Gift für die Umwelt? – Ein Einblick in Neuseelands Erhaltung der Biodiversität

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von Giuliano Groer er studiert Psychologie im Master für kognitive Neurowissenschaften und engagiert sich seit langem in den Themen Bildungsgerechtigkeit, Umwelt- und Artenschutz. In einem neuseeländischen Outdoormagazin las er erstmalig zum Umweltschutz in Neuseeland und war sofort von der ethischen Dimension der Debatte fasziniert.

Natriumfluoracetat ist ein Natriumsalz und für den Menschen bei einer Dosis von 2 bis 10 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich. Über Neuseelands Nationalparks wird es jährlich kiloweise abgeworfen um Ratten, Wiesel und Opossums zu bekämpfen, zur Rettung der heimischen Flora und Fauna. Das Vergiften von Tausenden „Schädlingen“ zum Schutze der einheimischen Arten. Die spannende Frage: ist das vertretbar?

Neuseelands Flora und Fauna ist in vielerlei Hinsicht absolut einzigartig. Etwa 85 % der heimischen Pflanzenarten sind endemisch und somit nur auf Neuseeland zu finden. Das früh von anderen Landmassen getrennte Neuseeland hat in Abwesenheit großer Fleischfresser und bodenbewohnender Säugetiere eine einzigartige Biodiversität, insbesondere in der Tierwelt, entwickelt. Überhaupt gibt es nur drei einheimische Säugetierarten, allesamt Fledermäuse. Amphibien, Reptilien aber vor allem Vögel dominieren die Tierwelt der Inseln. Viele Vogelarten haben in Ermangelung an Bedrohungen das Leben in Bodennähe für sich entdeckt, einige Arten können nicht einmal fliegen. Doch die eingeschleppten Opossums, Ratten, Kaninchen und Wiesel setzen dem fragilen ökologischem Gleichgewicht der Inseln stark zu. So stark, dass die neuseeländische Regierung mit harten Mitteln gegen sie vorgeht.

Zu der Gefahr der invasiven Arten für Neuseelands Wälder gab es früh Erkenntnisse. Während Wiesel und Ratten zu großen Populationsrückgängen bei den vielen bodenbewohnenden Vögeln Neuseelands führten, fraßen sich die eingeschleppten Opossums munter durch die empfindliche Vegetation. Den Vermehrungsraten von Opossums und Ratten war mit Fallenstellen bald nicht mehr beizukommen. Drastischere Methoden mussten her.

Das Mittel der Wahl, genauer, das Transportmedium der Wahl sieht aus wie Tiefkühlspinat aus der Packung. Zylinderförmige, dunkelgrüne Pellets, bestehend aus gepresstem Getreide, Zucker und Farbe. 0,15 % macht das Natriumfluoracetat, Markenbezeichnung 1080, an so einem Pellet aus. Von diesen Pellets wird dann etwa ein Kilogramm pro Hektar Waldfläche ausgebracht. Das entspricht 1,5 Gramm 1080. Ausgebracht wird es von Hand oder mit dem Helikopter. Anhand penibel geplanter und GPS-getrackter Pfade fliegen Helikopter über die Wälder und verteilen die Köder in ähnlicher Weise, wie ein Räumfahrzeug das Streusalz auf die Straße bringt.

Das Natriumfluoracetat selbst ist höchst potent und vereinigt mehrere für die Schädlingsbekämpfung vordergründig nützliche Eigenschaften. Eine Anwendung kann den Schädlingsbestand der betreffenden Fläche laut Department of Conservation (DOC), Neuseelands Umweltschutzbehörde, um 98 % reduzieren. Es ist biologisch abbaubar, zersetzt sich im Boden und im Wasser. Ferner wirke es deutlich stärker auf Säugetiere als auf die zu schützenden Vögel. Auf Amphibien, Reptilien und Fische hat es erst in astronomisch hohen Konzentrationen eine Wirkung. Dabei sei gesagt, dass 1080 zwar effektiv tötet, jedoch nicht als „human“ bezeichnet werden darf. Es braucht je nach Quelle zwischen 5 und 40 Stunden, um ein Opossum zu töten, Wiesel und andere Raubtiere können Krämpfe, Lähmungen, Erbrechen und Spastiken durchleiden. Auf der vom „National Animal Welfare Advisory Committee“ verwendeten Skala für die Einschätzung der Humanität eines Giftes von 1 „so human wie möglich“ bis 8 „so unmenschlich wie möglich“ hat 1080 den Wert 6 inne. Auch die meisten anderen konventionellen Schädlingsbekämpfungsgifte haben diesen Wert.

