Empathie – vom empathischen Kurzschluss und der Bedeutung von Empathie

Gepostet von

Lisa Häußler studiert Gesundheitspädagogik an der PH Freiburg

“Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken.” (Isaac Newton)

Brücken bauen, durch Empathie

Empathie ist etwas äußerst menschliches und nahezu eine Basis für gelungene Kommunikation und gute zwischenmenschliche Beziehungen. Empathie läuft einfach ab, sie ist einfach da und dafür muss doch eigentlich gar nicht über sie geredet werden, oder? Vielleicht lohnt sich aber gerade auch in Zeiten der zunehmenden Individualisierung, Digitalisierung oder Globalisierung, ein Blick in die „Theorie der Empathie“ zu werfen, sie zu reflektieren und uns für (mehr) Empathie zu sensibilisieren.

Wie genau kann Empathie eigentlich definiert werden?

In einer Definition vom Dorsch Lexikon der Psychologie  wird Empathie als intensives Gefühl, bzw. „affektives Nachempfinden der vermuteten Emotion eines anderen Lebewesens auf Basis des kognitiven Verstehens dieser Emotion und bei Aufrechterhaltung der Selbst-Andere-Beziehung“, beschrieben. Sie ermöglicht, im zwischenmenschlichen Kontakt, zu verstehen, und Verstehen zu kommunizieren.

In der Wissenschaft wird zwischen einer kognitiven und einer emotionalen Empathie unterschieden. Das affektive Konzept, beschreibt Empathie als ein stellvertretendes Miterleben, bzw. eine emotionale Reaktion auf Gefühle eines Gegenübers. Andererseits ist Empathie ein kognitives Konzept – es geht um eine bewusste Rollen- und Perspektivübernahme. Um die intellektuelle Fähigkeit, Emotionen einer anderen Person objektiv zu verstehen. Zusammengefasst ist Empathie ein multidimensionales Konzept, dass beide eben beschriebenen Konzepte umfasst. Hinter Empathie stecken komplexe psychische Zusammenhänge, die durch andere Faktoren, wie Erziehung, Sozialisation und Entwicklung beeinflusst werden.

Wann ist Empathie im Alltag hilfreich?

Bestimmt erinnerst du die ein oder andere zwischenmenschliche Begegnungen im Alltag, die mal mehr, mal weniger empathisch abliefen. Sei es in der Familie, im Freundeskreis, beim Arztbesuch, im Job oder an der Supermarkt-Kasse. Empathie ist „allgegenwärtig“.

Stell dir vor, du erzählst deiner Freundin von deinen Ängsten, die du vor deiner anstehenden Operation hast. „Ach, mach dir keine Sorgen, das wird schon werden, das sind bestimmt Routineeingriffe!“ ist die Reaktion darauf. Hättest du dir auch mehr Verständnis und Mitgefühl gewünscht? Empfänger einer Botschaft neigen häufig dazu, möglichst direkt auf den Sender zu reagieren, ihn zu belehren oder zu beschwichtigen, bzw. ihm eine vorschnelle Lösung anzubieten. Dieses Phänomen wird auch als „empathischer Kurzschluss“ bezeichnet. Häufig steckt hinter der Strategie die Intention, eine emotional herausfordernde Situation abzufedern und die eigenen Gefühle zu regulieren. Dies kann dazu führen, dass sich der Sender in seiner Lage nicht genug gehört oder wertgeschätzt fühlt und seine Gefühle „unbearbeitet“ bleiben. Besser und langfristig oftmals auch gesünder, wäre ein abgleichender Prozess des Empfängers unter Anwendung seiner „Empathischen Kompetenz“ – beispielsweise durch Verbalisieren von Mitleid, Zuhören oder durch Fragen stellen. Eine gemeinsame Reflexion (von Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen) macht empathisches Verstehen aus, anstatt einer mehr selbstbezogenen oder „kurzschlüssigen“ Reaktion. So hättest du dich vielleicht verstandener gefühlt, wenn deine Freundin auf deine Äußerung mit „Das tut mir Leid, was genau macht dir denn Angst?“ reagiert hätte.

