Wege ins Ehrenamt und warum manch „nerviger Gutmensch“ sogar glücklicher ist

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Die vergangenen zwei Pandemie Jahre waren wohl für uns alle turbulent und während die Corona Regeln langsam fallen, scheinen die Herausforderungen trotzdem nicht weniger zu werden. Kriege in vielen Teilen der Welt sowie die immer akuter werdende Klimakrise sind nur zwei der immensen Probleme vor denen wir als Gesellschaft stehen und die zumindest mir nicht selten Weltschmerz bereiten. Was mir jedoch bereits seit einigen Jahren Stabilität und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit sowie neue, enge Kontakte gibt, das sind meine ehrenamtlichen Tätigkeiten. Für mich ist freiwilliges Engagement eine Art, mich selbst auszuprobieren in einem Rahmen, der gerade das nicht ist- ganz ohne Leistungsdruck oder Wettbewerb, von denen wir in Ausbildung und Studium bereits genug erleben.

Es gibt Untersuchungen der OECD, wonach Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, eine bessere Gefühlsbilanz haben und eine höhere Zufriedenheit. Ehrenamt ist eine ganz wichtige Sache, denn man kann die Zeit sinnvoll nutzen – und zwar eigenbestimmt.

Glücksforscher Karl Heinz Ruckriegel

Trotzdem scheint nicht jede:r meine Begeisterung für das Ehrenamt zu teilen. Warum ich mich für eine Weltverbesserin halte fragen die einen; viele engagieren sich nur für den eigenen Lebenslauf! kritisieren die anderen. Mir ist natürlich bewusst, dass nicht jede:r die Möglichkeit hat, in seiner Freizeit unentgeltlich zu „arbeiten“ aber die, die es können, sollten es ausprobieren.

In ihrem Artikel zum Gesellschaftsjahr hat sich Celina bereits mit dem Thema befasst und schreibt „viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich. Aber viele engagieren sich auch nicht. Und das, obwohl sie es eigentlich gerne würden“. Denn genau das ist das Problem. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten sich freiwillig zu engagieren und trotzdem wusste ich damals gar nicht wo ich diese überhaupt finde. Die gute Nachricht ist, dass es gar nicht so schwer und auch nicht das klassische Ehrenamt sein muss. Über die Arbeit im Sportverein, der Geflüchteten Hilfe oder der eigenen Nachbarschaft bis hin zu Bewegungen wie Fridays for Future führen viele Wege zum Engagement.

Eine der unkompliziertesten Möglichkeiten ist es, im eigenen Bekannten- oder Familienkreis anzufangen. Gerade in Pandemie Zeiten haben wir gesehen, dass jede:r auf die ein oder andere Art auf Hilfe angewiesen ist. Wenn sich da vielleicht bereits ergeben hat, dass gegenseitig eingekauft oder im Haushalt geholfen wurde, dann wäre das bereits ein Anknüpfpunkt. Wöchentlich in der Nachbarschaft eine Hand zu reichen, Haustiere zu betreuen oder im Garten zu helfen kann bereits für die/den eine:n eine große Entlastung sein.

Einen ebenso direkten Einstieg ins freiwillige Engagement bieten Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter um nur zwei an dieser Stelle zu nennen. Termine für öffentliche Protestaktionen lassen sich leicht online herausfinden und bei Kundgebungen oder Demonstrationen können erste Kontakte geknüpft werden. Das funktioniert ansonsten ebenso gut über Facebook, Instagram und co. Alle größeren Bewegungen sind in den digitalen Netzwerken präsent und richten meist kleinere Ortsgruppen ein. Über diese werden Events und Aktionen kommuniziert und es kann sich einfach in Kontakt gesetzt werden. Welche dieser Organisationen ist nicht froh über motivierte Newbies?

Eine weitere Möglichkeit ist das Engagement an der eigenen Hochschule und auch hier kann das riesige Angebot erstmal erdrückend wirken. Vom Einsatz für die Hochschulpolitik, Student:innenvertretung oder für die Internationalisierung ist viel möglich. Dabei kann das Mitwirken auf dem eigenen Campus besonders nach (zu) vielen online Semestern ein Stück Campus Leben zurück geben und bietet eine Chance, motivierte Kommiliton:innen kennen zu lernen.

Auch lassen sich Veränderungen an der eigenen Universität direkt spüren, was sehr erfüllend sein kann. Die meisten Hochschulen bieten außerdem Buddy Programme für internationale Incoming Student:innen. Mir bereitet es sehr viel Spaß meiner italienischen Buddypartnerin Hamburg zu zeigen und Ausflüge für das Buddyprogramm zu organisieren. Wer sich gerne mit Internationals vernetzen möchte, kann das außerdem durch Engagement für das Erasmus Student Network machen. Das ist an jeder größeren Hochschule vertreten und setzt auch keinen eigenen Erasmusaufenthalt voraus. Gerade wer vielleicht nicht zwingend selbst ins Ausland möchte, aber trotzdem mit internationalen Studierenden zusammen kommen will ist hier genau richtig.

Über das junge Start-up Join Impact habe ich außerdem von Ehrenamtsbörsen erfahren, über die ganz einfach eine passende Tätigkeit in der Umgebung gefunden werden kann. GoVolunteer ist beispielsweise ein ansprechendes Portal welches soziale Projekte vermittelt. Diese können nach Belieben gefiltert werden, genauso wie die Anzeigen des Stellenwerks. Über GoNature finden Interessierte am Umweltschutz außerdem jede Menge Möglichkeiten sich für den Natur- und Artenschutz einzusetzen. Außerdem bietet Aktionmensch ein ähnliches Portal mit Zugriff auf Deutschlands größte Freiwilligen Datenbank über die nach Initiativen und Verbänden in der Nähe gesucht werden kann. Möglichkeiten sich für ukrainische Geflüchtete einzusetzen findet ihr außerdem bei uns auf Instagram.

Und warum nun das Ganze?

In Deutschland engagieren sich rund 32 Millionen Menschen freiwillig, wovon das gesellschaftliche Leben aber auch die Freiwilligen selbst profitieren.

„Our systematic review shows that volunteering is associated with improvements in mental health, but more work is needed to establish whether volunteering is actually the cause […]“

Dr. Suzanne Richards, University of Exeter

Für mich sind meine Ehrenämter immer eine Möglichkeit unter Leute zu kommen, gerade auch unter Menschen, mit denen ich ansonsten keine Schnittstelle gehabt hätte. Im Team ein gemeinsames Bestreben zu verfolgen gibt mir ein besonderes Maß an Resonanz und neben einem sehr theoretischen Studium die Möglichkeit, Selbstwirksamkeit zu erfahren. Wer sich bereits engagiert, sei es im großen oder privaten Kreis, wird wahrscheinlich auch die Erfahrung machen, über Kontakte auf immer wieder neue Möglichkeiten des Engagements zu stoßen, denn Networking ist nur eine der vielen Bereicherungen vom Ehrenamt. Während ein persönliches Netzwerk und Softskills immer wichtiger werden um sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten, bereichern sie in erster Linie persönlich.

Ehrenamt funktioniert in jedem Alter. Gerade uns jüngere Menschen möchte ich aber ermutigen. Besonders für uns Gen-Z, von denen immer mehr vor einem Meer aus Lebensentwürfen am Ende des Tages orientierungslos dastehen und diese Orientierungslosigkeit als Defizit empfinden, bietet Engagement eine Chance, Rückhalt und Selbsterfahrung zu erleben. Und wenn das dann dem eigenen Wohlbefinden gut tut, dann bin ich gerne eine:r dieser „nervigen Gutmenschen“.

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