Sie haben es gewusst! – Warum auch heute alle NS-Täter verurteilt werden müssen

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Obwohl Irmgard Furchner 76 Jahre lang der Strafvervolgung entgangen war, wollte sie sich auch im Herbst 2021 ihrer Schuld nicht stellen. Von 1943 bis 1945 arbeitete sie als Assistenzkraft des Lagerkommandaten Paul Werner Oppe im Konzentrationslager Stutthof – mehr als ein dreiviertel Jahrhundert später floh sie vor ihrem Prozesstermin aus einer Seniorenanstalt in Quickborn bei Hamburg. Wie viel Schuld tragen die Rädchen des NS-Regimes bis heute und welcher Verantwortung sollten sie sich stellen müssen?

Adolf Eichmann und die „Banalität des Bösen“?

Als Leiter der Zentralen Dienststelle des Reichssicherheitshauptamtes war Adolf Eichmann die gesamte Logistik zur Deportation von Juden aus Deutschland und den besetzten europäischen Ländern unterstellt. Seine Entscheidungen, Handlungen und Taten sind somit direkt mitveranwortlich für den Tod von mehr als sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Obwohl Eichmann vor 1941 regelmäßig Konzentrationslager besuchte und auch Hinrichtungen beigewohnt haben soll, hat er selbst vermutlich nie einen Menschen mit seinen eigenen Händen getötet. SS-Obersturmbannführer Eichmann tötete vom Schreibtisch aus, befehligte SS-Brigaden, organisierte Güterzüge bis Auschwitz und verwaltete die enteigneten Besitztümer ermordeter jüdischer Familien.

Nachdem Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg verlor, geriet Eichmann zunächst unerkannt und unter falscher Identität in amerikanische Kriegsgefangenschaft, später verhalfen ihm Faschisten und katholische Amtsträger zu Unterkünften auf Bauernhöfen und in Klöstern, bis er 1950 mit Unterstützung des österreichisches Bischofs Alois Hudel nach Argentinien floh, wo er als Elektriker in einem Mercedes-Werk arbeitete.

Erst zehn Jahre später gelang es dem israelischen Geheimdienst Mossad, den Exil-Nazi aufzuspüren, zu entführen und für seine Taten vor Gericht zu stellen. Ermöglicht wurde der Mammut-Prozess vor einem jerusalemer Gericht durch ein israelisches Gesetz, nach welchem Nazis und Nazihelfer auch in Israel verurteilt werden können.

Beobachtet wurde der Prozess international von einem großen Publikum. Die wohl wichtigste Beobachterin aber dürfte die Politologin Hannah Arendt gewesen sein. Nach dem Verfahren schrieb sie mit „Eichmann in Jerusalem“ das bedeutenste Schriftstück zur Causa Eichmann. 1906 in Hannover geboren, floh die Jüdin ab der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 über Genf und Paris in die Vereinigten Staaten. Im Prozess stellte Arendt fest, dass Eichmann von seinen Taten berichtete, wie von einem gewöhnlichen Job. Er erzählte, wie er Fahrpläne der Güterzüge ausklügelte, komplexe Akten beisammen halten musste oder Verwaltungsaufgaben an Adjutanten verwies. Arendt glaubt, Eichmann sei nicht sonderlich antisemitisch gewesen oder gar ein „Dämon“, er habe vor allem Karriere innerhalb des NS-Regimes machen wollen. Sie spricht von der „Banalität des Bösen“.

Die Politologin hebt auch hervor, obwohl moralisch zutiefst verwerflich, waren sämtliche Taten Eichmanns zur jeweiligen Zeit rein rechtlich völlig legal und durch Befehle und Gesetze sogar gefordert. Ein Argument, das auch in späteren NS-Prozessen immer wieder von Angeklagten vorgebracht wird.

In einem fiktiven Plädoyer am Ende ihres Buches stimmt Hannah Arendt schließlich der auch tatsächlich verhängten Todesstrafe, unter anderem wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen Eichmann zu. Sie ist der Meinung, dass es auch in einem totalitären Regime möglich sei, seine eigenen Handlungen und Anweisungen moralisch zu hinterfragen.

Das sah Adolf Eichmann bis zu seiner Hinrichtung durch Erhängen anders. Er gestand zwar moralische Schuld ein, nicht aber seine juristische. Aus diesem Grund bot Eichmann während des Prozesses an, öffentlich Suizid zu begehen, wenn er im Gegenzug nicht verurteilt werden würde. Ein Angebot, welches von der israelischen Regierung und dem Gericht lediglich mit mehr Schutzmaßnahmen beantwortet wurde, um einen Selbstmord Eichmanns zu verhindern. So wurde Eichmann nicht zum Richter seiner selbst, sondern musste sich seiner Verantwortung gegenüber den Opfern stellen.

Irmgard Furchner und die Flucht vor der Schuld

Irmgard Furchner war nicht direkt verantwortlich für den Tod von etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Doch auch sie war ein Rädchen in der Tötungsmaschine des Nationalsozialismus. Ohne Menschen wie sie wären die Gräueltaten der Nazis nicht möglich gewesen.

Furchner schien von ihrer Schuld dennoch nicht überzeugt. Wäre ihre Flucht erfolgreich verlaufen, hätte sie wohl kaum ein angenehmeres Leben als jetzt. Eine Gefängnisstrafe ohne Bewährung scheint angesichts ihres Alters und ihres gesundheitlichen Zustandes äußerst unwahrscheinlich. Erst kürzlich wurde der ehemalige SS-Wachmann Bruno Dey, der seine Taten ebenfalls im KZ Stutthof verübt hatte, wegen Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen von einem Jugendgericht lediglich zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Furchner dürfte also maximal eine Bewährungsstrafe oder Hausarrest fürchten, wobei ein Hausarrest die derzeitige Wohnsituation der 95-jährigen Rollstuhlfahrerin in einer Seniorenunterkunft wohl kaum verändern würde.

Ihre Flucht könnte also ein Indiz dafür sein, dass Irmgard Furchner ihre juristische Schuld ähnlich wie Adolf Eichmann einschätzt und, ebenfalls wie Eichmann, versuchte, ihre Verurteilung um jeden Preis zu verhindern.

Doch gerade für die letzten überlebenen Opfer, für Angehörige und für heute Diskriminierte ist es wichtig, dass Schuld bei allen Tätern festgestellt wird, nicht nur bei den Befehlshabern und auch nicht nur bei denen, die mit ihren eigenen Händen getötet haben. Für sie und auch für alle anderen ist es wichtig zu verstehen, dass der Holocaust oder der Zweite Weltkrieg keine Taten Einzelner waren. Sie waren vielmehr die Taten eines Volkes. Wer nicht nur nicht gegen die Nazis angekämpft hat, sondern sie durch die eigene Arbeit sogar unterstützte, war selber Teil des Systems, selber Nazi, selber schuldig. Dafür müssen sie die volle Verantwortung tragen, unabhängig von ihrem Alter, ihrer Gesundheit oder der Größe ihrer Rolle im System. So banal das Böse manchmal zu sein scheint, böse bleibt es trotzdem.

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