5G, das Virus aus dem Labor und Chemtrails – Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien?

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Bildquelle: Ivan Radic | CC-BY 2.0 | via Wikimedia Commons

Sie sind überall. Die Erde sei eine Scheibe. Die Mondlandung sei inziniert. Kondensstreifen, die Flugzeuge durch Wasserdampf und Abgase hinterlassen seien in Wirklichkeit versprühte Gifte zur Klima- oder Gedankenkontrolle. Reptiloide hätten unsere Regierungen unterwandert. Der Ausbau des 5G-Netzes sei Schuld an der Corona-Pandemie. Verschwörungstheorien gibt es mehr, als man an beiden Händen abzählen kann und sie sind mal mehr, mal weniger absurd. Doch warum glauben so viele Menschen an die Geschichten von Echsenmenschen und Chemtrails?

Kurz vor Weihnachten hat eine Umfrage der CDU-nahen Konrad-Adenauer Stiftung ergeben, dass der Glaube an Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Covid-19 zwar rückläufig ist, jedoch immer noch rund 30 Prozent der Deutschen eine Tendenz zum Verschwörungsdenken innehat. Allgemein wird eine Verschwörungstheorie als argumentative Konstruktion definiert, nach welcher eine geheime Macht mit bösen Motiven versucht, der Bevölkerung mit einem detaillierten, lang angelegten und geheimen Plan zu schaden. Ihre Anhänger weigern sich, an Zufälle von Ereignissen zu glauben und vermuten eine Absicht hinter jedem Event. Anders gesagt: „Nichts passiert zufällig“. Außerdem charakteristisch ist das Zusammenpuzzeln von verdeckten Hinweisen. Erst durch die Neuinterpretation dieser angeblichen Hinweise, käme man der Wahrheit auf die Spur. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Verschwörungstheorie, dass Bill Gates der Teufel sei. Diese beruht darauf, dass der Microsoft-Gründer eigentlich William III. Gates heißt. Rechnet man die Buchstaben nach der „American Standard Code for Information Interchange“ um, ergebe sich die Nummer 666 – und das ist ja bekanntermaßen die traditionelle Zahl des Teufels.

Verschwörungstheorien sind nicht wahr. Zwar mögen zweifelsohne Geheimhaltung und Machtungleichheiten existieren, hochrangige Leute treffen sich bestimmt irgendwo und führen auch geheime Pläne aus, von denen die Bevölkerung nichts weiß, doch der Kern der Verschwörungstheorien ist falsch. Verschwörungstheorien vermuten immer einen lang ausgetüftelten Plane, der häufig über Jahre, wenn nicht Generationen verfolgt wird und klagen eine unfassbar große Menge an Menschen an, in sie verwickelt zu sein. Darin liegt auch eine ihrer größten Widersprüche. Auf der einen Seite vermuten die Verschwörungstheoretiker*innen einen komplexen und perfekt ausgeführten Plan, doch auf der anderen Seite müssen die Verschörer*innen offensichtlich auch andauernd Fehler machen und Hinweise zurücklassen. Obwohl die vermeintlichen Eliten also die Kontrolle über jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten haben, können sie dennoch die Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien nicht verhindern?

Mit dem Glauben an eine Verschwörungtheorie geht für manche Menschen auch ein Gefühl von Verpflichtung einher. Sie müssen „die Welt retten“, die Öffentlichkeit auf die Verschwörung aufmerksam machen und die Eliten stoppen. Diese Verpflichtung endet nicht selten in Gewalt – auch gegen Kinder und Unbeteiligte. Beispielsweise riefen Verschwörungstheoretiker*innen in Telegram-Kanälen dazu auf, bei Corona-Demonstrationen Kinder in die erste Reihe zu stellen, damit die Polizei die sogenannte „Kinderfront“ nicht durchbrechen kann. Oder vor einem Jahr, als infolge der Erstürmung des Kapitols in Washington am 6. Januar 2020 durch QAnon Anhänger*innen 10 Menschen ums Leben kamen. Solche Nachrichten sind leider weniger witzig als der kurzzeitig durch die Sozialen Medien kursierende Aufruf, doch unbedingt dicke Stiefel anzuziehen, da Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens bei der „Kanalimpfung“ durch Abflussgullis hindurch Impfunwilligen die Impfdosis in die Waden spritzen würden.

Wer glaubt an Verschwörungstheorien?

Eine Studie aus dem Jahr 2020 hat sich mit genau dieser Frage beschäftigt. Dort wurden 1060 Proband*innen aus Kroatien zu ihrem Glauben an Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Coronavirus befragt. Zusätzlich wurden Maße erhoben, wie Right-Wing Autoritarismus (Wie sehr beuge ich mich autoritären Ideen aus dem rechten Spektrum), Soziale Dominanz Orientierung (Wie weit würde ich gehen, um das Ziel meiner Gruppe zu erreichen), Politische Machtlosigkeit (Wie sehr glaube ich, dass ich das politische Geschehen beinflussen kann), Vertrauen in Wissenschaft und Wissenschaftler*innen, sowie das wahrgenomme persönliche Risiko, an Covid-19 zu erkranken.

