwischen 16 und 29 Jahren. Rund 68% der Befragten gaben an, dass Kinder und Jugendliche die Hauptlast der Pandemie getragen haben. 63 % sagten, sie hätten die Solidarität der Älteren mit den Jüngeren vermisst.

Doch wie machen wir uns bemerkbar? Wie zeigen wir Menschen aus anderen Altersgruppen welchen Preis wir für das physische Wohl Anderer gezahlt haben?

Ein leuchtendes Beispiel dafür, wie wir unsere Schwierigkeiten und unseren Umgang mit dem Lockdown nach außen tragen können, ohne dabei mit dem erhobenen Zeigefinger dazustehen, ist der US-amerikanische Komedian Bo Burnham. Dieser plante, nach einer längeren Pause, Anfang 2020 sein großes Bühnen-Comeback. Pandemiebedingt fiel dies ins Wasser und er arbeitete stattdessen an einem Netflix-Special, das er alleine schrieb, filmte, performte und schnitt – alles in einem einzigen kleinen Raum. Das Ergebnis, der Musikfilm „Inside“, ist seit Mai 2021 auf Netflix verfügbar.

Direkt im ersten Song des Films nimmt Burnham seine Zuschauer:Innen mit folgenden Worten zurück in den Lockdown:

If you’d have told me a year ago that I’d be locked inside of my home. I would have told you, a year ago: „Interesting; now leave me alone“. Sorry that I look like a mess.  I booked a haircut, but it got rescheduled. Robert’s been a little depressed, no. And so, today, I’m gonna try just getting up, sitting down, going back to work. Might not help, but still, it couldn’t hurt.

Hättest du mir vor einem Jahr gesagt, dass ich in meinem Haus eingesperrt sein würde. Ich hätte dir vor einem Jahr gesagt: „Interessant, jetzt lass mich in Ruhe“. Es tut mir leid, dass ich so durcheinander aussehe. Ich hatte einen Termin für einen Haarschnitt, aber er wurde verschoben. Robert ist ein bisschen deprimiert, nein. Und so werde ich heute versuchen, einfach aufzustehen, mich hinzusetzen und wieder an die Arbeit zu gehen. Vielleicht hilft es nicht, aber es kann nicht schaden.

Die klaustrophobische Atmosphäre bleibt den ganzen Film über bestehen, nicht zuletzt weil Burnham zwischendurch immer wieder ein Videotagebuch über seinen neuen Alltag filmt. Doch er begrenzt sich nicht rein auf diese Umstände. Zu Beginn des Films diskutiert er (mit sich selbst), worüber man in Zeiten der Veränderungen, des Klimawandels, in Zeiten von Kriegen und Dürren überhaupt noch Witze machen kann und hinterfragt damit den Existenzanspruch seiner eigenen Arbeit. Diese Krise löst er, indem er beschließt nun die ganze Welt mit seiner Comedy zu retten.

In den folgenden 90 Minuten streift Burnham auf eine mal mehr und mal weniger lustige Weise eine Vielzahl von Themen, mit denen „Millenials“ und unsere Gesellschaft als Ganzes tagtäglich konfrontiert werden. Er thematisiert unter anderem die Privilegien einer vornehmlich weißen und männlichen globalen Oberschicht, die Oberflächlichkeit und das Suchtpotential sozialer Medien, die Ausbeutung junger Menschen (in Ausbildung) durch unbezahlte Praktika und und und…
All diese Themen setzt er in einer Vielzahl von selbstgeschriebenen Songs und Sketchen auf geniale Weise um.

Burnham spricht außerdem immer wieder von (seiner eigenen) mentalen Gesundheit und dem Umgang mit Depressionen, Einsamkeit, suizidalen Gedanken und panikartigen Zuständen im besonderen Kontext des „Eingesperrt seins“. Dieses Thema verpackt er immer wieder in den kleinen Sequenzen seiner Videotagebücher und in überfröhlichen Songs. Wie viel davon tatsächlich die reale Situation des Comedians darstellt, erfährt der/die Zuschauer:In nicht. Zumindest teilweise spricht Burnham aus eigener Erfahrung. In seinem letzten Song erzählt er:

So, uh, five years ago, I quit performing live comedy, because I was beginning to have, uh, severe panic attacks while on stage. Which is not a great place to have them. So I, I quit, and I didn’t perform for five years and I spent that time trying to improve myself mentally. And you know what? I did! I got better.  I got so much better, in fact, that in January of 2020 I thought, „You know what? I should start performing again I’ve been hiding from the world and I need to re-enter“.

Vor fünf Jahren habe ich aufgehört, Live-Comedy zu machen, weil ich anfing, auf der Bühne schwere Panikattacken zu bekommen. Das ist kein guter Ort, um sie zu bekommen. Also habe ich aufgehört und bin fünf Jahre lang nicht aufgetreten und habe in dieser Zeit versucht, mich mental zu verbessern. Und wisst ihr was? Ich habe es geschafft! Mir ging es besser. Mir ging es sogar so viel besser, dass ich im Januar 2020 dachte: „Weißt du was? Ich sollte wieder anfangen aufzutreten, ich habe mich vor der Welt versteckt und ich muss wieder auftreten.“

Tatsächlich nahm sich Burnham eine 5-jährige Bühnenpause. Obwohl er im Januar 2020 beschloss wieder aufzutreten und diese Pläne umgeworfen wurden, steckte er seine künstlerische Energie in den Film „Inside“.
Der Film als Gesamtwerk ist ein großartiges Beispiel dafür, wie junge Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit der Pandemie verarbeiten. Burnham gelingt es schwierige Themen im Comedy-Gewand anzusprechen und ist dabei teilweise unangenehm ehrlich. Außerdem beweist er, dass man trotz der Pandemie und trotz psychischer Belastungen einzigartige Kunstwerke erschaffen kann.

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