Stop the Hustle! – Wie die Hustle-Culture uns allen schadet

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Lasst uns über Business Motivation Instagram sprechen. Diese Subbubble der Feelgoodfluencer, in der ausschließlich Erfolgsgeschichten geschrieben werden. Aufgeben? Gibt es nicht. Scheitern? Schon, aber nur, um aus den gemachten Fehlern zu lernen und noch besser zu werden. Noch schneller, noch stärker, noch reicher, noch muskulöser, noch unantastbarer. Und wie schaffst du das? Durch Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit. Arbeit an deinem Körper, Arbeit an deinem Business, Arbeit an deinem Mindset.

Unter dem Hashtag #Businessmotivation findet man auf Instagram über 1 Million Beiträge. Sie sagen alle das gleiche aus: „The grind never stops.“ Mit dem „Grind“ ist die Arbeit am Arbeitsplatz gemeint. Maximale Produktivität ist das höchste Gut und wird über das Wohl der Arbeitenden gestellt. Man soll sich zu Überstunden verpflichten (die in den seltensten Fällen ausgezahlt werden), man darf sich nicht beschweren, denn harte Tage gehören zum „Grind“ dazu. Wenn es nicht wehtut, kann es nicht gut werden.

Wer nicht gerade an seinem Arbeitsplatz sitzt, von dem wird erwartet, dass er*sie an anderen Stellen weitermacht. Ins Gym gehen, den Körper stählen, am besten 5x die Woche für 2 Stunden. Einen neuen Skill lernen, vielleicht ein Instrument? Oder Rhetorik? Gut reden können wird sich sicher auszahlen, wenn man irgendwann ganz oben steht. Dann ein eigenes Unternehmen gründen. Man will schließlich nicht für alle Ewigkeiten im Angestelltenverhältnis geknechtet werden. Sein Geld investieren, sich am Aktienmarkt auskennen. Eine Familie gründen. Für seine Familie da sein. Gesunde Gerichten kochen, alles clean eating, alles frisch und selbstgemacht, denn Fertigessen ist nichts für „Hustler“.

Wo bleibt da noch Zeit für Schlaf? Für Freizeit? Für Freunde und Abenteuer? Und die wichtigste Frage von allen: Wo bleibt da noch Zeit für mich?

Life Advise: You can work a 9-5, run an online business, be an investor, own rental properties, have a familiy, etc. Don’t limit yourself!

@moneybusinessmoves

Die Hustle-Culture, wie die Idee des endlosen Arbeitens im Internet genannt wird, schadet uns allen. Sie schadet denjenigen, die sie verfolgen und sie schadet denjenigen, die es nicht tun. Die Huslte Culture baut einen sozialen Druck auf, noch mehr zu leisten, als man bereits tut und in manchen Fällen auch mehr, als man kann. Das Mindset, ständig arbeiten und sich selbst optimieren zu müssen kreirt eine Kultur von Materialismus, Neid und Unerfülltheit. Und es hat immense Effekte auf die physische und psychische Gesundheit.

Die Rolle von Stress auf unsere Gesundheit

Machen wir uns nichts vor, wer die Hustle-Culture lebt, leidet unter starkem Stress. Zahlreiche Studien haben seit mehreren Jahrzehnten den negativen Effekt von Stress auf unsere Gesundheit belegt. Ein Review aus dem Jahr 2016 fasst die häufigsten Befunde folgendermaßen zusammen:

Aus diesen Arbeiten geht hervor, dass Stress an der Entstehung, Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung verschiedener psychischer und physischer Gesundheitszustände beteiligt ist, darunter Asthma, rheumatoide Arthritis, Angststörungen, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Schmerzen, Humanes Immundefizienz-Virus/AIDS, Schlaganfall und bestimmte Arten von Krebs.

Übersetzt aus Slavich GM. Life Stress and Health: A Review of Conceptual Issues and Recent Findings. Teaching of Psychology. 2016;43(4):346-355. doi:10.1177/0098628316662768

Außerdem wurde Stress mit beschleunigter biologischer Alterung und vorzeitiger Sterblichkeit in Verbindung gebracht. Alles andere als rosige Aussichten. Nicht umsonst beschäftigt sich eine ganze Forschungs- und Berufsrichtung in der Psychologie damit, Stressoren am Arbeitsplatz zu reduzieren. Vor allem die Auswirkungen auf die mentale Gesundheit sind immens. In einer Welt, in der Produktivität über Menschenwohl gesetzt wird, fühlen sich viele Menschen wertlos. Sie gehen über ihre Grenzen, um der unrealistischen Idee gerecht zu werden und enden mit Burnout oder im schlimmsten Fall suizidal im Krankenhaus. Eine Umfrage von The Finery Report ergab, dass 83,8 % der Befragten Überstunden als normal ansehen, während 69,6 % zugaben, dass sie regelmäßig an Wochenenden arbeiten. Außerdem fühlten sich 60,8 % von ihnen schuldig, wenn sie keine Überstunden leisteten

