Das 12 Wochen-Gesetz und warum wir damit brechen sollten

Gepostet von

Ein Kommentar zum Tabu-Thema Fehlgeburten

Wenn Frauen schwanger werden, gibt es in unserer Gesellschaft ein ungeschriebenes Gesetz. Dieses ungeschriebene Gesetz gibt Frauen vor, zu welchem Zeitpunkt sie ihre Schwangerschaft dem weiteren Freundes-, Familien- & Bekanntenkreis mitteilen sollten. Der optimale Zeitpunkt dafür liegt demnach nach der 12. Schwangerschaftswoche.
In meinem Bekanntenkreis habe ich mitbekommen was passiert, wenn sich Frauen nicht daran halten. Kurz nachdem eine Bekannte ihre Schwangerschaft offentlich(er) gemacht hatte, verlor sie ihr Kind. Neben dem Mitgefühl kamen immer wieder auch Kommentare wie „Wieso hat sie das überhaupt jetzt schon erzählt?“ „Vor der 12. Woche kann doch noch so viel passieren“. Ich selber war vor allem schockiert darüber. Damals dachte ich, dass diese Fehlgeburt eine schreckliche Ausnahme sei und das die meisten Schwangerschaften gut verlaufen. Heute weiß ich das besser.

Tatsächlich enden Schätzungen zufolge 70% aller Schwangerschaften in einer Fehlgeburt. Diese Zahl scheint aus verschiedenen Gründen unvereinbar mit den Risikoeinschätzungen, die die Mehrheit von uns treffen würden. Zum einen sind damit bemerkte und unbemerkte Schwangerschaften gemeint. Ein sehr großer Teil aller Schwangerschaften bleibt unbemerkt, da sie schon sehr früh mit einer Fehlgeburt enden. Von den bemerkten Schwangerschaften enden 10% in einer Fehlgeburt, wobei das Risiko dafür besonders in den ersten 12 Wochen am höchsten ist (zwischen 15 – 20%).
Das ungeschriebene Gesetz hat also einen wahren Kern. Tatsächlich kann in den ersten 12 Wochen einer Schwangerschaft „noch sehr viel passieren“. Aber ist das ein Grund dafür, die eigene Schwangerschaft zu verheimlichen?

Keine Frau sollte sich dafür schämen, eine Fehlgeburt durchgemacht zu haben. So ein Erlebnis ist oft traumatisch für die betroffenen Eltern und kann dazu führen, dass sich Betroffene für ihren eigenen Körper schämen oder sich selbst die Schuld dafür geben. Doch wie die Zahlen oben zeigen, ist eine Fehlgeburt ein ganz normaler Teil der menschlichen Reproduktion.

Viele Forscher:innen und Mediziner:innen gehen davon aus, dass ein Großteil der Embryonen, die durch eine Fehlgeburt versterben, nicht lebensfähig gewesen wären, da sie starke Fehlbildungen oder Veränderungen in den Chromosomen aufweisen. Studien haben gezeigt, dass Zellen in der Gebärmutter gesunde von kranken Embryonen unterscheiden können und so eine natürliche Selektion vornehmen. Eine solche Selektion endet für besonders kranke Embryonen dann mit einer Fehlgeburt.
Auf diesen Prozess kann keine Frau einen Einfluss nehmen.

Dennoch ist dieser natürliche Prozess oft bei Betroffenen mit Scham behaftet und dass liegt unter anderem auch daran, wie wir als Gesellschaft mit dem Thema umgehen.
Vielleicht habe ich dir, liebe:r Leser:in in meinem Artikel noch nichts Neues über das Thema Fehlgeburt berichtet. Dann weißt du schon sehr gut Bescheid. Ich gehe allerdings davon aus, dass ein Großteil der Leser:innen noch nicht so gut Bescheid wussten. Genau das ist ein Problem.
Denn auch viele Frauen, die plötzlich eine Fehlgeburt erleben, wussten davor nicht, wie häufig so etwas passiert und dass sie damit nicht allein sind. Daran sollten wir etwas ändern und vielleicht reicht es schon, sich von ungeschriebenen Gesetzen zu trennen. Das ist aber natürlich jeder Frau selbst überlassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..