Wie die Pandemie soziale Phobien fördert

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Ein Kommentar über das Alleinsein-Wollen auch nach dem Lockdown.

„Wie geht’s dir?!“ – Auf diese Frage ehrlich zu antworten ist gar nicht so einfach. Vielleicht nicht unbedingt, weil die Worte fehlen. Sondern weil es im Kopf zu viele Mauern gibt, die ein ehrliches Beantworten dieser Frage unmöglich machen. 

Wie geht es dir, mir und uns allen? Schlechter, wenn wir Nachrichten lesen oder den aktuellen News-Podcast einschalten. Allein ein Blick auf Instagram oder Twitter: Da sind die furchtbaren Nachrichten aus der Ukraine, Corona-Zahlen und Klima-Prognosen. Aber wie kommunizieren, was das mit uns macht, wenn gar nicht wirklich klar ist, was in uns vorgeht?

Zum Beispiel die Corona-Pandemie: Was haben die Lockdowns, die Isolation und die ständigen Nachrichten über Impfgegner:innen und Intensivstationen in uns angerichtet? Die 2021 veröffentlichte Meta-Analyse der Globalization and Health verzeichnet jedenfalls einen Anstieg vor allem von Angststörungen und Depressionen. 

Wer zuvor schon eine zwanghafte Angst vor Keimen und eine gestörte Neigung zum Händewaschen hatte, wird diese während der Pandemie mit Sicherheit nicht abgelegt haben. Nicht zu unterschätzen sind aber auch die Symptome, die erst während der letzten zwei Jahre entstanden sind. Die „Wenn-Corona-vorbei-ist-geht-das-Leben-wieder-richtig-los“-Mentalität hat sich nämlich nicht in uns allen gehalten. Zu sehr gewachsen sind Sorgen und „Was-wäre-wenn“-Gedanken.

Plötzlich ist es beängstigend, die Freund:innen des neuen Partners oder der neuen Partnerin kennenzulernen. Was, wenn sie mich nicht mögen sollten? Wäre es nicht viel angenehmer zu zweit einen gemütlichen Film-Abend im sicheren Heim zu veranstalten? Ähnlich verhält es sich mit einem Gang in eine Bar oder gar einen Club. Dicht gedrängt in einem schlecht beleuchteten und stickigen Raum voller zu lauter Musik, wie schrecklich. Schnell unter die Bettdecke!

Und so bleibt doch alles, als gelte der Lockdown noch. Das kann sehr belastend sein. Auch wenn soziale Interaktion eigentlich vermisst wird: Wo ist nur das alte extrovertierte Ich geblieben? 

Zunächst gilt: Dass Clubs wieder öffnen und sich wieder mehr Menschen treffen können, ist die Veränderung eines langanhaltenden Zustands. Dass so etwas nicht jeder und jedem leichtfällt, ist klar. Wieder mehr Menschen um sich zu haben ist Gewöhnungssache und sich nicht sofort wohlzufühlen normal.

Oder in den Worten des Psychiaters und Stressforschers Mazda Adli von der Charité in Berlin: „Es gibt Menschen – und das sind nicht wenige –, die sich gestresst fühlen, wenn sie jetzt vor vollen Biergärten oder Restaurants stehen. Das erfordert von uns eine aktive Anpassungsleistung.“ Ein eigenes Tempo sei hierbei völlig in Ordnung.

Wenn es aber auch in eigener Geschwindigkeit nicht richtig funktioniert, kann es nötig sein, sich nach professioneller Hilfe umzusehen. Die gibt es zum Beispiel in den Bereichen der Agoraphobie (also der Angst vor Menschenansammlungen wie in einem Club) oder der sozialen Phobie (der Angst vor sozialer Interaktion, zum Beispiel beim Kennenlernen der Freund:innen der neuen Partnerin oder des neuen Partners). Laut Adli können sich diese Phobien mit andauerndem Rückzug zu Hause immer weiter verschlimmern.

Angstgefühle sind eigentlich völlig normal und wichtig. Sie zeigen dem Körper, welche Situationen er zu seinem eigenen Schutz vermeiden sollte. Von einer Angststörung spricht man dann, wenn die Angstgefühle unangemessen stark und in den falschen Situationen auftreten. Also in Situationen, in denen faktisch gar keine Gefahr besteht. Nur ist es oft nicht einfach dem Gehirn klarzumachen, dass es eigentlich in Sicherheit ist. Manchmal geht es nicht ohne professionelle Hilfe.

Hilfreich kann es aber schon sein, die Angst in der akuten Situation überhaupt zu kommunizieren. Also dem Partner oder der Partnerin mitzuteilen, dass es schwerfällt, die Freund:innen kennenzulernen. So kann möglicherweise ein Kompromiss gefunden werden. Oder man fühlt sich der Angst zumindest weniger ausgeliefert, sobald man nicht mehr ganz allein damit ist.

Auf die Frage „Wie geht es dir?!“ auch mal ganz ehrlich zu antworten kann also für Erleichterung sorgen. Und wer weiß: Sich aus der Pandemie wieder herauszugewöhnen könnte womöglich irgendwann genauso leicht sein, wie sich in sie hineinzugewöhnt zu haben.

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