Der Klimaclub – Was kostet der Klimawandel?

Gepostet von

von Victor, studiert BWL in Mannheim

51 Jahre ist es her, dass in einer Pressemitteilung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zur 36. Physikertagung im Jahr 1971 bereits der langfristige Einfluss des Menschen auf das Klima beschrieben wurde. Mit der Verbrennung fossiler Energieträger komme es zu einer Erhöhung des CO2 Gehalts in der Atmosphäre und letzten Endes zu einer Klimaerwärmung. Bereits hier wurde gewarnt, es würde „spätestens in zwei bis drei Generationen der Punkt erreicht, an dem unvermeidlich irreversible Folgen globalen Ausmaßes eintreten“. Mit der ersten Weltklimakonferenz 1979 wurde unter dem Dach der Vereinten Nationen ein „massiver Anstieg der Kohlendioxidkonzentration“ als Folge menschlichen Handelns in Aussicht gestellt und bereits die mögliche Eindämmung des damit einhergehenden Klimawandels thematisiert.

Spätestens mit dem Kyoto-Protokoll 1997 waren politischen Entscheidungsträgern weltweit die Gefahren des menschengemachten Klimawandels bekannt. Schließlich verpflichteten sie sich hier erstmals zur Senkung der Treibhausgasemissionen. Seitdem gingen die globalen Treibhausgasemissionen in CO2-Äquivalenten allerdings nur in wenigen Jahren zurück. Insgesamt stiegen sie zwischen 2000 und 2021 um 44 Prozent. Das weltweite CO2-Äquivalent Budget bis zur Erreichung des im Übereinkommen von Paris angelegten 1,5 Grad Ziels ist bei konstantem weltweitem Ausstoß in weniger als acht Jahren erreicht. Danach müsste die weltweite CO2 Bilanz eine Netto-Null erreichen, es dürfte also nicht mehr CO2 ausgestoßen werden als der Atmosphäre an anderer Stelle entzogen wird. Um die globale Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, bleiben nach Berechnungen des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) auf Basis von Daten des Sechsten Sachstandsberichts des Interngovernmental Panel on Climate Change (IPCC) noch weniger als 25 Jahre.

Warum also machen wir so wenig? Und warum machen andere noch weniger?

Wenn doch jeder weiß, welche katastrophalen Auswirkungen der Klimawandel hat und haben wird, wäre es doch nur logisch, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur effektiv zu begrenzen. Dem zugrunde liegt die Annahme, dass die Vermeidungskosten des Klimawandels niedriger sind als dessen Anpassungskosten. Weil jedes einzelne Land den Klimawandel nur geringfügig beeinflussen kann, muss es die Anpassungskosten als gegeben betrachten. Unternimmt es nun zusätzlich Anstrengungen zur Vermeidung nationaler Emissionen, kommt es zu einer Doppelbelastung – ein klassisches Gefangenendilemma. Sehen genügend einzelne Akteure deswegen vom Klimaschutz ab, kommt es zum Klimawandel. So entsteht aus individuell rationalen Erwägungen ein kollektiv irrationales Ergebnis.

Einzelne Länder und Staatengemeinschaften haben seit Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls durchaus ihre CO2 Emissionen gesenkt. So gingen nach Informationen des Umweltbundesamts die jährlichen Emissionen der EU-Mitgliedsstaaten in CO2-Äquivalenten zwischen 1990 und 2019 um 26 Prozent zurück. Diese Fortschritte wurden jedoch durch andere Emittenten überkompensiert. Im selben Zeitraum hat China etwa seine Emissionen vervierfacht.

Für ein perfektes Gefangenendilemma dürften die einseitig unternommenen Vermeidungskosten, man könnte sie auch Klimaschutz nennen, nur marginale Auswirkungen auf die Höhe der Anpassungskosten aller Länder haben.

