Psychisch kranke:r Freund:in – Wie kann ich helfen?

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Während der Corona Pandemie haben psychische Erkrankungen stark zugenommen, in Deutschland um alarmierende 17%. Jedes Jahr leiden mehr Menschen an Angststörungen, Burnout und Depressionen und das nicht selten im Stillen. Trotz der erschreckend hohen Zahlen an Erkrankten ist es für viele ein langer Weg bis zur Diagnose und entsprechenden Therapie. In unserer Themenwoche zu psychischen Erkrankungen soll es bei Spotlight unter anderem um Therapieformen, Tipps für Angehörige, und unterschiedliche Erkrankungen gehen. Außerdem hat sich Hannah bereits sozialen Phobien in Pandemiezeiten gewidmet.

Wenn ein:e Freund:in oder der oder die Partner:in psychisch erkrankt, wirkt sich das auf die Beziehung aus und verändert die Kommunikation. Viele Menschen fühlen sich überfordert und hilflos aber auch für die Erkrankten ist die Situation sehr schwierig. Psychische Krankheiten bedeuten für die Patient:innen selbst großes Leid, und auch das Umfeld ist betroffen. Viele Angehörige ringen mit Schuldgefühlen, Vorwürfen und Hilflosigkeit. Außerdem löst die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen bei vielen von ihnen eigene Ängste aus.

Was hat meine:n Partner:in verändert? Trage ich selbst Schuld daran? Was kann ich tun ohne ihr oder ihm zu nahe zu treten und wer kann uns daraus helfen?

Bedauerlicherweise ist der Weg zur Diagnose für viele psychisch kranke Menschen sehr lang. Das liegt unter anderem an gesellschaftlichen Tabus, der Angst das eigene Leiden zu kommunizieren und Schwierigkeiten bei der Suche einer geeigneten Anlaufstelle. Viele Erkrankte fürchten, bei Freund:innen und Familie auf Ablehnung oder Unverständnis zu stoßen. Daher ist es als Angehörige:r besonders wichtig, geduldig auf die Person einzugehen und zu verstehen zu geben, dass man da ist. Auch wenn man sich selbst als Ansprechperson erst einmal hilflos und überfordert fühlt, ist es für die erkrankte Person wichtig, das Gefühl zu haben, verstanden zu werden. Man steht als Angehörige:r also in keinerlei Verantwortung selbst professionelle Hilfe zu leisten, sondern sollte versuchen, mit der kranken Person zusammen einen Weg zu suchen. Das kann beispielsweise der Weg zu einer oder einem Psychotherapeut:in oder Psychiater:in sein.

Für viele psychisch kranke Menschen ist es aber besonders zu Beginn der Erkrankung und vor einer Diagnose sehr schwierig, das eigene Leiden zu kommunizieren. Häufig wissen betroffene Personen gar nicht, wie sie ihre Situation ansprechen sollen oder ziehen sich aus Angst vor Unverständnis oder aufgrund der mentalen Erschöpfung zurück.

Was mache ich also, wenn ich andauernde Niedergeschlagenheit, Erschöpfung oder Rückzug aus dem sozialen Leben bei eine:r Freund:in oder meine:r Partner:in bemerke?

Das Gespräch zu suchen kann für Angehörige Personen schwierig scheinen. Trotzdem ist es wichtig, auf die betroffene Person zuzugehen, besonders wenn diese sich vielleicht selbst nicht zu helfen weiß.

Wie geht es dir? Und gibt es etwas, dass ich für dich tun kann? Dabei kann ein „ich mache mir Sorgen um dich“ oder „ich bin da, auch wenn du gerade vielleicht gar nicht weiter weißt“ helfen um erstmal zu signalisieren, dass der oder die Partner:in nicht alleine ist.

Das Leben mit eine:r psychisch kranken Partner:in kann bedeuten, dass der eigenen Alltag erst einmal kurzfristig zurückgestellt werden muss und sich Abläufe oder Aufgaben verändern. Auf lange Sicht ist es aber wichtig, als Angehörige:r eigene Erschöpfung zu vermeiden. Damit das gelingt ist es wie mit fast jeder Erkrankung entscheidend, sich professionelle Hilfe zu suchen. Als depressive Person eine:n Psychotherapeut:in aufzusuchen muss endlich so normal werden, wie mit einem gebrochenen Fuß zu eine:r Orthopäd:in oder Physiotherapeut:in zu gehen. Dazu folgt hier bei Spotlight diese Woche noch ein Artikel über die unterschiedlichen Therapieformen.