Die Studie ergab, dass 45% glaubten, das Coronavirus stamme nicht von einem Tier, sondern sei in einem Labor entwickelt worden. 39% stimmten der Aussage zu, dass das Virus mit der Absicht „freigelassen“ wurde, um bestimmten Wirtschaften zu schaden, und 25% waren der Überzeugung, dass ein Impfstoff bereits existiere, jedoch noch vor der Bevölkerung geheim gehalten werde (Datenerhebung August bis September 2020). Die Studie identifizierte außerdem verschiedene Charakteristika, welche mit dem Glauben an Verschwörungstheorien überzufällig zusammenhingen.

Im Vergleich zur allgemeinen Stichprobe haben Teilnehmer, die Verschwörungstheorien (stark) zustimmen, ein niedrigeres geschätztes wirtschaftliches Niveau, ein niedrigeres Bildungsniveau, eine größere Bedeutung für die Religion und eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich nicht politisch zu identifizieren.

übersetzt aus „Who believes in Covid-19 Conspiracy theories in Croatia? Prevalence and Predictors of Conspiracy Beliefs“ by M. Tonkovic et al.

Außerdem hing auch das Vertrauen in die Wissenschaft negativ mit dem Glauben an Verschwörungstheorien zusammen und dies beeinflusste auch den Zusammenhang von Nähe zu autoritären Regimen. Also, je stärker jemand sich autoritären Ideen beugte, desto weniger vertraute er*sie der Wissenschaft und desto mehr glaubt er*sie an Verschwörungstheorien. Dies könnte auch einen Hinweis darauf geben, warum die Impfquote insbesondere in Bundesländern, in denen die AfD stark ist, so gering ausfällt. Diesen Schluss zog auch die Konrad-Adenauer-Stiftung in ihrem Bericht. Sie untersuchten den Glauben an Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Parteiunterstützung. Die Ergebnisse sind eindeutig: Wo innerhalb der Grünen nur 1% „wahrscheinlich“ glaubte, das Coronavirus sei ein Vorwand um die Bevölkerung zu unterdrücken, glaubten in der AfD 65% dass diese Aussage „sehr wahrscheinlich“ oder „wahrscheinlch“ stimmte.

Allgemein findet man Verschwörungstheorien häufiger an den Rändern des ideologischen Spektrums, was jedoch nicht bedeutet, dass Linke und Recht gleichermaßen gerne an Verschwörungen glauben. Tatsächlich ist der Glaube am rechten Rand deutlich stärker ausgeprägt, was unter anderem damit zu tun hat, dass Menschen mit rechter Ideologie, generell sensibler gegenüber Bedrohungen von außen sind.

Ein Fels in der Brandung in Zeiten der Krise

Die Pandemie hält die Welt fest in ihrem Griff; und das nun schon seit zwei Jahren. Auch jetzt wissen wir immer noch nicht mit Sicherheit, wie der Weg aus dieser Situation aussehen kann. Diese Unsicherheit setzt Menschen unter Druck. Verschwörungstheorien bieten gerade in Zeiten der Krise und Unsicherheit eine Möglichkeit, Ordnung ins Chaos zu bringen und eine einfache Lösung aus dem komplexen Problem zu ziehen. Viele nehmen die Erklärung für den Ursprung der Pandemie als unbefriedigend wahr. Es gibt keine Schuldigen, niemand, den man beschimpfen kann für die scheinbar nicht enden wollenden Einschränkungen im eigenen Leben.

Menschen wollen sich besonders fühlen. Deshalb hängt der Glaube an Verschwörungstheorien auch mit dem individuellen Bedürfnis nach Einzigartigkeit zusammen. Wenn ich an eine Verschörungstheorie glaube, dann weiß ich offensichtlich etwas, das andere nicht wissen. Ich bin der Masse voraus, hebe mich ab, bin klüger als alle anderen da draußen. Menschen wollen sich in der Kontrolle fühlen und sie wollen sich in Sicherheit wissen. All diese Bedürfnisse befriedigen Verschwörungstheorien.

Doch wie gehe ich nun mit Menschen um, die an Verschwörungstheorien glauben?

Was tue ich, wenn jemand aus meiner Familie oder meinem Freundeskreis glaubt, die Pandemie sei nur ein Vorwand, um uns allen mit der Impfung Chips einzupflanzen? Die Bundesregierung bietet dafür auf ihrer Website 4 einfache Tipps: Zuerst sollte man sich selbst gut informieren, um Verschwörungstheorien besser zu verstehen und sich gleichzeitig vor ihnen zu schützen. Auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung kann man sich beispielsweise gesicherte Informationen suchen. Anschließend ist es wichtig, ein persönliches Gespräch zu führen, nicht zu chatten und schon gar nicht im Familien-Gruppenchat zu diskuteren. Im Gespräch selbst ist es besonders hilfreich, offene Fragen zu stellen. Anders als die Gedanken des Gegenübers als Quatsch abzutun, führt dies meist dazu, dass der oder die Gesprächspertner*in, die eigenen Überzeugungen noch einmal reflektiert. Wenn jedoch alles nicht hilft, sollte man sich nicht scheuen, Hilfe zu rufen. Insbesondere dann, wenn Menschen sich selbst oder andere direkt gefährden.

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