Worte als Waffen – wie mit Informationen Kriege geführt werden

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Am 24. Februar wachte Europa zu erschreckenden Nachrichten auf: Putin hatte in der Nacht einen Angriffskrieg auf die Ukraine gestartet und damit einen Krieg vom Zaun gebrochen, die zahlreiche Expert*innen am Tag zuvor noch für unmöglich hielten. Immerzu hieß es: Putin würde niemals einen wirklichen Angriff wagen, zu groß sei die Angst vor den (möglichen) geballten Kräften der NATO. Und doch schlugen in der Nacht zum 24. Februar Raketen in mehreren größeren Städten der Ukraine ein und hinterließen Zerstörung, Sprachlosigkeit und eine halbe Million Menschen auf der Flucht. In den sozialen Medien breitete sich schnell Anteilnahme aus – Nachrichten wurden geteilt und Links zu Spendenaufrufen von Hilfsorganisationen gepostet. Doch schnell wurde neben Hilfsbereitschaft und Fassungslosigkeit noch etwas anderes deutlich: Falschinformationen machten schneller die Runde als unabhängige Journalist*innen hinsehen konnten.

In einem Krieg in unserer moderenen Welt darf die Macht von Worten nicht unterschätzt werden. Informationen sind im 21. Jahrhundert zu einer der wichtigsten Kriegswaffen geworden, der sich autoritäre Regieme nur zu gerne bedienen. Der sogenannte Informationskrieg, Infokrieg, infowar oder information warfare ist ein Begriff, welcher die gezielte Nutzung und Manipulation von Informationen zur Schädigung von Konkurrenten beschreibt. Dazu gehören sowohl die Beeinflussung der Medien durch gezielte Streuung von Falsch- oder Teilinformationen, als auch die Propaganda. Hierbei muss jedoch unterschieden werden: Bei der Propaganda werden gezielte Aktionen, die das Regime gut dastehen lassen, herausgegriffen und überbetont, wohingegen es bei es sich bei Desinformation um die Teilung von Fake News handelt. Die Inhalte der Propaganda können also wirklich stattgefunden haben, die der Desinformation hingegen nicht.

Krieg im Internet

Da sich heute ein Großteil des öffentlichen Meinungsaustauschs im Internet abspielt, ist der Informationskrieg mittlerweile auch eine Form des Cyberkriegs. Dies bietet vor allem in sozialen Medien großes Potential für Angreifer*innen. Immer häufiger werden ganze Bot-Armeen genutzt, um Kommentarspalten mit Falschinformationen (oder teilweise auch irrelevanten Beiträgen) zu überschwemmen. Das Ziel hierbei ist: Die gegensätzliche Meinung muss nicht zum Schweigen gebracht werden, wenn sie einfach in einem Meer aus Müll untergeht. Ein prominentes Beispiel dafür ließ sich in der Zeit vor der Wahl Donald Trumps zum US Präsidenten beobachten: Die in St. Petersburg ansässige Research Agency eröffnete tausende „amerikanisch“ wirkende Falschprofile, die ausnahmslos Donald Trump favorisierten und deren Tweets eine erstaunliche Reichweite erlangten. Fast alle großen Medienhäuser griffen im Laufe der Wahl mindestens einmal solche Fake Tweets der russischen Bots als Beispiel für die Stimmung unter den amerikanischen Wähler*innen auf.

In den Cyberkrieg steigen auch vermehrt Aktivisti*innen wie die Gruppe Anonymous ein. Laut Angaben des unorganisierten Kollektivs sei es gelungen, den russischen Propagandasender RT, die Website des Energiekonzerns Gazprom, sowie weitere regierungsfreundliche Medien zeitweise unerreichbar zu machen. Unabhängig prüfen lassen sich diese Behauptungen kaum. Auch ist nicht klar, wie sehr die Angriffe Putin wirklich schaden werden. Ein Beispiel für einen von Anonymous verbreiteten Aufruf ist die Verbreitung von Putin-kritischen Kommentaren in den Bewertungen von Restaurants und Cafés in Russland: „Das Essen ist großartig, doch durch den Einmarsch in die Ukraine verdorben. Glauben Sie nicht der falschen Staatspropaganda, die von den Medien verbreitet wird.“ Vorsicht muss jedoch geboten sein, die sogenannten DDoS-Angriffe, die Webseiten zeitweise in die Unerreichbarkeit schicken, können unbeteiligten Menschen das Leben schwer machen oder Journalist*innen an der Sammlung wichtiger Informationen hindern.

Ebenfalls unter die Methoden des Informationskrieges fällt die Sabotage von Kommunikationssystemen wie Sendemasten, Fernsehstudios, die Nutzung von Sendestationen für die Verbreitung eigener Programme. Auch der Wertpapierhandel ist sehr anfällig für Falschinformationen. Die Handlungen der Aktionär*innen sind stets vom aktuellen Weltgeschehen beeinflusst – gerät Beispielsweise eine Falschinformation über einen Angriff auf eine Ölförderstation an die Öffentlichkeit, verkaufen professionelle Anleger*innen rasant ihre betroffenen Aktien, was den Kurs fallen und Amateure in Panik geraten lässt. Diese gezielte Streuung von Gerüchten ist ein krimineller Eingriff in die Börsengeschäfte, doch leider durch die heutige Informationstechnik extrem erleichtert worden.

