Follow-Up: Wie geht es Lukas nach seinem ADHS-Outing?

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Für Lukas war sein Gang an die Öffentlichkeit eine echte Bereicherung. Und das möchte er teilen. Auf Grundlage seiner Erfahrungen könne er nur empfehlen, das eigene AD(H)S nicht zu verstecken, auch wenn dies natürlich eine der persönlichsten Entscheidungen ist, die es überhaupt gibt.

Hintergrund: Die Abkürzung ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. (Aus dem Englischen stößt man auch auf die Abkürzungen ADHD oder ADD.) Der Unterschied zwischen ADS und ADHS besteht in den Hyperaktivitätssymptomen, die bei letzterer Variante auftreten. Die Betroffenen können neben ADS-Symptomen wie Sensibilität und Verträumtheit u.a. Impulsivität, Ungeduld und eine niedrige Frustrationsgrenze erleben. Viele Symptome (z.B. schlechte Feinmotorik, eine geringe Konzentrationsfähigkeit oder eine mögliche emotionale Instabilität) können in beiden Fällen auftreten. Außerdem ist die Krankheit mit zahlreichen Vorurteilen behaftet, was dazu führt, dass viele Betroffene sie für sich behalten.

In unserem Artikel vom 17. Mai 2022 erzählte Lukas über sein Leben mit ADHS und machte seine Krankheit damit für sein gesamtes Umfeld sichtbar. Für ihn ein gewagter Schritt. Einen Monat später hat sich für ihn nun so einiges verändert.

Den Ausgangsartikel gibt es hier.

Befreiung. Das ist eines der Worte, die dem 25-jährigen Volontär bei einem Lokalzeitungsverlag einfallen, wenn er daran denkt, dass nun jede:r über seine Krankheit Bescheid weiß. Vor allem wenn es um diejenigen geht, mit denen Lukas sonst keine großen Berührungspunkte hat. „Leute, mit denen ich vielleicht einmal im Jahr rede, mit denen ich zwar gerne ein Bier an der Bierbude trinke, aber mit denen man sich halt nicht über solche Themen unterhalten würde.“

Andere sollen auf ihn zukommen können. Wenn sie Fragen haben oder unsicher sind. Das findet Lukas auch nicht nervig. Im Gegenteil: „Ich habe mich ja jetzt bewusst dazu entschieden, dass genau das passieren soll.“ Lukas möchte Ansprechpartner für seine Krankheit sein. Er stelle sich dieser Verantwortung. Schließlich gibt es bei ihm Infos aus erster Hand. „Einfach mal Tacheles reden“, sagt er dazu.

Und die Reaktionen seines Umfelds? Durchweg positiv. Auch wenn er im Artikel von Misserfolgen und Scham berichtete. „Wie irgendwas, das ganz tief schlummert, und jetzt einfach mal raus ist. Einfach nicht mehr in einem. Ich habe es rausgegeben an die Öffentlichkeit.“ Doch ist sich Lukas bewusst, dass die Reaktionen, die er empfing, nicht für alle gelten (müssen). Es gäbe immer Menschen, die glaubten, ADHS sei erfunden oder nur gespielt. Solche Meinungen seien Lukas aber egal geworden. „Die zehn Leute, die dann schlecht reden, haben es halt einfach nicht verstanden.“ Das ADHS helfe ihm jetzt anhand der Reaktionen darauf zu filtern, welche Menschen gut für ihn seien, und welche nicht.

Viele bewunderten Lukas‘ Offenheit. Das ist natürlich schön, jedoch gleichzeitig schade, zeigt dies doch, wie viele Sorgen noch immer um das Thema ADHS schwirren. Dabei ist ADHS kein Hindernis eines Erfolgs, sondern kann stattdessen der Schlüssel für kreative Ideen und Selbsterfüllung sein. Wenn man Betroffene nur lässt. 

Selbsterfüllung ist für Lukas ein spannendes Stichwort, da sein Gang nach außen sich auch in seinem Inneren spiegelt. Zuerst war da Befremdung. Ein neues, eigenartiges Gefühl, eine Fahrt aufs offene Meer. Über sich selbst zu lesen, die eigenen Probleme und Ängste schwarz auf weiß vor sich zu sehen. „Aber dann war ich auch sehr schnell sehr erleichtert und befreit.“ Und seine Entscheidung bereut habe er in keinem Moment. 

„Ich habe jetzt ein viel größeres Selbstbewusstsein. Auch Selbstvertrauen, aber das sind ja zwei völlig verschiedene Sachen.“ Über die beiden Begriffe habe er sich nach seinem Outing viele Gedanken gemacht. Selbstbewusstsein sei für Lukas das Bewusstsein über die Existenz eigener Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen sowie deren Ursachen. Also das Kennen seiner Selbst. Dies habe Lukas nun ganz neu erfahren und dies habe ihn immens gestärkt. Die Auseinandersetzung, Akzeptanz und Mitteilung seiner Krankheit habe die Schwächen, die daraus hervorgingen, für Lukas zu Stärken gemacht. Angriffsflächen verkleinern, indem sie überhaupt erst geboten werden. Eigentlich ein Paradoxon. Aber es funktioniert.

Lukas ist sich also sicher, dass ein AD(H)S-Outing zum persönlichen Wachstum beitragen kann. Dafür sei es aber nötig, sich vorher intensiv mit sich und der Krankheit auseinanderzusetzen. Um zu verstehen, was man selbst mit einem Gang an die Öffentlichkeit eigentlich erreichen möchte. Zu erkennen, wie sehr Ablehnung einen verletzt oder nicht. Manchmal seien die Mauern, die man um sich herum errichtet aber gar nicht nötig, meint Lukas.

In der Praxis bedeutet das folgendes: Früher hat Lukas sich bei der Arbeit oder im weiteren sozialen Umfeld oft verstellt. Er verwendete viel Energie auf den Versuch „normal zu sein“, die er eigentlich an anderer Stelle gebraucht hätte. Das muss er jetzt nicht mehr. „Seitdem jeder in meinem Umfeld weiß, warum das so ist und warum ich mich komisch verhalte, im Zweifel, muss ich mich nicht mehr anstrengen. Und wenn ich mich komisch verhalte, was ich selbst ja eigentlich auch gar nicht mitbekomme, dann ist mir das egal. Und das kommt nur daher, dass das jetzt alle wissen, und dass ich damit offen umgehe.“

Lukas wünscht sich diese Erfahrung für alle Betroffenen. Und damit diejenigen, die sich outen, das Feedback darauf bekommen, das sie verdienen, hier Tipps von Lukas für die, die das Outing empfangen: Fragen, aber dann auch zuhören. Ernstnehmen, aber nicht zu ernst. Samthandschuhe seien nicht nötig. Dafür, meint Lukas, könne er wohl für alle mit ADS und ADHS sprechen.

Hier einige Anlaufstellen und Literaturlisten für Betroffene und Angehörige:

ADHS Deutschland e.V.: https://adhs-deutschland.de/Home.aspx

Infoportal ADHS: https://www.adhs.info

Literaturliste für Eltern: https://www.adhs.info/fuer-eltern-und-angehoerige/ratgeber-fuer-angehoerige/literatur-fuer-eltern/

Literaturliste für Partner:innen: https://www.adhs.info/fuer-eltern-und-angehoerige/ratgeber-fuer-angehoerige/literatur-fuer-partner/

Symptomliste für Erwachsene: http://www.adhs-deutschland.de/Home/ADHS/Erwachsene/ADHS-im-Erwachsenenalter.aspx

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