Kein Phänomen von Randgruppen – Lasst uns mehr über Suizidalität sprechen

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Verkehrsunfälle, illegale Drogen, Aids oder Suizid? Was denkst du, woran sterben die meisten Deutschen jährlich?
Im Laufe dieser Recherche wurde mir diese Frage gestellt. Ich war der festen Überzeugung, dass Verkehrsunfälle den größten Anteil ausmachen würden. Ich lag damals falsch. Heute weiß ich, dass mehr Menschen durch einen Suizid sterben, als durch Verkehrsunfälle, illegale Drogen und Aids zusammen. Heute weiß ich auch, dass Suizide die häufigste Todesursache von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist. Hättest du das auch gedacht?

In meinem Leben hatte das Thema Suizidalität lange nicht genug Platz. Dabei habe ich es nicht aktiv vermieden, ich dachte einfach, dass es mich nicht betreffen würde. Als ich dann doch die ersten Berührungen damit hatte, war ich hilflos. Wie kann ich Menschen helfen, die darüber nachdenken, sich zu töten? Gibt es besondere Anlaufstellen für Jugendliche?

Um das herauszufinden, treffe ich Susanne Vogeley. Sie ist Psychologin und arbeitet seit einigen Jahren als Beraterin bei der Caritas in Münster. Ich treffe sie am Rande eines Ausbildungstages für die ersten Online-Berater:innen der [U25]-Gruppe in Münster. Was genau das ist, wird sie mir später erklären. Das Projekt wurde, als Reaktion auf die hohen Suizidraten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren, bereits 2001 vom Arbeitskreis Leben (AKL) in Freiburg gegründet. Mittlerweile werden die 10 [U25]-Standorte von der Caritas organisiert. Münster wird bald als Nummer 11 dazu geschaltet. Wir setzen uns gemeinsam auf eine Bank und ich beginne sie zu fragen:

Was ist [U25]?
[U25] ist eine Online-Beratungsplattform, die sich speziell mit dem Thema Krisen bzw. suizidale Krisen beschäftigt. Das Besondere daran ist, dass dafür Gleichaltrige zwischen 16 und 25 Jahren ausgebildet werden und dann die Online-Beratung für dieselbe Altersgruppe übernehmen. Das heißt, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene innerhalb dieser Altersgruppe bei [U25] melden können. Ihnen wird von Gleichaltrigen geantwortet und sie bekommen so einen Begleitungs- und Beratungskontakt durch ihre Krise.

Wieso gibt es das Projekt?
Dieses Projekt gibt es, weil Suizid die häufigste Todesursache bei Jugendlichen ist. Es gibt zwar spezialisierte Beratungsstellen für das Thema Suizid oder Krise, Jugendliche kommen allerdings kaum in diesen Beratungsstellen an. Ein möglicher Grund dafür ist, dass viele Jugendliche davon ausgehen, dass in solchen Stellen nur alte Frauen und Männer sitzen, die sich nicht in ihre Lebensrealität reindenken können. [U25] wurde ins Leben gerufen, um diese Jugendlichen zu erreichen.

Was für Menschen beantworten denn dann die Mails?
Das ist eine spannende Frage. Hier in Münster sind es viele Studierende, die sich dafür entscheiden. Wenn wir in Schulen Workshops machen, sind das auch Schüler:innen. Denn eigentlich hat jeder diese Kompetenz, wenn er sich in andere hineinversetzt und empathisch auf andere reagiert. Denn Beziehung ist immer, auch wenn man über Beratung und Therapie nachdenkt, die wichtigste Grundlage für Veränderung oder für das Durchstehen von Krisen. Damit meine ich, dass jemand da ist, der sich für einen interessiert.

Wie hast du zu [U25] gefunden?
Ich habe mich da gar nicht speziell drauf beworben. Ich mache schon seit 15 Jahren Online-Beratung, also seitdem es die Online-Beratung der Caritas gibt. Am Anfang haben ganz viele gesagt, dass Online-Beratung einfach nur ein Informationskanal ist, den man nutzt, damit Leute dann in die Beratungsstelle kommen. Ich fand von Anfang an, dass da so eine ganz spezielle Nähe und Beziehung ist, die da möglich wird. Es ist total toll, dass es so ein zusätzliches Tool für die Beratung oder die Therapie gibt. Am wichtigsten ist immer, dass der Kanal für die oder den Hilfesuchenden passend ist. Deshalb bin ich so eine Verfechterin davon, dass alles was neu ist ausprobiert werden sollte. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Es war dann eher ein Zufall, dass ich zu [U25] gekommen bin. Ich habe auch lange Ausbildung in Beratung und Therapie gemacht und als dann eine Kollegin ging, die sich eigentlich mit [U25] beschäftigte, habe ich mich dafür gemeldet. Es war ein großes Geschenk für mich, da so zwei Dinge zusammengekommen sind, die ich gerne mache.

