Endliche Rohstoffe für eine unendliche Zeit – Über Cradle-to-Cradle Ökonomie und warum wir falsch bauen

Gepostet von

von Josephine

Wir verbrauchen sehr viel und wir wissen das auch. Jährlich wird der Overshoot Day definiert, der Tag, an dem die Bundesregierung so viele Ressourcen verbraucht hat, wie ihr entsprechend der Landesgröße zustehen würden. 2021 war dieser Tag am fünften Mai. Seit Mitte der 1970er Jahre übersteigt unser weltweiter Verbrauch die Ressourcen des Planeten, bei gleichbleibender Entwicklung benötigen wir ab 2050 eigentlich einen zweiten. Das Wissen darüber ist mittlerweile omnipräsent, trotzdem konsumieren wir weiter. Wir nutzen Ressourcen um Güter zu produzieren, die anschließend über kurz oder lang im Müll landen. Und klar, wir trennen fleißig, aber in Deutschland wird in bereinigten Daten nur 15,6% unseres Plastikmülls tatsächlich widerverwertet, der Rest wird verbrannt, in andere Länder exportiert oder landet im Meer. Und selbst der Teil, der recycelt wird, ist qualitativ häufig minderwertig zum Neukunststoff, sodass die Hersteller diesen weiterhin bevorzugen.

Lernen von der Natur

Unsere inflationäre Ressourcenverschwendung bei gleichzeitig scheinbar grenzenloser Müllproduktion gibt einigen Anlass zum schlechten Gewissen. Wir üben uns in Verzicht, recherchieren den minimalistischen Lebensstil, dabei müssen wir uns aber von der Einstellung lösen, dass unser Konsum etwas Negatives ist und nur durch unser Handeln diese Probleme entstanden sind. Das Fundament unserer heutigen Probleme ist die Etablierung der Wegwerfgesellschaft in den 50er Jahren mit dem Kunststoffboom. Technisch war es nun möglich, Kunststoffe in hoher Qualität und entsprechender Masse zu produzieren. Dadurch konnten die Hersteller:innen die ehemaligen, auf Haltbarkeit und Dauerhaftigkeit ausgelegten Verpackungen durch billige Kunststoffverpackungen ersetzen. Das reduziert zum einen stark das zu transportierende Gewicht, außerdem werden die Lieferketten deutlich vereinfacht, da die Verpackungen im Müll landen und vom Problem der Unternehmen zum Problem der öffentlichen Abfallentsorgung werden.

Einen Gegenentwurf zu dieser linearen Ressourcenverwertung haben bereits in den 1990er Jahren der Chemiker Michael Braungart und der Architekt William McDonough als sogenannte „Cradle-to-Cradle“ Ökonomie (sinngemäß: „vom Ursprung zum Ursprung“) entwickelt. Der Grundgedanke des Konzeptes entspricht den Kreisläufen in der Natur, in denen Abfallprodukte als Nährstoffe genutzt werden, um neue Strukturen aufzubauen. Ein anschauliches Sinnbild für diesen Kreislauf ist der Kirschbaum, der Blüten produziert, diese nach der Bestäubung abwirft und durch deren Kompost wieder neue Nährstoffe aufgenommen werden können. Überträgt man das zirkuläre Prinzip nun auf unsere Konsumgüter, müssen wir zwischen Verbrauchs- und Gebrauchsgegenständen unterscheiden. Verbrauchsgegenstände sind Artikel, die wie Blütenblätter wieder in den biologischen Kreislauf zurückführbar sein müssen und als Nahrung für neue Produkte dienen. Diese Verbrauchsgüter wären zum Beispiel unsere Verpackungen, Kleidung oder Putzmittel. Gebrauchsgüter dagegen zirkulieren in einem technischen Kreislauf und ihre Vorrausetzung ist, dass sie nach ihrer Nutzung einfach in ihre Ausgangsstoffe zerlegt werden können, aus denen neue Gebrauchsgüter (bspw. Elektrogeräte oder Baumaterialien) hergestellt werden können. In diesem Recyclingprozess darf jedoch kein Downcycling stattfinden, das bedeutet die Qualität muss erhalten bleiben.

Dieses Konzept ermöglicht es uns, Konsum und die Verantwortung neu zu definieren und zu verteilen. Die Hersteller:innen müssen Güter produzieren, die aus kreislauffähigen Materialien bestehen und anschließend kompostierbar oder widerverwendbar sind. Die Verantwortung der Entsorgung wird neu verteilt, da Unternehmen Geschäftsmodelle etablieren müssen, durch die sie die Materialien zur Widerverwendung zurückerhalten. Gleichzeitig ist der:die Konsument:in kein Schädling mehr, der mit jedem Kauf seinen ökologischen Fußabdruck vergrößert, sondern ein Nützling, der Teil eines Kreislaufs ist, diesen durch seinen Konsum nährt und „intelligente Verschwendung“ betreibt.