Über die Jahre hat das DOC, die Methoden verfeinert. Noch in den Neunziger Jahren kamen teilweise 32 Kilogramm Pellets auf jeden Hektar, ausgebracht durch Leichtflugzeuge. Auch wurden anfänglich mit dem Toxin besprühte Karotten verwendet. Beides führte zu ungewollten „Beifängen“ in der Vogelwelt. Heute sind die Köder grün, was auf Vögel weniger attraktiv wirkt, dafür riechen sie nach Zimt, was wiederum Opossums und Ratten anlockt. So effektiv das Gift auf Ratten und Opossums wirkt, so effektiv wirkt es auch auf andere Säugetiere, also Haustiere und Menschen. Zielgebiete werden weit vor der Ausbringung von 1080 deklariert, um Unfälle zu vermeiden. Der Autor Dave Hansford beschreibt in seinem Buch „Protecting Paradise“ wie die Behörden vorgehen, um alle Menschen um das Gebiet herum zu informieren. Er berichtet von unzähligen Anrufen, Plakaten, Schildern, Zeitungsannoncen, das volle Programm.

Das Thema indes bleibt hochgradig kontrovers und führt zu mitunter ungewöhnlichen Koalitionen. So sind sich Jäger und tierrechtsaktivistische Verbände einig darin, dass der Einsatz von 1080 eingestellt werden muss. Landwirte, Umweltschützer, sowie die meisten Parteien des Landes unterstützen einen Einsatz. Der Diskurs verläuft entlang der Frage, ob es vertretbar ist, zum Schutz der heimischen Tier- und Pflanzenwelt im großen Stil andere Tiere zu vergiften. Dass die heimische Biodiversität zu schützen ist, steht indes nicht zur Debatte.

Die SPCA, eine neuseeländische Tierschutzorganisation, beispielsweise setzt sich für ein Verbot von 1080 ein, weil es „langes, unnötiges Leid“ bei den betroffenen Tieren verursache. Sie erkennt aber an, dass obwohl sie gegen eine Bezeichnung von Tieren als „Schädling“ sei, die heimische Tierwelt durch „humane“ Maßnahmen zu schützen sei. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt auch die Organisation „SAFE for Animals“, die es ebenfalls strikt ablehnt, von „Schädlingen“ zu sprechen und diese durch Fallen oder Köder zu bekämpfen. Auch sie wünschen sich „humane“ Methoden in Form von reproduktionsverringernden Maßnahmen. Sie fordern ein Aussetzen der Köderausbringung bis zur Findung einer passablen Alternative.

Das DOC lässt solche Argumente nicht gelten. Die Alternative zur Schädlingsbekämpfung sei „der Tod zahlloser verschiedener heimischer Arten durch die Zähne von Ratten, Wieseln, Opossums und weiterer Räuber bis zum Aussterben.“ Es gäbe zurzeit keine praktikablen Alternativen zur Köderausbringung aus der Luft für abgelegene, schwer zugängliche Gebiete und ein Aussetzen der Ausbringung würde erzielte Fortschritte vernichten.

Auch andere Argumente werden angeführt. Landwirte fürchten durch eingeschleppte Krankheiten um ihre Viehbestände und befürworten daher 1080. Jäger fürchten durch die Ausbringung von 1080 einen Einfluss auf das Wild und lehnen es daher ab. Die Maori-Partei, Vertreter der Ureinwohner der Inseln, hatten bis 2011 ein Verbot von 1080 gefordert, revidierten diese Ansicht aber auf Basis einer 2011 veröffentlichten Studie. Die Studie hatte die Effektivität von 1080 für die Schädlingsbekämpfung bei gleichzeitiger Schonung der Vögel unterstrichen. Die Maori-Partei schrieb dazu ferner: 1080 sei das effektivste aktuell zur Verfügung stehende Mittel, auch wenn man das verursachte Leid nicht gutheiße. Der Erhalt der biologischen Vielfalt sei das oberste Gebot.

Was ist erlaubt für den Schutz heimischer Biodiversität? Steht das Wohlergehen eines Tieres über dem eines anderen, nur weil es kein „Schädling“ ist? Die Fragen, welche Neuseelands Bewohner beantworten müssen, ist keine leichte, das Problem ist komplex. Beide Seiten gestehen sich zu, dass ein kritischer Diskurs zu dem Thema wichtig ist. Obgleich das Problem der invasiven Arten in Neuseeland logistisch lösbar erscheint, ist die ethische Debatte zu diesem Thema nicht verklungen. Sie ist auch für uns von Bedeutung. Was darf Umweltschutz? Auch wir in Deutschland müssen uns angesichts der Rückkehr von Tieren die hier als vertrieben galten, etwa dem Wolf, oder invasiven Arten wie dem Waschbären dieser Frage stellen.

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