Der heilige Elon – ein Ausflug in die Welt der Musk-Fanbase (und warum die Twitterübernahme nichts mit Meinungsfreiheit zu tun hat)

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Bild: Daniel Oberhaus via Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Es gibt wohl kaum einen Unternehmer, der im Internet so sehr abgefeiert wird wie Elon Musk. Nicht nur ist er (aktuell) der reichste Mensch der Welt, er ist auch als einziger Unternehmer mit einer Fanbase gesegnet, wie sie sonst nur Boybands kennen. Wenn Elon twittert, wird dieser Tweet zigtausend Mal repostet und kommentiert, unabhängig davon, was der selbsternannte Weltretter von sich gibt. Nun hat er sich auf einen Deal mit dem Twittervorstand geeinigt: Für 44 Milliarden US Doller soll der Kurznachrichtendienst in seinen Besitz übergehen. Musk selber begründet die Übernahme Twitters mit dem Schutze der Meinungsfreiheit. Damit stellt er sich auf die Seite von Corona-Leugner*innen, Impfgegner*innen und Trump-Anhänger*innen, die in den letzten Jahren vermehrt eine angebliche Zensur auf der Plattform bemängelt hatten. Dass es Musk allerdings nicht wirklich um Meinungsfreiheit gehen kann, zeigte seine treue Anhängerschaft in der Vergangenheit mehrfach.

Musks Fanbase nennt sich selbst unironisch „Musketeers“ und ist nicht gut auf Kritik zu sprechen. Im Redditforum „r/ Elon Musk“ werden Bilder von Musk in gottähnlichen Posen verbreitet. Jeder Tweet des Unternehmers wird bis ins letzte Detail analysiert. Wagt es jemand in diesem Forum Kritik zu äußern, wird er oder sie sofort mit einer Menge Gegenmeinungen überschwemmt und die Kritik mittels Memes ins Lächerliche gezogen. Das ist jedoch noch ein Zuckerschlecken, wenn man sich ansieht, wie Elons Fanboys und -girls (aber hauptsächlich boys) auf Twitter agieren.

Ein Beispiel dafür ist die US Beraterin Missy Cummings. Sie kritisierte die Sicherheit von Elon Musks Teslas auf Twitter. Es dauert nicht lang, bis die „Musketeers“ tätig wurden. Die Kommentare unter ihrem Tweet waren strotzen plötzlich nur so vor Frauenhass, Gewaltandrohungen und Aberkennung ihrer Expertise im Fachgebiet Automobilindustrie. Die Elon Musk Fanbase zog ihren Namen so dermaßen durch den Dreck, dass sich Missy Cummings gezwungen sah, drei Tage nach ihrer Ernennung zur Top Federal Transportation Advisor, ihren Twitter Account zu löschen.

Ähnliches erlebte auch die Grünen-Politikerin und Kolumnistin Marina Weißband nach Kritik zur Übernahme Twitters durch Musk:

Twitter Unbrauchbar? Das klingt nach dem Gegenteil von Meinungsfreiheit. Marina Weißband sagte: Das hätten zuletzt Putin Trolls im Jahr 2015 geschafft. Das Verabreden zum „kollektiven Nerven“ bestimmter Akteure in den sozialen Medien, ist eigentlich eine Taktik, die man von der Neuen Rechten kennt.

Doch wer sind diese Menschen, die Musk verehren und ihn auf gottgleiche Ebenen stellen?

Um dieser Frage nachzugehen, muss man einen Ausflug in die Welt der Musk-Fanboys und in Musks eigene Geschichte unternehmen. Die „Musketeers“ sind meist jung, männlich und single. Sie nehmen sich Urlaub, wenn neue Produkte an den Markt kommen, um ja die ersten zu sein, die ihre Hände an das nächste musk’sche Wunderwerk legen können. Doch nicht nur ihre Demografie eint sie, sie folgen auch einer zentralen Grundregel: Elon Musk macht nichts falsch. Egal ob der Unternehmer dabei mit seinen kindischen Tweets Aktienmärkte durcheinanderwirbelt und deswegen nicht nur seit Jahren mit der US Finanzaufsicht im Clinch liegt, sondern auch tatsächliche Leben zerstört. Oder die Menschen in seiner Fabrik trotz Pandemie weiterarbeiten lässt. Oder Gewerkschaftsbildung verhindert. Oder zahlreiche Affen in qualvollen Tierversuchen für seine Firma „Neuralink“ tötet. Nichts davon klingt nach etwas, das Millionen von Menschen für sich alleine stehend abgöttisch feiern würde. Der Hype um Musk ist trotzdem da – worin liegt er begründet?