Wieso ist es wichtig über das Thema Suizidalität zu sprechen?
Zum einen ist es wichtig darüber zu sprechen, weil es so ein Tabuthema ist. Viele Menschen haben Angst davor und es gibt unheimlich viele Vorurteile. Eins davon ist beispielsweise „Wenn man jemanden auf Suizidgedanken oder Suizid anspricht, dann bringt man die Person erst auf die Idee“. Es ist aber genau das Gegenteil der Fall. Die meisten Leute fühlen sich damit, dass sie das haben, selber schlecht und haben das Gefühl eine Belastung für sich selbst und andere zu sein. Wenn man darüber redet ist es ein wenig so, als würde die Luft daraus gehen, dann geht ein Teil der Angst weg. Dadurch, dass man darüber spricht, hat man ein wenig Abstand davon. Man kann selbst darauf gucken und darüber reden. Dieser Abstand ermöglicht es immer, das in eine Relation zubringen, die es irgendwie handhabbarer macht. Wenn jemand anders einen fragt, dann stellt man sich die Fragen manchmal erstmals selber. Also willst du wirklich Tod sein? Willst du keine Angst mehr haben? Willst du angemessen behandelt werden? Da stecken ganz oft noch andere Themen drin, über die man selber nicht nachdenken kann, wenn sich keiner traut darüber zu sprechen. Die meisten Leute wollen über ihre Suizidgedanken sprechen, aber es ist total schwer selber den Anfang zu machen. Deshalb ist es wichtig, dass andere das tun.

Also ist es für dich auch wichtig, wenn wir als Gesellschaft auch mehr darüber sprechen?
Ja. Ich glaube gerade die Wahrheit hinter diesen Vorurteilen sind Informationen, die jeder kriegen müsste. Ich fände es gut, wenn jeder in der Schule erfährt, dass die meisten Sachen, die wir darüber denken Quatsch sind. Auch so etwas wie „Leute, die ein gutes Leben haben, bringen sich nicht selber um“ oder „die meisten bringen sich in der dunklen Jahreszeit um“. Es gibt so viele Vorurteile, die alle nicht stimmen, die sich trotzdem in unseren Köpfen halten. Diese Vorurteile machen es uns schwer, darüber zu sprechen und Ideen dafür zu finden, mit dem Thema Suizid umzugehen.  

Was kann ich tun, wenn ich suizidale Gedanken habe? Geht das vorbei?
Das kann vorbei gehen. Das weiß man nur in dem Moment einfach nicht. Deshalb ist es wichtig, sich jemanden zu suchen, bei dem man das Gefühl hat, dass diese Person es aushalten kann, das auch eine Weile zu begleiten. Ich glaube das Schlechteste ist, damit alleine zu bleiben. Es ist völlig egal ob es jemand ist, der sich professionell damit auskennt oder es Freunde oder Familie sind. Jeder, der einem beisteht ist wichtig. Manchmal ist es aber auch gut eine Kombination zuhaben. Also wenn man nicht nur mit Freunden oder Familie darüber redet, sondern auch mit Menschen, die sich professionell damit beschäftigen und damit meine ich auch Ehrenamtliche. Solche Menschen haben selber ein Unterstützungsnetzwerk, um für jemanden da zu sein. Ich glaube das Wichtigste für jemanden, der solche Gedanken hat ist nicht das Gefühl zu haben, eine Belastung zu sein. Das würde dann eher dazu führen, dass Menschen nichts darüber erzählen, weil sie Angst davor haben überwacht zu werden oder andere damit zu überfordern. Bei Menschen, die sich damit professionell auskennen, kann man sich also eher fallen lassen und so schlimm darüber reden, wie es sich gerade anfühlt.

Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand aus meinem Umfeld suizidale Gedanken hat?
Auch hier ist es wichtig das anzusprechen. Also zu sagen: „Du ich mache mir Sorgen.“ Das kann dann auch eine Hilfestellung sein. Das andere ist, nicht damit alleine zu bleiben. So etwas darf kein Geheimnis sein, weil es sonst für einen selber zu schwer ist, das zu tragen. Es ist also wichtig, sich selbst auch Anderen anzuvertrauen und zu sagen: „Es gibt da jemanden, um den mache ich mir Sorgen.“ So kann man das auf mehrere Beine stellen. Eine weitere Sache die wichtig ist, ist die suizidalen Gedanken nicht zu bagatellisieren. Also nicht zu sagen: „das wird schon wieder“ oder „wenn es wieder Sommer wird, geht das weg“, sondern zu sagen: „du das ist krass und das tut mir leid“ und so ehrlich und aufrichtig zu sein, wie man das irgendwie kann.

Mit diesen Worten gehen wir aus dem Interview raus. Susannes Pause ist vorbei und sie fährt mit der Ausbildung der neuen Peer-Berater:innen fort. In Zukunft nehme ich mir vor, dem Thema Suizidalität einen größeren Platz in meinem Leben zu geben und keine Angst mehr davor zu haben, Menschen darauf anzusprechen.

Wenn du neugierig auf [U25] geworden bist oder selbst suizidale Gedanken hast, die du jemandem anvertrauen möchtest, dann klicke doch hier drauf. Dort findest du ausführlichere Informationen zum Beratungsangebot, zum Umgang mit psychischen Problemen und weiteren Hilfsangeboten.

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