Mit einem Anteil Chinas von 31 Prozent an den globalen CO2-Emissionen ist diese Annahme zumindest fraglich. Auch auf der Angebotsseite besitzen einige Länder Marktmacht. So brachten die fünf größten erdölfördernden Länder 2020 53 Prozent des weltweit geförderten Öls aus. Bei der Steinkohle steht China allein für die Hälfte der Weltförderung.

Zwischen 1997, dem Jahr des Weltklimagipfels in Kyoto, bis 2019 wuchs die Menge des jährlich geförderten Erdgases um 79 Prozent. Die weltweite Ölfördermenge wuchs im selben Zeitraum um 28 Prozent. Nahezu verdoppelt hat sich mit einem Zuwachs von 98 Prozent die Weltförderung von Steinkohle. In Ermangelung beliebig erweiterbarer Speicherkapazitäten steigen mit den Fördermengen fossiler Energieträger auch die weltweiten CO2-Emissionen. Entscheiden sich einzelne Akteure wie die EU-Mitgliedsstaaten, die größtenteils Nachfrager fossiler Brennstoffe sind, ihren Ausstoß zu verringern, entspricht das zunächst einem Rückgang der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen auf dem Weltmarkt. Weil die EU nur für 9,5 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes steht und der Nachfragerückgang Jahre oder gar Jahrzehnte in Anspruch nimmt, können andere Nachfrager zu etwas geringeren Preisen die übrigen Einheiten Kohle, Öl und Gas kaufen. Die stetig steigenden Fördermengen der genannten fossilen Brennstoffe sind Ausweis dessen. Der Gedanke, eine unsererseits eingesparte Einheit CO2 sei eine global eingesparte Einheit CO2 ist abwegig. Sogar ein marginaler Angebotsrückgang würde verpuffen. Entscheidet sich ein Land mit einem geringen Anteil an der Weltfördermenge, seine Fördermenge zu senken, wird der Produktionsausfall zu etwas höheren Preisen führen und dann durch andere Anbieter ersetzt.

Um die Fördermengen fossiler Energieträger und damit den weltweiten CO2-Ausstoß zu senken, muss also entweder ein signifikanter Teil der Nachfrage oder des Angebots verschwinden.

In vielen Fällen ist dies gleichbedeutend, weil auf staatlicher Ebene die größten Verbraucher auch die größten Förderer fossiler Brennstoffe sind. Dies ist in den vergangenen Jahrzehnten nur einmal in signifikantem Ausmaß geschehen. 2020 ging aufgrund der Pandemie die weltweite Nachfrage nach fossilen Brennstoffen zurück. Bei zunächst konstantem Angebot sanken die Preise teilweise unter Null oder zumindest unter die Förderkosten. Daraufhin reagierten beispielsweise die erdölfördernden Länder mit Angebotsverknappungen, der Preis stieg wieder an und der weltweite CO2-Ausstoß ging unweigerlich um mehr als fünf Prozent zurück. In weitaus kleinerem Ausmaß war dieser Prozess auch während der Finanzkrise im Jahr 2008 zu beobachten, hier gingen die Emissionen um 1,44 Prozent zurück. Für eine tatsächliche Reduktion des CO2-Ausstoßes braucht es gewissermaßen einen langfristigen Corona-Effekt. Alle wichtigen Akteure, allen voran China, die USA und die EU müssen gleichzeitig ihre Nachfrage nach fossilen Energieträgern senken. Erst dann wird deren Förderung eingeschränkt.

Aus diesem Gedanken speist sich die Idee des Klimaclubs und damit auch das neue Lieblingswort des Bundeskanzlers. Darunter fasste der Wirtschaftsnobelpreisträger und Ökonom an der Yale University William D. Nordhaus 2015 sein Lösungskonzept für das Problem des ökologischen Trittbrettfahrens zusammen. Trittbrettfahrer sind jene Staaten, die zum eigenen Vorteil auf Klimaschutzmaßnahmen, also die Vermeidungskosten verzichten, weil sie mit den eigenen Anstrengungen keinen entscheidenden Einfluss auf ihre späteren Anpassungskosten hätten.