Elon Musk wurde als Sohn eines südafrikanischen Maschienenbauingenieurs und eines kanadischen Models in Südafrika geboren. Nach der Scheidung seiner Eltern lebte er die meiste Zeit bei seinem Vater, wanderte aber mit 16 Jahren in die USA aus, um dem Wehrdienst in der südafrikanischen Armee zu entgehen. Während seiner Kindheit erlebte Musk starkes Mobbing, das seinen Höhpunkt fand, als eine Gruppe Jugendlicher ihn eine Treppe hinunterwarfe und anschließend bewusstlos prügelte. Für seine Fans ist Musk die Inkarnation des Klischees des gemobbten Nerds, der nun auf der Gewinnerseite des Lebens steht. Er sei mutig, habe sich sein Geld mit seiner eigenen Innovationskraft und Unternehmertum erarbeitet – für viele eine starke Inspiration. Was die meisten dabei allerdings vergessen: Musk musste sich nicht vom Grund auf hocharbeiten und es ist einfacher „mutig“ und „innovativ“ zu sein, wenn dein Mut sorgenfrei von deinen Millionärseltern finanziert wird. Heute baut Musk nicht nur Elektroautos, sondern will mit seiner Firma SpaceX auch die Raumfahrt für Privatpersonen und die Besiedlung des Mars möglich machen.

Zusätzlich gilt Musk als „real“, er sei ein Außenseiter in der Geschäftswelt, weine sogar manchmal in Interviews. Also das komplette Gegenteil zu beispielsweise Mark Zuckerberg, der so emotionslos wirkt, dass sogar seine Wachsfigur mehr wie ein echter Mensch scheint als er selbst. Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass Musk einen großen Teil seines Geldes direkt und indirekt der Gesellschaft widme. Da ist nicht nur das Werbeversprechen seiner Automobilfirma Tesla, mit Elektromobilität eine bessere Zukunft zu schaffen, sondern auch die X-Prize-Foundation, die einen mit 100 Millionen US Dollar dotierten Forschungspreis ausschreibt, um nachhaltige Lösungen für die Reduktion von CO2 in der Atmosphäre zu entwickeln. Musk vertritt also nicht das Bild eines geldgierigen Unternehmers, sondern tut angeblich etwas für alle Menschen auf diesem Planeten.

Für den ganzen Planeten? Nein, eine kleine Gruppe Mitarbeiter*innen in den musk’schen Tesla-Fabriken werden weiter unter schlechten Arbeitsbedingungen ausgebeutet. Jegliche Versuche, sich in Betriebsräten oder Gewerkschaften zu organisieren, wurden von Musk niedergeschlagen. “Everyone in that whole empire is just driven by fear,” sagte ein ehemaliger Mitarbeiter dem Magazin Fortune. So soll es bald auch bei Twitter aussehen. Einen Aufsichtsrat will Musk nicht mehr bezahlen, dafür liegt aber die Idee einer Gebühr für Retweets auf dem Tisch. Und das obwohl der frühere Twitter-Chef Dick Costolo nach Hsssattacken von Musks Followerschaft Musk stark kritisierte: „Mobbing ist nicht Führungsstärke“. Da stimmen ihm sicher auch die zahlreichen Mitarbeiter Musks bei, die in einem Klima aus Druck und Schuld reihenweise ihre Jobs niederlegen.

Twitter ist nicht das einzige soziale Netzwerk, das (bald) unter der Kontrolle eines reichen Mannes steht. Aus diesem Grund rief Satiriker Jan Böhmermann dazu auf, nicht nur Twitter, sondern auch Meta und Google unter öffentliche Kontrolle zu stellen. Zusätzlich setzte er sich in einem Tweet für den „Aufbau einer paneuropäischen öffentlich-rechtlichen Körperschaft zur Substituierung der kritischen Kernfunktionalität von Twitter, damit Bürger*innen, Behörden, Institutionen, Unternehmen und Medien über einen freien öffentlichen Ort des digitalen Austauschs verfügen“ ein. Hier seien auch die deutschen öffentlich-rechtlichen Medien gefragt. In Böhmermanns Augen sei es an der Zeit, dass ARD und ZDF anfingen, in neuen Richtungen zu investieren – eben auch in eine Nachrichtenplattform, die hauptsächlich von Politiker*innen, Journalist*innen und Interessierten für den politischen Diskurs und die schnelle Verbreitung von Nachrichten genutzt wird.

Der Personenkult um eine umstrittene Person wie Elon Musk lässt sich zunächst mit kühler Belustigung betrachten. Er wird allerdings dann gefährlich, wenn seine Anhänger*innen zu radikalen Mitteln greifen, sobald ihr Idol nicht die gewünschte Wertschätzung erhält. Nun liegt Twitter, eines der meistgenutzten Kommunikationsnetzwerke in den Händen eines Mannes, der öffentlich bekennt, wenig von staatlichen Regeln oder demokratischen Prozessen zu halten und zusätzlich kaum Steuern zahlt. Die einen sehen ihn als Egozentriker mit geringer Frustrationstoleranz, die anderen als heiliges Genie. Sich selbst sieht Elon Musk allerdings ganz woanders: und zwar 56 Millionen Kilometer von uns entfernt – auf dem Mars.

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