Ein Bereich, in dem Kreislaufwirtschaft bereits eine große Rolle spielt, die Umsetzung sich jedoch schwierig gestaltet, ist der Bausektor. Das Cradle-to-Cradle Prinzip sieht in diesem Bereich vor, Gebäude aus nachhaltigen Materialien zu bauen, die nach ihrer Nutzungsphase  sortenrein in ihre Rohstoffe zerlegt werden können und somit gleichzeitig als Wertanlage in Rohstoffe anstatt als Bauschutt gelten. Der Gedanke, unsere hohe Bauaktivität in Deutschland als menschengemachtes, anthropogenes Rohstofflager zu betrachten, ist nicht neu. Immerhin lagern wir schätzungsweise 51,7 Milliarden Tonnen (2010) Rohstoffe, wovon 55% auf den Bausektor entfallen und die theoretisch als Sekundärrohstoffe recycelt werden könnten (Urban Mining). Die Probleme beim Recycling ergeben sich im Nachhinein vor allem am hohen Aufwand der sortenreinen Trennung. Außenwände sind beispielsweise meistens mehrschichtig aus verschiedenen Dämmmaterialien, Trägerelementen und Fassadenelementen aufgebaut, die es zu sortieren gilt. Zusätzlich sind in die Innenwände noch häufig elektrische Leitungen und Abwasserrohre eingelassen, und unsere Mehrschichtparkettböden, die aufwendig mit der Fußbodenheizung verklebt wurden, ähneln eher einer Sondermülldeponie. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Vorschriften in Deutschland derzeit keine sortenreine Trennung vorsehen.

Nun kann man annehmen, dass diese Problematik vor allem unsere Bausünden aus der Nachkriegszeit betrifft. Beim genaueren Hinsehen wird aber deutlich, dass für den Großteil unserer modernen Neubauten auch kein Rückbaukonzept existiert, bzw. der Rückbau teilweise sogar noch erschwert wird. Beispielsweise wird die innerste Schicht unserer Außenwände heutzutage gern aus Porenbeton gebaut, da dieser Werkstoff mit hervorragenden statischen und energetischen Eigenschaften überzeugt. Eine hochwertige Widerverwertung ist derzeit nicht möglich, die Entsorgung stellt jedoch ebenso ein Problem dar, weil Porenbeton Gips enthält, dessen Sulfataustrag die Qualität mineralischer Bauschuttanteile mindert und daher nicht mit dem  mineralischen Mauerwerksgemisch mit entsorgt werden kann, sondern von diesem getrennt mit Gipsabfällen entsorgt werden muss.

„Die Genialität einer Konstruktion liegt in ihrer Einfachheit. Kompliziert bauen kann jeder“

Sergej Pawlowitsch Koroljow, sowjetischer Raketenkonstrukteur und Weltraumpionier

Wie können also unsere kreislauffähigen Häuser von morgen aussehen? Mit dieser Frage haben sich zwei Architekten beschäftigt und durch unterschiedliche Projekte herausgefunden, dass unsere zukünftigen Häuser so aussehen sollten, wie unsere Häuser von gestern. Entscheidend ist die Rückbesinnung auf regionale Baukulturen, die robuste Architektur mit multifunktionaler Nutzung, die nicht für fünfzig, sondern für hundert Jahre gebaut werden.

Der Münchner Florian Nagler hat in Bad Aibling drei Forschungshäuser mit dem Ziel errichtet, das Bauen möglichst einfach und langlebig zu gestalten. Entstanden sind kompakte Bauten mit sortenreinen Außenwänden – bereit zum Rückbau – und einer konsequenten Systemtrennung, was Reparaturen und das Austauschen von Bauteilen deutlich vereinfacht und die Langlebigkeit gewährleistet. Dieses System des einfachen Bauens hat der Architekt Dietmar Eberle in gewisser Weise radikalisiert und gleichzeitig unser Verständnis von Bauen hinterfragt und negiert. Wir bauen dünne Wände zu Baulandmaximierung, in die wir riesige Fenster einsetzen, die im Winter Energie verlieren und im Sommer viel Wärme aufnehmen. Diese Architektur führt zu einem völlig antizyklischen Raumklima, welches wir aufwändig und mit hohen Energieeinsatz durch technische Systeme kompensieren. Dabei entsteht durch Fehleinschätzungen des Nutzerverhaltens eine deutliche „Performance Gap“ zwischen geplanter und tatsächlicher Effizienz, da das Öffnen eines Fenster bereits ein Störfaktor darstellt. Dieser Absurdität stellt Dietmar Eberle das Bürogebäude „2226“ entgegen, welches keine Heizung, keine Kühlung und keine Lüftungsanlage besitzt. Anstatt dessen hat es 75 cm dicke, gut isolierende Ziegelwände mit maßvoll bemessenen Fensterflächen und Lüftungsklappen. Die thermische Trägheit der hohen Masse nimmt ähnlich wie in alten Kirchen im Sommer nur langsam Energie auf und hat daher einen kühlenden Effekt, während sie im Winter ihre Energie hält und an die Umgebung abgibt und kann so erwiesenermaßen die Raumtemperatur zwischen 22 und 26 Grad Celsius halten. Als Energielieferant dient die Abwärme der Menschen und der technischen Geräte und die Lüftungsklappen sorgen für eine gezielte Lüftung und gegebenenfalls Auskühlung. Und das wichtigste: Wettbewerbsfähige Baukosten bei geringen Lebenszykluskoste. Sprechen wir also über nachhaltiges und kreislauffähiges Bauen, sollten wir nicht nur unsere Materialien hinterfragen, sondern auch unsere Architektur, die einen enormen Beitrag zur Problemlösung leisten kann.

Weitere Informationen zum Thema gibt es unter anderem hier.

 

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