Kann man Empathie lernen?

Im Laufe der Evolution haben wir uns die Fähigkeit zur Empathie angeeignet. Vom Kindesalter an, wird sie durch unser Umfeld, soziale Kompetenzen und kommunikative Fähigkeiten geprägt. Liegt es da nicht nahe ein wie in Dänemark seit 1993 etabliertes Schulfach „Empathie“ einzuführen? Es soll Einfühlungsvermögen, soziale Fähigkeiten und den Zusammenhalt in Klassen stärken, und beispielsweise eine präventive Maßnahme gegen Mobbing sein. Dies sind doch grundlegende Fähigkeiten für Kinder, die nicht nur am Arbeitsplatz, sondern in allen Lebensbereichen von hoher Bedeutung sind!

Beim einen ist die Ausprägung der Empathie im Erwachsenenalter dann stärker, beim anderen weniger stark ausgeprägt und nur noch bedingt beeinflussbar, lern- und lehrbar. Sie ist sozusagen zu einem Charakterzug geworden. Doch auch Erwachsene können sich noch entwickeln, und Neues lernen. Zumindest können sie in der zwischenmenschlichen Kommunikation versuchen, Empathie gezielt einzusetzen, sich derer bewusstwerden, sich für empathische Gesprächsführung sensibilisieren und darüber reflektieren.

Gespräche, im Alltag oder auch im professionellen Setting, können empathisch, nach Marshall R. Rosenberg auch gewaltfrei, geführt werden. Bevor eine „Korrektur“ einer Problemlage stattfindet, gilt es zunächst eine „Verbindung“ zum Gesprächspartner aufzubauen. Durch möglichst viel Offenheit, Annahme, Wertschätzung und Präsenz.

Der empathische Prozess läuft nach der Gewaltfreien Kommunikation anhand von vier Schritten ab. Diese können besonders in Konfliktgesprächen, als auch in vielen Alltagssituationen oder im professionellen Kontext (z.B. in Beratungssituationen) angewendet werden. Im ersten Schritt soll eine Beobachtung benannt werden (z.B.: „Gestern, als ich zu meiner Schicht gekommen bin, hat mich niemand begrüßt.“). Im zweiten Schritt geht es um die Beschreibung der Gefühle (z.B.: „Ich habe mich traurig gefühlt.“). Dabei sollte keine Verwechslung mit der Nennung von Gedanken stattfinden (z.B. „Ich hatte das Gefühl, keiner mag mich.“). Im dritten Schritt gilt es, Bedürfnisse zu benennen (z.B.: „Ich habe das Bedürfnis nach Wertschätzung und Kommunikation.“). Bedürfnisse begründen Gefühle und spiegeln sich in der Gefühlslage wider. Sie beschreiben, was jemand motiviert und braucht. Bedürfnisse können erfüllt werden anhand spezifischer Strategien. Nach dem Psychotherapeuten Klaus Grawe gibt es vier Grundbedürfnisse, die jeder Mensch hat. Darunter fallen Selbstwert (-Schutz/ Erhöhung), Bindung, Orientierung (und Kontrolle), sowie Lustgewinn (und Unlustvermeidung). In einem letzten Schritt kann dann eine Bitte (z.B. „Ich bitte Sie darum, das Arbeitszimmer nach Dienstende möglichst sauber zu hinterlassen.“) formuliert werden.

Die Gewaltvolle Kommunikation dagegen wird auch als „Wolfssprache“ beschrieben. Darunter fallen Analysen (z.B. „Sie sind Egoisten.“), Bewertungen (z.B. „Sie sind unfreundlich.“), Abgabe von Verantwortung (z.B. „Sie hat mich verlassen.“) oder Interpretationen (z.B. „Sie verstehen mich nicht.“). Anstatt „Du-Botschaften“, ist es besser „Ich-Botschaften“ zu formulieren. Um die Gewaltfreie Kommunikation gut anwenden zu können braucht es Zeit, Übung und Erfahrung. Und natürlich ist sie kein „Allzweck- und Allheilmittel“ oder „nötig“ für jede Gesprächssituation! Aber vielleicht mag ihre Anwendung die ein oder andere Konfliktsituation besser bewältigen und ausgehen lassen? Es mag auch wertvoll sein, sich bewusst zu machen, dass hinter Konflikten in der Regel unerfüllte Bedürfnisse stecken und Emotionen Teil davon sind, die kommuniziert werden können!

