Arbeiten für ein Häkchen im Lebenslauf – unbezahlte Praktika

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Ich weiß gar nicht genau wo ich hier bin. Die Straße kenne ich doch – ist das da unten etwa meine Wohnung? Die Sonne auf meiner Haut fühlt sich gut an, aber was machen eigentlich die ganzen Wolken hier? Achso! Ich kann fliegen! Das ist ja cool! Dann fliege ich mal schnell… -RRRIINNG, RRRIINNG-

Oh, das war wohl mein Wecker. Ich muss geträumt haben. Leider kann ich nicht fliegen und es ist auch nicht sonnig draußen. Genauer gesagt ist es Winter, es ist ziemlich kalt und die Sonne habe ich auch seit ein paar Tagen, vielleicht auch Wochen nicht mehr gesehen. Es ist Montagmorgen und obwohl ich jetzt gerne im Bett liegen bleiben würde, muss ich leider aufstehen. Denn ich muss zur Arbeit und ohne mich kommen meine Kolleg:innen heute ganz schön unter Druck.

Dies alles hört sich nach einem sehr normalen Montagmorgen an, wie ihn wahrscheinlich die Mehrheit der Deutschen etwa 50 mal im Jahr erlebt. Morgens aufstehen, arbeiten gehen, abends wiederkommen, am Wochenende frei haben und sich am Ende des Monats über das Gehalt freuen. Doch ganz so ist es bei mir nicht. Denn eigentlich studiere ich noch und ich arbeite momentan, ohne dafür entlohnt zu werden. Dies mag beim ersten Lesen vielleicht merkwürdig erscheinen, doch geht es vielen jungen Menschen in Deutschland ähnlich.

Die Rede ist von unbezahlten Praktika. Laut einer Studie des deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und der Hans-Böckler-Stiftung machen rund zwei Drittel aller Studierenden während ihrer Studienzeit mindestens ein Praktikum, etwa 15 bis 30 Prozent sogar auch noch eins nach dem Abschluss. Ganze 40 Prozent der Praktika sind laut der DGB-Studie unbezahlt. Diese Zahlen spiegeln ein Lebensgefühl wider, welches oft mit dem Namen Generation Praktikum beschrieben wird. Denn wenn man selbst nicht auch Praktika annimmt, die nur schlecht oder gar nicht bezahlt werden, gibt es genügend andere, die diese Stellen besetzten – mit Kusshand. Zu groß ist die Angst bei jungen Menschen vor Lücken im Lebenslauf, zu hoch sind oft die Anforderungen an Berufseinsteiger:innen.

Und gerade weil unbezahlte Praktika in der Gesellschaft so üblich sind, kommt man leicht in Versuchung sich selbst zu besänftigen und sich einzureden: Es sei doch nicht so schlimm. Es käme vor allem darauf an etwas zu lernen und es sei ja bald auch wieder vorbei.

Ähnliche Begründungen kommen oft auch seitens der Unternehmen, welche unbezahlte Praktika anbieten. Denn bei diesen Praktika stehe die Ausbildung der Praktikant:innen im Vordergrund. Das bedeute nun mal auch Mehrarbeit für die Unternehmen. Eine Bezahlung sei da unverhältnismäßig, heißt es oft.

Und tatsächlich – der Gesetzestext gibt den Unternehmen recht. Darin wird nämlich nach freiwilligen Praktika und so genannten Pflichtpraktika unterschieden. Während freiwillige Praktika seit 2015 mit dem Mindestlohn vergütet werden müssen, haben Absolvent:innen eines Pflichtpraktikums weder Anspruch auf Vergütung noch auf Urlaub. Leider sind letztere Pflichtpraktika, wie der Name schon suggeriert, häufig verpflichtender Teil des Studiums und für einen erfolgreichen Abschluss unumgänglich.

Natürlich stimmt es, dass der Lernaspekt bei diesen Praktika im Vordergrund stehen sollte. Doch leider liegt die Wahrheit oft im Konjunktiv versteckt. Die Erfahrungen von mir und meinen Kommiliton:innen zeigen mir: Praktikant:innen sind für die Praktikumsstellen oft nur kostengünstige Vollzeitkräfte, ohne deren Arbeit es oft nicht laufen würde. Und tatsächlich wurde mir genau dies in meinen beiden unbezahlten Praktika während des Studiums seitens der Praktikumsstelle offen gesagt. Was wohl nett gemeint war und meine Arbeit wertschätzen sollte, hinterlässt bei mir jedoch einen ganz schön faden Beigeschmack.

Es scheint so, als würde den Praktikumsstellen der Ansporn fehlen, etwas an der Situation zu ändern. Eine gute Anleitung scheint nicht lukrativ zu sein und eher den Status einer Gefälligkeit als den einer Pflicht zu haben. Denn gerade in Ballungsgebieten ist der Ansturm auf die Praktikumsstellen ohnehin groß genug. Ich selbst wohne in Münster und musste mich mehr als ein Jahr im Voraus bewerben, um gute Chancen auf einen (unbezahlten) Praktikumsplatz zu haben.

Doch nicht nur mein persönliches Pech einer schlechten Anleitung und der fehlenden Bezahlung macht mich traurig. Es gibt noch eine andere Dimension, eine gesellschaftlich viel relevantere Dimension dieses Problems. Ich habe das Glück einen gut bezahlten Nebenjob zu haben, bei dem ich in Praktikumsphasen unbezahlten Urlaub nehmen kann und trotzdem einigermaßen über die Runden komme. Doch es gibt auch Menschen, die dieses Glück nicht haben und die Nebenjobs kündigen müssen, um sich Praktika zeitlich leisten zu können. Ohne diese Einkünfte sind Menschen dann häufig abhängig von ihren Eltern.

Doch was machen die Menschen, bei denen auch die Eltern nicht das Geld haben, beispielsweise die Monatsmiete für die Zeit des Praktikums zu übernehmen? Eltern zu haben, die sich die prekären Bildungsverhältnisse ihrer Kinder leisten können, wird so nicht nur zu einem Privileg, sondern vielmehr zu einer Qualifikation. Denn an staatlichen Unterstützungsmöglichkeiten mangelt es. Angebote, die über das BAföG hinausgehen, wie etwa Stipendien oder Kredite, sind Menschen mit geringem sozioökonomischem Status oft nicht vertraut oder zugänglich.

Die Verantwortung für dieses Problem liegt also nicht nur bei den Unternehmen selbst. Denn solange es gesetzlich erlaubt ist, unbezahlte Praktika anzubieten, fehlt den Unternehmen der Anreiz dafür, Pflichtpraktika zu entlohnen. Es braucht daher ein Gesetz, welches unbezahlte Praktika gänzlich verbietet. Und bis ein solches Gesetz in Kraft getreten ist, sollte es jedem Menschen in Deutschland durch staatliche Hilfe möglich gemacht werden, auf dem hart umkämpften Praktikumsmarkt unter fairen Bedingungen miteinander zu konkurrieren.

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