Häufig sind Angehörige von Menschen mit seelischen Erkrankungen einem Wechselbad von Gefühlen ausgesetzt – von Hilflosigkeit über Angst bis zu Wut und Verzweiflung. Dazu mischen sich bei vielen auch Schuldgefühle. Und nicht selten stoßen Angehörige bei psychisch erkrankten Menschen auf Abweisung oder sogar gereizte bis hin zu aggressiven Abwehrreaktionen.  

Christoph Middendorf, Facharzt für Psychiatrie & Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Oberarzt Tagesklinik Kurfürstendamm

Voraussetzung für den richtigen Umgang mit einer psychischen Erkrankung ist das Wissen um die Erkrankung. Untersuchungen zeigen, dass die Unterstützung gut informierter Angehöriger die Rückfallquote bei ehemaligen Psychiatriepatient:innen um etwa 25 % senken kann. Das hat dazu geführt, dass man heute nicht nur für Patient:innen, sondern auch für Angehörige verstärkt die so genannte Psychoedukation anbietet. So wird geholfen, dass Patient:innen und ihr Umfeld die Erkrankung besser verstehen. Dabei werden Angehörige aktiv in die Therapie mit eingebunden.

Gute Erfahrungen machen viele von ihnen auch mit psychoedukativen Gruppen. Die meisten psychiatrischen Kliniken bieten diese mittlerweile regulär an und laden gezielt auch Angehörige dazu ein. Das Gruppenangebot wird teilweise nach der Klinikentlassung ambulant weitergeführt und es lohnt sich, Ärzt:innen oder Therapeut:innen nach entsprechenden Angeboten zu fragen. Auch wenn kein ambulanter Aufenthalt stattgefunden hat, können Selbsthilfegruppen für Angehörige ein Ort sein, um Erfahrungen auszutauschen und Sorgen anzusprechen. Das kann helfen, sich weniger mit der Belastung alleine zu fühlen. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen hilft beispielsweise bei der Vermittlung solcher Selbsthilfegruppen- hier lassen sich über die Postleitzahl beispielsweise Angebote im Umkreis finden. Psychische Erkrankungen können auch für Angehörige extrem belastend sein und aus diesem Grund ist es wichtig, sich gegebenenfalls auch als Partner:in einer erkrankten Person professionelle Hilfe zu suchen.

Eigene Wünsche sollte man vor allem als Partner weiterhin klar formulieren. Wenn sich alle persönlichen Bedürfnisse der Krankheit unterordnen und der Angehörige ebenfalls stark psychisch leidet, ist niemandem geholfen.

Christoph Middendorf, Facharzt für Psychiatrie & Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Oberarzt Tagesklinik Kurfürstendamm

Als angehörige Person erleben viele selbst negative Gefühle wie Angst und Sorge, Ungeduld, Enttäuschung, Verzweiflung und Hilflosigkeit, Frustration und Wut, Einsamkeitsgefühle oder auch Scham- und Schuldgefühle. Da psychische Krankheiten oft nicht geradlinig verlaufen bin ich als Freund:in oder Partner:in verschiedenen Belastungen ausgesetzt, dabei spielen Schwere und Dauer der Erkrankung eine wichtige Rolle.

Um mich selbst zu schützen, ist es wichtig die eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen und die eigenen Sorgen den Betroffenen zu kommunizieren. Inzwischen gibt es viele gut wirksame Behandlungsansätze, die die Symptome einer psychischen Erkrankung deutlich reduzieren können. Gleichzeitig gibt es viele Angebote für Angehörige, in denen sie erfahren, wie sie gemeinsam mit dem Betroffenen mit der Erkrankung umgehen können.

Eine ausführliche Liste mit Anlaufstellen und Hilfsangeboten sowie Literaturempfehlungen für Angehörige psychisch kranker Menschen gibt es hier.

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