Empathie im Patientengespräch

Viele haben sicherlich schon ein unbefriedigendes Arztgespräch erlebt. Woran lag es? Hattest du vielleicht den Eindruck, dass der Arzt, oder die Ärztin mit dir über deine Problemlage nicht so ganz verständnisvoll, oder empathisch kommuniziert hat? In einer Studie über die Bedeutung und Barrieren ärztlicher Empathie kam heraus, dass durch Empathie aus ärztlicher Perspektive eine verstehensbasierte, helfende Haltung, sowie Einfühlung stattfinden und Verstehen kommuniziert werden kann. Ihr Einsatz kann außerdem die berufliche Unzufriedenheit und das Ausmaß an juristischen Klagen und das Stressempfinden senken, Beziehung verbessern und die Qualität des Informationsaustausches steigern. Gleichzeitig sollte Empathie aber nicht dazu führen, dass zu viel Mitleid entsteht und es gilt eine gewisse innere Distanz und vor allem Handlungsfähigkeit zu bewahren. Empathie kann nachweislich beim Empfänger, bzw. Patienten unter anderem für eine höhere Compliance (Therapietreue) sorgen und dafür, dass mehr berichtet wird, die Diagnose genauer ist, der emotionale Disstress reduziert und der Schmerz gemindert wird. Klar, der Arzt, oder die Ärztin können auch nicht alle „Sorgen“ auffangen und für alles Zeit und ein offenes Ohr haben. Auch wird eine empathische Gesprächsführung durch einige Rahmenbedingungen, wie die häufig geringe zur Verfügung stehende Zeit für ein Patientengespräch, erschwert. Trotzdem und gerade auch im Zeitalter der hohen Prävalenz von „lebensstilbedingten“ Krankheiten, ist es vielleicht umso relevanter, mit empathischer Gesprächsführung zu arbeiten.

Kann zu viel Empathie Nachteile haben?

Übermäßige Empathie und ein pathologischer Altruismus können auch zu Erschöpfungsstörungen führen. Wichtig ist es, die eigenen Bedürfnisse nicht aus dem Blick zu verlieren und auf die eigene emotionale Balance zu achten!

Eine Randnotiz: Dass Empathie nicht nur positiv eingesetzt werden kann, zeigen beispielsweise Missbrauchsfälle und „Geschäfte“ der Empathie für manipulative Zwecke – so zum Beispiel die Nationalsozialistische Propaganda.

Der Megatrend Individualisierung entwickelt sich in Richtung einer neuen Wir-Kultur.

Das zukunftsInstitut, welches europäische Trend- und Zukunftsforschung betreibt, hat sich mit der Frage beschäftigt, ob der angebliche Trend des zunehmenden Individualismus auch mehr Egoismus bedeutet. Urban Gardening, Co-Working, Sharing economy oder Co-Housing. „Nach der Regel Trend-Gegentrend-Synthese entsteht heute eine soziale Struktur von Re-Konnektivität – wobei praktisch kein Lebens- und Wirtschaftsbereich ausgeschlossen bleibt.“ Es wird von EMPATHISCHEM INDIVIDUALISMUS gesprochen: „Gerade eigenständige Menschen sind soziale Wesen, und zur Selbstverwirklichung gehört immer der Andere.“ Empathie ist, wie eingangs erwähnt, eine menschliche Eigenschaft, die es für gute zwischenmenschliche Kommunikation und für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben bedarf. Was genau ein gutes gesellschaftliches, Zusammenleben bedeutet, bleibt eine offene Frage, die gesellschaftlichen „Fortschritt“ und Wandel begleiten sollte!

„Empathisch zu sein, bedeutet, die Welt durch die Augen der anderen zu sehen und nicht unsere Welt in ihren Augen.“ (Carl R. Rogers)

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