Wenn das Regal im Supermarkt leer ist – ein psychologischer Blick auf Hamsterkäufe

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Als ich die Schlagzeile am Morgen in der Bahn las, konnte ich es erst selbst nicht glauben: Deutsche hamstern Sonnenblumenöl – Speiseöl wird in den Supermärkten knapp. Das konnte nur ein schlechter Scherz sein. Hatten wir denn aus den Toilettenpapier-Panikkäufen von vor zwei Jahren wirklich gar nichts gelernt? Doch schon am späten Nachmittag stand ich im Edeka und musste feststellen, dass die Zeitungen Recht gehabt hatten. Im Regal, das normalerweise mit Speiseöl der verschiedensten Marken gefüllt war, konnte ich nun die Bodenplatte sehen. Im nächsten Supermarkt sah es nicht anders aus und auch im dritten konnte ich kein Speiseöl erwerben (und ich brauchte es wirklich!). Kurze Zeit später schrieb mir eine Freundin: Sie hatte einen Geburtstagskuchen für ihren Freund backen wollen, doch auch Mehl und Zucker waren restlos ausverkauft.

Wie kann es sein, dass es im Angesicht der kleinsten Vorahnung einer möglichen Verknappung zu Hamsterkäufen dieses Ausmaßes kommt? Im Falle des Öls liegt der rationale Grund im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Deutschland selbst produziert nur 6% seines Sonnenblumenölbedarfs selbst, der Rest wird mit Importen gedeckt. Davon kommen 51% aus der Ukraine und 27% aus Russland. Doch auch schon zuvor waren Preisanstiege an der Sonnenblumenölfront spürbar. Schuld daran hatten eine Missernte in Kanada und coronabedingte Logistikprobleme. Hinzu kam die Verbreitung der Idee in sozialen Netzwerken, im Angesicht der steigenden Dieselpreise, Sonnenblumen- und Rapsöl in den Fahrzeugtank zu füllen. Das funktioniert allerdings nicht, da es sich bei Diesel zwar prinzipiell im Öl handelt, das auch pflanzlich hergestellt werden kann, es jedoch um weitere chemische Komponenten ergänzt wird, um an den Verwendungszweck – das Vorantreiben eine Kraftfahrzeugs – angepasst zu werden. Wer Pflanzenöl in seinen Tank füllt, verkürzt nicht nur die Lebensdauer des Motors und handelt sich unerwünschte Ablagerungen in Filtern und Leitungen ein, sondern verliert auch die Herstellergarantie des Fahrzeugs und begeht obendrein noch Steuerbetrug.

Man könnte Hamsterkäufe also einfach auf die Dummheit der Menschen schieben, die falschen Informationen Glauben schenken und in stumpfer Panik durch ihre Einkäufe überhaupt erst für die befürchtete Marktverknappung sorgen. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Ein Blick aus der Psychologie hilft, das Phänomen Hamsterkäufe etwas besser zu verstehen.

Das Bedürfnis nach Kontrolle

Panikkäufe sind kein neues Phänomen. Bereits im Jahr 1918, als die spanische Grippe wütete, kauften die Menschen in Baltimore sämtliche Drogerien leer. Damals wurden primär Produkte gehortet, die eine Grippeinfektion verhindern oder Symptome abschwächt, so wie es auch am Anfang der Covid-Pandemie oder beim SARS-Ausbruch 2003 beobachtet werden konnte. Zu extremen Reaktionen wie Panikkäufen kommt es, wenn Menschen das Gefühl haben, ihr Leben sei in Gefahr. „Sie müssen dann irgendetwas tun, um das Gefühl der Kontrolle zu bekommen“, so erklärt Karestan Koenen, eine Professorin für Psychologie der Epidemien an der Harvard School of Public Health.

Das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Wir wollen spüren, dass die Handlungen, die wir ausführen, Folge tragen (die sogenannte Selbstwirksamkeit) und wir können es nicht haben, wenn andere über den Verlauf unseres Lebens bestimmen. Wie oft ist es vorgekommen, dass man sich vorgenommen hatte, freiwillig den Abwasch zu übernehmen und in dem Moment, in dem ein Elternteil einen dazu auffordert, hat man absolut keine Lust mehr darauf? Das ist ein Beispiel für Kontrollerfahrung. Das Bedürfnis nach Kontrolle erklärt auch zum Teil, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Dazu hat spotlight bereits hier berichtet.

Wenn die Angst das Ruder übernimmt

Wenn sich Menschen bedroht fühlen, geraten sie in Panik. Das hat sich evolutionär als äußerst hilfreich herausgestellt. Panik entsteht im Gehirn dann, wenn die Kommunikation zwischen zwei Arealen im Gehirn schief läuft. Die Amygdala, zuständig für unsere Emotionen, möchte, dass wir sofort aus der Gefahrensituation fliehen – wie das passiert ist dabei egal. Dann gibt es noch den präfrontalen Kortex, welcher für die Handlungsplanung zuständig ist. Anders als die Amygdala besteht der präfrontale Kortex darauf, einen genauen Fluchtplan zu entwickeln. Wenn Angst hinzukommt, wird die Kommunikation zwischen Amygdala und präfrontalem Kortex gestört und Panik entsteht. Die Amygdala übernimmt die Steuerung, Adrenalin wird ausgeschüttet und sofort gehandelt. Manchmal kann diese Kurzschlussreaktion Leben retten, z.B. wenn wir im Sekundenbruchteil aus dem Weg springen, wenn ein Auto uns zu überfahren droht.

Ungewissheit begünstigt Panik und besonders in der aktuellen Pandemie- und Kriegssituation werden wir mit (widersprüchlichen) Informationen überschwemmt. Wenn es jetzt heißt: Es gibt bald kein Öl mehr! setzt die Panik ein und die Öl-Regale werden leergekauft.

Von Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen

Hinzu kommt, dass es sich bei Hamsterkäufen um eine sogenannte „selbsterfüllende Prohpezeiung“ handelt, also eine Prognose über die Zukunft, die selbst dafür sorgt, dass diese Prognose eintritt. Das ganze funktioniert so: Menschen glauben an eine Vorhersage („Aufgrund des russischen Angriffskriegs wird es in näherer Zukunft kein Speiseöl geben.“). Deswegen verhalten sie sich so, dass sich die Erwartung tatsächlich erfüllt („Sie kaufen mehr Öl, als sie selbst benötigen. Der Markt ist auf die plötzlich steigende Nachfrage nicht vorbereitet. Jetzt gibt es tatsächlich kein Öl mehr.“). Das Ergebnis ist eine positive Rückkopplung zwischen Erwartung und Verhalten. Wer erwartet hat, dass das Öl knapp wird, wird jetzt darin bestätigt, dass seine Masseneinkäufe richtig waren, da es nun tatsächlich kein Öl mehr gibt.

Im Übrigen ist das Phänomen der Hamsterkäufe kein alleinig Deutsches. In fast allen Ländern können (und konnten) Hamsterkäufe beobachtet werden – allerdings wurden unterschiedliche Produkte gehamstert. Während sich die Deutschen um Toilettenpapier, Mehl und Hefe schlugen, waren in Frankreich ganze Kosmetika- und Weinabteilungen leergeräumt. Das sagt allerdings eher etwas über kulturelle Unterschiede darin aus, was Menschen brauchen, um das eigene Wohlbefinden zu sichern. Und in Deutschland scheint eben die letzte Würde des Menschen an einem Blatt Toilettenpapier zu hängen.

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