Grün muss man sich leisten können!?

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Die neue Bundesregierung ist mittlerweile seit 2 Monaten im Amt und wie von vielen Gegnern der Grünen-Partei befürchtet wird gerade alles teurer. Die CO2 Steuer stieg zum Jahresanfang von 25 auf 30€. Cem Özdemir, der neue Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, erklärte in einem Interview mit der BILD am Sonntag: „Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima. Das will ich ändern.“ Und zu allem Überfluss explodieren gerade die Energiekosten, denn laut dem Statistischem Bundesamt haben sich die Preise für Heizöl und Kraftstoffe innerhalb eines Jahres um mehr als ein Drittel erhöht.

Können wir uns also die Pläne der Ampelkoalition leisten? Können wir uns Grün leisten? Muss man sich Grün überhaupt leisten können?

Der Begriff „Grün muss man sich leisten können“ ist in den letzten Jahren ein Kampfbegriff der rechts-konservativen Szene geworden. So twitterte beispielsweise Friedrich Merz, der neue Fraktionsvorsitzende der CDU, während des Bundestagswahlkampfes im letzten Sommer noch ganz optimistisch:

Die Ergebnisse der Bundestagswahl belehrten ihn wahrscheinlich eines Besseren.

Tatsächlich sind Umfragen zufolge fast 2/3 der Deutschen bereit mehr Geld für nachhaltigere Produkte auszugeben. Das klingt nicht nach einer Minderheit aus dem „wohlhabenden Großstadtmilieu“.

Allerdings bedeuten diese Ergebnisse auch, dass rund 1/3 nicht freiwillig mehr Geld ausgeben wollen oder können. Die Äußerungen von Cem Özdemir wurden auch innerhalb seiner Partei scharf kritisiert, besonders in Hinblick darauf, dass steigende Lebensmittelpreise besonders ärmere Menschen belasten würden.

Wieso geht die Politik der Grünen denn überhaupt immer wieder mit Verteuerungen einher, die scheinbar nicht mit sozialpolitischen Ideen vereinbar sind?

Die grundlegende Idee hinter Maßnahmen, die den Konsum von Lebensmitteln oder den Verbrauch von CO2 verteuern, ist eigentlich sehr gut. Um gesamtgesellschaftliche Verhaltensänderungen hin zu einem nachhaltigeren Ideal anzustoßen, ist es psychologisch gesehen besonders günstig dieses Ideal so bequem wie möglich zu machen. Nachhaltig Leben sollte der „Default“ werden und Verhaltensalternativen, die Umwelt und Klima schädigen, sollten sich einfach nicht lohnen.

Eine kleine, aber geniale Umsetzung dieser Idee habe ich selbst einmal in einer Jugendherberge erlebt. Jeden Mittag gab es dort warme Speisen, die zum Tisch gebracht wurden. In der Mitte des Essenssaals war eine Theke aufgebaut, auf der alternative Gerichte, beispielsweise für Menschen mit Unverträglichkeiten, angeboten wurden. Neben glutenfreiem und veganem Essen, wurde ausschließlich in der Mitte des Saals Fleisch angeboten. Zu den Tischen wurden vegetarische Gerichte gebracht. Hier war also der Default vegetarisches Essen. Fleisch wurde nicht verboten, allerdings aßen die Personen, die keine Vegetarier:innen waren, in den zwei Wochen, in denen wir in der Jugendherberge waren, viel weniger Fleisch als üblich. Es war viel einfacher und angenehmer die Gerichte zu essen, die eh schon auf dem Tisch standen, als aufzustehen und sich eine fleischige Alternative zu holen.

Eine ähnliche Idee verfolgt auch die CO2-Steuer. Sie soll Anreize für einen neuen Default schaffen, es soll sich für Unternehmen einfach nicht mehr lohnen, klimaschädlich zu wirtschaften. Allerdings ist die „Bestrafung“ von klimaschädlichem Verhalten nur ein Aspekt um den Default zu ändern. Es müssen auch einfache Verhaltensalternativen angeboten werden. Es reicht also nicht das Fleisch weit weg von den Konsument:innen zu stellen. Es muss auch ein vegetarisches Angebot direkt vor den Nasen stehen, damit sich der weite Weg zum Fleisch nicht mehr lohnt. Und genau daran fehlt es gerade.
Damit die teureren Spritkosten auch tatsächlich dazu führen, dass mehr Menschen auf Fahrräder oder öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, müssen die Strukturen dafür ausgebaut werden. Leider ist der Aufbau von nachhaltigerer Infrastruktur ein viel langsamerer Prozess, als die Bepreisung von CO2.

Doch auch Abseits von klimapolitischen Entscheidungen ist ein nachhaltiger Lebensstil (scheinbar) teurer. Die in der EU namensrechtlich geschützten Bio-Lebensmittel kosten gemäß einer Studie des AMI-Verbraucherpreisspiegels aus dem Jahr 2020 zwischen 27 bis 175 Prozent mehr als konventionelle Produkte. Immerhin kann man sich sicher sein, dass Lebensmittel, die als „biologisch“ oder „ökologisch“ beworben werden, tatsächlich bestimmten Standards entsprechen müssen. Das gilt allerdings nicht für alle anderen Produkte. Verbraucher:innen, die beispielsweise Naturkosmetik kaufen wollen, sollten dabei nicht auf aufgedruckte Werbeversprechen achten. Viele Firmen entdecken gerade die steigende Nachfrage an nachhaltigen Produkten für sich und nutzen fehlleitende Werbeaussagen, um die Preise ihrer Produkte und deren Absatz zu steigern. Anders als bei Lebensmitteln schützt weder die EU noch die Bundesregierung Konsument:innen vor solchen Schwindeleien. Sie werden alleine gelassen und tragen selbst die Verantwortung dafür Inhaltsstoffe genau unter die Lupe zunehmen und jeden Aufdruck kritisch zu hinterfragen. In dieser Hinsicht ist nachhaltiger Konsum also nicht die bequemste Verhaltensweise.

Die neue Bundesregierung hat also noch eine Menge Baustellen zu beseitigen, bis nachhaltiges Leben der Default der deutschen Gesellschaft werden kann. Doch auch wenn teure Bio-Produkte und steigende Energiekosten den Anschein machen, dass „Grün“ ein Privileg der gehobeneren Bevölkerungsschichten ist, sollten wir uns davon nicht täuschen lassen. Nachhaltig Leben bedeutet bewusst und vor allem weniger zu konsumieren. Es bedeutet, sich nicht jedes Jahr zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter mit den neusten Kollektionen von fast fashion Labels einzudecken, sondern sich Kleidung zu kaufen, die zeitlos sein kann. Es bedeutet auch, weniger Besitzansprüche zu stellen, also Dinge zu tauschen oder zu leihen. Nachhaltigkeit bedeutet, freiwillig verzichten zu können und nicht die gesamte Erde mit den eigenen Augen gesehen haben zu müssen. Diese Einstellungen kann uns die Politik nicht vorgeben. Wir müssen sie selbst übernehmen. Das bedeutet, dass es in unserer Hand liegt. Natürlich können wir unsere CO2-Fußabdrücke nicht von jetzt auf gleich auf 0 runterbekommen. Wenn jede:r von uns anfängt, seine eigenen Kaufentscheidungen und sein eigenes Verhalten zu überdenken, dann ist schon ein sehr großer Schritt in Richtung Umwelt- und Klimaschutz getan.

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