Burnout wird von der WHO als „ein Syndrom, das als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz verstanden wird, der nicht erfolgreich bewältigt wurde“ definiert. Symptome des Burnouts sind anhaltende Müdigkeit, Leistungabfall, Rückzug und innere Leere. Die Freude am Alltag geht verloren, nichts macht mehr Spaß, alles ist anstrengend. Wo früher einmal Begeisterungsfähigkeit war, tritt Zynismus und schließlich Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ein. Jährlich erkranken etwa 4,2% der Deutschen an Burnout. Nach einer Erhebung der AOK sogar 6%. Damit hat sich die Diagnose in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Die „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS1), die das RKI im Rahmen des Gesundheitsmonitorings regelmäßig durchführt, legt außerdem nahe, dass die Burnout-Prävalenz mit zunehmenden sozioökonomischen Status ansteigt – in anderen Worten: je reicher du wirst, desto höher steigt deine Wahrscheinlichkeit an einem Burnout zu erkranken.

Wir sind nicht produktiver, wenn wir mehr arbeiten

Die Idee, dass der Zusammenhang zwischen Produktivität und Arbeitszeit linear sei, ist ein Trugschluss und wird vor allem auf Twitter von Persönlichkeiten wie Elon Musk und anderen Ikonen der Businesswelt verbreitet. Elon Musk twitterte beispielsweise, dass man etwa 80-100 Stunden pro Woche arbeiten müsse, um die Welt zu verändern. Ross Simmonds, Gründer von Foundation, einer Marketing Agentur sagte wörtlich: „The hustle brings the Dollar“. Doch das ist nicht wahr. Tatsächlich belegen Studien, dass eine Reduktion der Stressbelastung (unter anderem durch Reduktion der Arbeitszeit) zu erhöhter Produktivität führt. Es klingt wie ein Paradoxon, ist aber wahr. Unser Gehirn braucht Pausen, um kreativ zu sein. Unser Körper braucht Ruhe und unser Herz braucht ab und an mal einen schönen Abend mit Freunden, an denen man gemeinsam über den blöden Chef oder die blöde Chefin lachen kann.

Dies ist auch einer der Gründe dafür, warum einige Länder bereits überlegen, eine Vier-Tage-Woche einzuführen. Beispielsweise in Island. Dort fielen die Ergebnisse nach einem Probelauf der Vier-Tage-Woche positiv aus. Die Beschäftigten berichteten weniger Stress und hatten gleichzeitig mehr Zeit für Familie, Hobbies und Freizeitaktivitäten. Auch aus anderen Gründen ist die Vier-Tage-Woche längst mehr als eine Überlegung wert. Durch die Emanzipation der Frau arbeiten heute auch viele Frauen eine Vollzeit 40-Stunden Woche. Doch wenn beide Partner von früh bis spät arbeiten, wer soll dann noch den Haushalt übernehmen? Leider bleibt diese Aufgabe auch heute noch oft an der Frau hängen – trotz 40-Stunden Woche. Eine Vier-Tage-Woche als „Norm“, wäre in unserem Jahrhundert viel angebrachter. So haben beide Partner noch etwa 5-10 Stunden Zeit für den Haushalt, was zu einer fairen Verteilung der Aufgaben und einer Stressreduktion inbesondere für die Frauen führen würde.

„All the hustle, early mornings, late nights and missed parties wil pay off one day.“ Ja, das werden sie, in der Form von depressiven Mittvierzigern, die auf ihrer ersten Million sitzen, in schickem Haus mit teurem Auto, doch ohne Erinnerungen. Woran erinnerst du dich an deinem Sterbebett, wenn du nur „verpasste Parties“ erlebt hast? Wenn keine deiner Freunde da sind, um dich gesund zu pflegen, weil du ihren Einladungen nicht gefolgt bist? Business Influencer haben dafür eine scheinbar einfache Erklärung: „You are gonna lose a lot of friends when you get serious about your life goals. that’s why a Bugatti has 2 seats and a bus has 30“. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Anzahl meiner Freunde nicht der Grund ist, warum ein Bus 30 Sitze hat. Kommt auf den Boden der Tatsachen! Vielleicht täte es den „Hustlern“ ganz gut, ab und zu mal wieder mit dem Bus zu fahren. Vielleicht rückt ein Blick aus dem Busfenster die Perspektive zurecht. Wir müssen uns nicht schuldig fühlen, wenn wir von Zeit zu Zeit mal Nichts tun. Der „Hustle“ ist nicht das einzige, wonach der Wert eines Menschen bemessen werden sollte. Jeder Mensch ist wertvoll – und das ganz unabhängig davon, wie viel er oder sie leistet.

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