Informationskriege sind kein Phänomen des digitalen Zeitalters

Wir meinen heute fälschlicherweise oft, der Informationskrieg sei ein relativ neues Phänomen. Tasächlich finden sich seine Anfänge jedoch schon im ersten Weltkrieg. Im Jahr 1866 wurde nach dem dritten Versuch endlich erfolgreich das berühmte Unterseekabel verlegt, welches Nordamerika mit dem Vereinigten Königreich verband. Was als Hoffnungsträger einer neuen, friedlichen Welt begonnen hatte, stellte sich jedoch schon bald als zweischneidiges Schwert heraus: Das weltumpsannende Kabel war entgegen aller Erwartungen kein kommunikatives Allheilmittel für interkontinentale politische Spannungen. Zwar konnten nun schneller und zuverlässiger Informationen ausgetauscht werden, jedoch markierte das Kabel gleich zu Kriegsbeginn 1914 die Anfänge der Informationskriege. Großbritannien schnitt die meisten Unterseekabel zwischen Deutschland und dem Rest der Welt durch, worauf die Deutschen 1915 und 1917 wiederum alle britischen Kabel mit Ausnnahme des transatlantischen durchtrennten. Daran hängten sie eine Botschaft für die Norweger*innen, die das Kabel reparieren mussten: „Keine weiteren Reuters-Lügen auf dieser Linie! Von einem ‚Hunnen‘ und einem ‚Piraten‘.“ Reuters war eine damalige Nachrichtenagentur, die zu dieser Zeit eine ähnliche Macht wie Facebook und Google heute besaß.

Wer die Nachrichtenagenturen kontrolliert, kontrolliert die Informationen

Nachrichtenagenturen waren zu der Zeit, da sich die wenigsten Zeitungen Auslandskorrespondent*innen leisten konnten, die Torwächter, die jeglichen Informationsfluss kontrollierten. Und sie sind es in manchen Ländern auch heute noch. Besonders für autoritäre Regieme sind die unverzichtbar. Die kommunistische Partei Chinas nutzt seit 1958 China Central Television als ihr Sprachrohr. Das kleine Golf-Emirat Katar finanziert den Nachrichtenkanal Al-Daschasira, dessen Unabhängigkeit vom katarischen Staat oft infrage gestellt wird und inbesondere dem Nachbarstaat Saudi-Arabien ein Dorn im Auge ist. Auch der Kreml bringt in Russland immer mehr freie Sender zum Schweigen und ersetzt sie durch Staatsmedien. Beispiele dafür sind der russische Propagandasender RT, der eine Mischung aus obskuren Theorien, gezeilter Falschinformation und Manipulation verbreitet und gemeinsam mit dem Sender Sputnik seit dem 1. März in der EU verboten ist.

Kürzlich erst wurden die Sender Doschd und Echo Moskwy, zwei wichtige regierungskrtische Sender, vom Kreml abgeschaltet. Stattdessen berichten die Staatsmedien über Sonderoperationen im Donbas, über die angebliche Entnazifizierung der Ukraine, Angriffe ukrainischer Soldaten und stellen die NATO als einziger Aggressor in diesem komplexen Konflikt dar.

Putin möchte damit vor allem sein eigenes Volk erreichen. Er benutzt gerne das Wort „Informationskrieg“, um seine eigenen Falschdarstellungen zu legitimieren. Die NATO soll als Aggressor dastehen, damit ein Anschein von Notwehr erweckt wird und der Angriffskrieg gerechtfertigt werden kann. Doch die Falschinformationen bleiben nicht lange im eigenen Land. Dank Facebook, Twitter und Telegram erreichen sie leicht recht und linke Verschwörungestheoretiker*innen. Diese befiden sich ohnehin schon in einer Filterblase, die ihnen hauptsächlich Informationen und Meinungen, die gegen ihre eigene demokratische Regierung sprechen, anzeigt.

Ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist

Doch was kann man dagegen tun? Informationskriege sind für Demokratien leider nicht zu gewinnen, sagt Ralf Rotte, Professor für internationale Beziehungen an der RWTH Aachen. Anders als Autokratien haben Demokratien nicht die Voraussetzungen um missliebige Informationen zu unterdrücken. Insbesondere da viele unabhängige Medien im Krisengebit abgeschaltet wurden, ist eine Prüfung der Fakten durch westliche Journalist*innen kaum bis gar nicht möglich. Demokratien sind anfällig für Desinformationen. Aus demokratischer Sicht ist das wichtig und sinnvoll, im Informationskrieg jedoch eine „strukturelle Schwäche der Demokratie“. Daher liegt es an jedem von uns, jede Information so gut es geht zu prüfen, bevor wir sie weitergeben, nur gesicherte Informationen zu teilen und sich bewusst von propagandistischen Staatsmedien wie RT und Sputnik fernzuhalten.

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