In einem solchen Klimaclub würden sich die Mitglieder zu Maßnahmen des Klimaschutzes wie einer einheitlichen CO2-Steuer oder einem CO2-Handel verpflichten.

Wird eine Steuer erhoben, entfällt ein festgesetzter Preis auf jede emittierte Tonne CO2. Abhängig von der Höhe der Steuer steigt der Anreiz für Unternehmen und Verbraucher, das CO2 nicht auszustoßen. Je höher die Steuer, desto niedriger wird die ausgestoßene Menge CO2 in einer Volkswirtschaft oder im gesamten Klimaclub ausfallen. In einem CO2-Handel ist eine zuvor bestimmte Menge von Emissionszertifikaten verfügbar, die zum Ausstoß von CO2 berechtigen. Abhängig von der Menge der Zertifikate verhält sich der Preis. Der Vorzug eines Zertifikatehandels gegenüber einer CO2-Steuer ist die sichere Einhaltung des Mengenziels. Vorteilhaft an einer CO2-Steuer ist hingegen, dass Klarheit bei Produzenten und Konsumenten über aktuelle und spätere Kosten besteht. Alle Wirtschaftsteilnehmer wissen, welche Vermeidungskosten im Vergleich zur CO2-Steuer lohnend sind.

Außerhalb des Klimaclubs hergestellte Produkte werden nach der Vorstellung des US-Wissenschaftlers Strafzöllen oder einem CO2-Grenzausgleich unterworfen. Dadurch bestünde für emissionsintensive Industrien kein Anreiz, aus Ländern des Klimaclubs abzuwandern. Innerhalb der Gruppe wären derartige Ausgleichs- oder Strafzahlungen wegen der abgestimmten Klimaschutzmaßnahmen nicht nötig. Zusätzliche Anreize könnten durch den weiteren Abbau von Handelsbarrieren entstehen. Verletzen Mitgliedsstaaten ihre Selbstverpflichtungen, würden sie sanktioniert oder aus dem Klimaclub ausgeschlossen. Sofern ein großer Teil der Weltwirtschaft in einem solchen Klimaclub gebündelt ist, ist ein Beitritt für alle Staaten vorteilhaft, die am internationalen Handel und den damit einhergehenden Wohlstandsgewinnen partizipieren wollen.

Auf dem G7-Gipfel in Elmau und schon zuvor als Bundesfinanzminister hat Kanzler Scholz die Idee in die Runde der Staatschefs eingebracht. Ob es in absehbarer Zukunft zu einer Übereinkunft kommt, hängt letztlich an den Interessen der Staaten, die Teil des Klimaclubs sein müssen. Ein einheitlicher Preis für CO2, ob er sich am Markt bildet oder politisch festgelegt wird, wäre für Volkswirtschaften mit niedriger Wirtschaftsleistung schwer vermittelbar, weil sie sich weitaus stärker einschränken müssten als Länder mit einer höheren Kaufkraft. Ebenso teilen womöglich nicht alle politischen Entscheider, dass die Vermeidungskosten des Klimawandels niedriger als dessen Anpassungskosten sind. Kurzfristig käme es sicher zu größeren wirtschaftlichen und sozialen Zumutungen als ohne einen Preis für CO2. Die Konkurrenz um die Vorherrschaft der USA und Chinas in der Welt und die damit verbundene Blockbildung ist eine weitere Hürde. Ein Eingriff in die Wettbewerbssituation beider Seiten um wirtschaftliche Stärke würde in jedem Fall erfolgen. So unwahrscheinlich ein großer Wurf gerade jetzt erscheinen mag, ist ein Klimaclub der einzige Weg, CO2-Emissionen nicht von einem Kontinent auf den anderen zu verlagern, sondern sie tatsächlich zu verringern.

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